Zuckerberg der Teilhabe – Ein Plädoyer für die Verantwortung der Wirtschaft

(Der nachfolgende Beitrag von Marion Döbert wurde erstmals abgedruckt in Alfa-Forum 2013, Heft 84)

marion_doebertEs gibt Wörter, die niemand mehr hören mag. Das sind Wörter, in die man das Vertrauen verloren hat. Solche Wörter sind unter vielen anderen „Gleichberechtigung“, „Bildung für Alle“, „Chancengleichheit“, „Bildungsgerechtigkeit“, „Nachhaltigkeit“ und bald auch die Wörter „Inklusion“ und „Teilhabe“? Oft handelt es sich um Wörter, die nicht richtig fassbar sind und deshalb von verschiedenen Akteuren nach jeweils eigenem Gustus semantisch ausgekleidet werden können. Dabei ist es erstaunlich, dass solche Wörter plötzlich irgendwo auftauchen, sich in schwindelerregender Geschwindigkeit in allen Medien und öffentlichen Diskussionen wiederfinden, bis sie entweder in Gesetze und Verwaltungsregelungen eingehen – was immerhin eine Errungenschaft ist – oder aber unbemerkt wieder von der Bildfläche verschwinden – was eher der Realität entspricht.

Selbst wenn es ein Wort von der Vision bis zu einer verbindlichen Verankerung geschafft hat, garantiert dies nicht, dass die Vision auch tatsächlich in der Realität umgesetzt wird. Auch wenn es gesetzliche Regelungen gegen die Benachteiligung von Frauen gibt, erhalten diese in der Regel immer noch weniger Geld für gleiche Arbeit, haben es schwerer, in Führungspositionen zu gelangen, sind nach wie vor schwerpunktmäßig für die Kindererziehung zuständig usw. Auch das Wort „Teilhabe“ hat es in die Etage gesetzlicher Regelungen geschafft, was sich z.B. in den Bildungs- und Teilhabepaketen für Kinder oder in Maßnahmen zur Rehabilitation niederschlägt. Auch die Pflegeleistungen der Pflegeversicherungen sind gesetzlich geregelt und sollen eine menschenwürdige Teilhabe von Menschen mit Handicap gewährleisten. Doch wer je für die Versorgung einer pflegebedürftigen Person zuständig war, weiß, dass mit harten Bandagen gekämpft werden muss, um angemessene Leistungen durchzusetzen. Das Bildungs- und Teilhabepaket wurde von den bildungsfernen Elternhäusern vielerorts nicht abgerufen, weil die Bürokratie viel zu kompliziert ist. Und wer mehr als minimale Pflegeleistungen benötigt, muss Widersprüche einlegen können, Stellungnahmen schreiben, unzählige Informationen herbeischaffen, sie verstehen und in Schreibhandlungen umsetzen. Bei allen Formen der Teilhabe gilt: Wer seine Rechte nicht kennt, sie nicht wahrnehmen kann, weil er nicht lesen oder schreiben kann oder mit komplizierter Bürokratie nicht zurechtkommt, der bleibt ausgeschlossen von echter Teilhabe, und damit gilt nach wie vor: (Bildungs-)Arm bleibt arm, und wer arm ist, kann nicht teilhaben.

Von einem gerecht verteilten Zugang zu Lebensressourcen –wie z.B. der Teilhabe an Bildung – sind wir genauso weit entfernt wie dies bereits von den Sozialisations- und Bildungsforschern in den 1970-er und 1980-er Jahren aufgezeigt wurde. Prof. Dr. Klaus Hurrelmann prangerte in seiner Emeritierungsrede an, dass nach über vierzig Jahren profunder erziehungswissenschaftlicher Forschung die essentiellen Erkenntnisse erschreckend wenig in der Bildungspolitik und damit auch im Alltag benachteiligter Bevölkerungsgruppen angekommen sind. Nahezu alle seine Sozialisationsforschungen, Kinder- und Jugendstudien weisen den immer gleichen Zusammenhang zwischen ökonomischer, sozialer und Bildungsarmut nach. Hurrelmann steht damit nicht alleine. Die Gesundheitswissenschaften, nationale Bildungsberichterstattung und internationale Vergleichsstudien liefern unzählige Daten dafür, dass der Zugang zu gesellschaftlichen Gütern wie Bildung und Gesundheit verschlossen bleibt, wenn ein Mensch in ökonomischer Armut lebt. Kein Autobauer, kein Pharmaunternehmen, kein Mobilfunkanbieter würde jemals die Augen verschließen vor wichtigen Forschungsergebnissen und erforderlichen Neuinvestitionen. Rasante Entwicklung und Optimierung von Produkten sind die Folge, und mit Neid können Bildungspolitiker, Erziehungswissenschaftler und Pädagogen sich schon jetzt ein Bild von Teilhabe machen (s. http://internet.org/), wie sie von Mark Zuckerberg nicht nur als Vision, sondern bereits als knallharte Strategie angegangen wird. Zuckerberg hat die führenden Technologieunternehmen zusammengebracht, um so schnell wie möglich 5 Milliarden Menschen mehr weltweit den Zugang zum Internet zu ermöglichen. Die Slogans unterscheiden sich dabei gar nicht so sehr von den Worten aus dem Bildungsbereich: Tools, Ressourcen und Best Practices sollen miteinander verbunden werden, um den Zugang für alle zu ermöglichen. „Jeder von uns. Überall. Miteinander verbunden.“ Netzwerke sollen gebildet werden, die Zugänge und Teilhabe ermöglichen. Wie unterschiedlich aber solche Worte interpretiert und in strategisches Handeln umgesetzt werden, zeigt sich in der Gegenüberstellung von Bildungs- und Sozialsystem einerseits und Wirtschaftssystem andererseits besonders krass. Die globale Partnerschaft der führenden Technologieunternehmen unter internet.org hat eine Vision von Teilhabe; die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auch. Im Unterschied zur Teilhabe am Internet geht es der WHO um die gleichberechtigte Teilhabe von behinderten oder beeinträchtigten Menschen an allen Lebensbereichen. Der Impetus, der Antrieb, sich für Teilhabe zu engagieren, ist jedoch ein gänzlich anderer: Während Bildung und Soziales letztendlich auf humanistische Ziele hin ausgerichtet sind, kann Internet.org sich auf neue Gewinnpotentiale freuen. Da, wo Gewinne erzielt werden können, werden auch Forschung und Entwicklung ernst genommen. Da, wo es um humanistische Werte geht, fehlt in der Regel die Perspektive einer Gewinnerzielung oder Gewinnmaximierung, und damit fehlt es auch an Investition. Und auch wenn renommierte Forschungsinstitute wie z.B. die Bertelsmann Stiftung Jahr für Jahr mit profunden Zahlen dokumentiert, dass Investitionen in Bildung, in Weiterbildung, in bessere Übergangssysteme und damit in den Abbau von Bildungsbenachteiligung so hohe volkswirtschaftliche Erträge erbringen würde, dass die Staatsverschuldung nahezu aufgehoben würde, selbst dann fehlt es an diesen Investitionen. Zerrissene Bund-Länder-Zuständigkeiten, unterschiedlichste Länderregelungen, abgetrennte Ressortbudgets, parteipolitische Interessen und ein Gewinnpotential, das sich erst nach vielen Jahren abzeichnen würde, verhindern, dass Visionen und Strategien im Bildungs- und Sozialbereich zeitnah –oder überhaupt – abgestimmt und umgesetzt werden. Welcher auf fünf Jahre gewählte politische Mandatsträger sollte an Erfolgszahlen interessiert sein – und sich damit profilieren können –, die über einen Zeitraum von 20 oder mehr Jahren kalkuliert werden? In der Folgerung bedeutet dies: Echte Teilhabe gibt es nur in einem Leben ohne Armut. Ergebnisse der Armutsforschung müssen Eingang finden in die nationale Strategie zur Reduzierung des funktionalen Analphabetismus und in die Alphabetisierungsdebatten. Und nicht zuletzt sollte Teilhabe nicht nur von unten – vom Individuum her – gedacht werden, sondern auch von oben her, nämlich im Sinne der Verantwortung der mächtigen Akteure in einer Gesellschaft für diese Gesellschaft selbst. Gewinnt Zuckerberg für die Alphabetisierung, ganz im Sinne von „Jeder von uns!“