Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland

Vor der Dekade ist nach der Dekade? Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland
Bis zu den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts war Analphabetismus bei deutschsprachigen Erwachsenen kein Thema. Es gab ausreichend Arbeitsplätze für ungelernte Arbeiter/innen und genügend Aushilfstätigkeiten, bei denen Lesen und Schreiben nicht oder nur in geringem Maße nötig waren. Dies änderte sich durch die Einführung neuer Technologien und die Verlagerung von Arbeitsplätzen mit Routinetätigkeiten ins Ausland. Besonders die Menschen, die nur unzulänglich lesen und schreiben konnten, fielen zunehmend mehr aus dem Arbeitsmarkt heraus: Sie konnten nicht umgeschult werden; sie konnten nicht an Maschinen angelernt werden, die mit Schriftdisplays oder schriftlichen Arbeitsinstruktionen versehen waren; sie konnten nicht an Bildungsmaßnahmen teilnehmen, um sich (weiter) zu qualifizieren.

Nach der Wende traten die im Westen eher allmählich verlaufenen Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt im Osten stark beschleunigt ein, so dass funktionaler Analphabetismus plötzlich auch in den neuen Bundesländern öffentlich wurde. Die Betroffenen wandten sich vermehrt an die Volkshochschulen, die auch noch bis heute Hauptanbieter von Alphabetisierungskursen für Erwachsene sind.

Die erste bundesweite Tagung zum Thema „Analphabetismus unter deutschsprachigen Jugendlichen und Erwachsenen – eine Herausforderung für Weiterbildung und Forschung“ fand im Herbst 1980 in Bremen statt. Hier geriet das Thema zum ersten Mal in den Fokus der Öffentlichkeit, und in einem Abschlusskommuniqué wurden den politisch Verantwortlichen elf Maßnahmen zur Behebung des Problems empfohlen. Unter anderem gehörte dazu auch die Forderung, personelle, räumliche und sachliche Mittel für die Förderangebote sicherzustellen (vgl. Drecoll/ Müller 1981, S. 199).

Alphabetisierung und GrundbildungWenige Jahre nach Frank Drecolls und Ulrich Müllers Konferenzdokumentation (Drecoll/ Müller 1981) und der Studie „Über Analphabetismus in der BRD“ von Bettina ehling, Horst-M. Müller und Marie-Luise oswAlD vom Arbeitskreis Orientierungs- und Bildungshilfe (vgl. ehling et al., 1981) wurde 1984 die „Schreibwerkstatt für neue Leser und Schreiber e.V.“ gegründet. Praktiker hatten sich zusammengefunden, um Materialien zu entwickeln, sich auszutauschen, Fachliteratur herauszugeben und die vereinzelt arbeitenden Kursleiterinnen und Kursleiter mit Tipps und Know-how für das Bildungsneuland Alphabetisierung zu versorgen. 1985 gaben sie die erste Ausgabe des „Alfa-Rundbriefs“ (des heutigen „AlfA-foruMs“) heraus. Die erste und bis heute einzige deutschsprachige

Fachzeitschrift für Alphabetisierung und Grundbildung war damit entstanden. Die Schreibwerkstatt für neue Leser und Schreiber e.V. schloss sich 1997 mit der Bundesarbeitsgemeinschaft Alphabetisierung (BAG) zusammen. Hieraus entwickelte sich der heutige Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. (Eine Dokumentation der Entwicklungen bis zum Jahr 2000 findet sich in dem Buch von Döbert/ hubertus, 2000.)

Ein wichtiger Akteur viele Jahre vor der Dekade war auch die Pädagogischen Arbeitsstelle (PAS) des Deutschen Volkshochschul-Verbandes (DVV), das heutige Deutsche Institut für Erwachsenenbildung e.V. – Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen (DIE).

Projektförderung durch den Bund

Das Bundesbildungsministerium begann 1981/82 kontinuierlich, Projekte im Bereich der Alphabetisierung und Grundbildung zu fördern (Vgl. die Chronologie der überregionalen Projekte in der Alphabetisierung und Grundbildung von Jürgen genuneit und Monika tröster (2009). Diese wurde von der alphabund-Transferstelle beim UNESCO-Institut für Lebenslanges Lernen in Auftrag gegeben.). Projektnehmer war in den 80-er Jahren schwerpunktmäßig die PAS. In dem Projekt „Entwicklung und Unterstützung von Maßnahmen zur muttersprachlichen Alphabetisierung an Volkshochschulen“ (1982 – 1986) und dem Nachfolgeprojekt „Vermittlung elementarer Qualifikationen“ (1986 – 1988) wurden grundlegende Wissensbestände und Praxisempfehlungen erarbeitet zu den Themenfeldern Ursachen von Analphabetismus, erwachsenengerechte Methoden und Materialien, Unterrichtskonzepte, Fortbildungskonzepte für Unterrichtende, Angebote zur Elementarbildung (heute: Grundbildung), Beratung, Öffentlichkeitsarbeit usw.

Parallel und in Folge dieser Projektarbeit wurden in den 80er- und in den Anfängen der 90er-Jahre vor allem an den großstädtischen Volkshochschulen neben den Lese-/ Schreibkursen zusätzlich auch Grundbildungskurse (In den 80er-Jahren wurde häufig der Begriff Elementarbildung benutzt.) etabliert: Rechen- und Computerkurse, Schreibwochenenden, Lernexkursionen, Ferienkurse, künstlerische Lernangebote, Kurse zur Orientierung in der Stadt u.a. Vielerorts gab es (ABM-) Maßnahmen für sozialpädagogische Betreuung und Teamteaching ab einer Gruppengröße über sechs Teilnehmern. In der Regel waren die Lese-/ Schreibkurse kostenlos oder sie wurden mit einer rein symbolischen Teilnehmergebühr versehen. Darüber hinaus gab es arbeitsamtsgeförderte Grundbildungsmaßnahmen in Vollzeitform. Insbesondere durch die (damalige) Pädagogische Arbeitsstelle, die Landesverbände der Volkshochschulen und den Ernst-Klett Verlag gab es ein breites Spektrum an Fortbildungen und Materialien für die Unterrichtenden.

Enorme Teilnehmerzuwächse in den Kursen ergaben sich vor allem durch das BMBF-geförderte Projekt „Alphabetisierung im Medienverbund“, das beim Adolf-Grimme-Institut des DVV angesiedelt war (1984 – 1989). Bundesweit wurden in den öffentlich-rechtlichen Sendern Kurzfilme zum Thema ausgestrahlt. Bestandteile dieser Kampagnenspots waren Statements berühmter Schauspieler, Sportler oder anderer öffentlich bekannter Personen, Kurzdokumentation zum Thema, Äußerungen von Personen mit Lese- und Schreibproblemen sowie der Hinweis auf ein Beratungstelefon. Weiteren Aufschwung erhielt die Alphabetisierungsarbeit durch die Aktivitäten im Rahmen des UN-Weltalphabetisierungsjahrs 1990.

Dem Thema der Bekämpfung von funktionalem Analphabetismus durch Prävention, Verbesserung der Lehrerfortbildung (Diagnostik, Leseförderung, Unterrichtsdifferenzierung) und der Kursleiterqualifikation widmeten sich weitere PAS-Projekte (1998 – 1993). Die Situation in den neuen Bundesländern stand im Fokus der BMBF-geförderten PAS-Projekte (1992 – 1997), so dass in den 90er-Jahren auch zunehmend mehr Kurse in den neuen Bundesländern eingerichtet wurden.

Expert/-inn/-en aus der Alphabetisierungspraxis, aus Schule, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft trafen sich bei den Fachtagungen der Evangelischen Akademie Bad Boll. Die Tagungen boten ein jährlich stattfindendes Fachforum, das wichtige Impulse für Netzwerke, Öffentlichkeitsarbeit und Praxis gab. Den Auftakt machte 1992 die Grundsatztagung zum Thema „Berufliche Bildung und Analphabetismus“. Nachfolgende Themenschwerpunkte waren schulische und außerschulische Prävention, Grundbildung, Literacy im internationalen Kontext, Leseförderung, Qualifizierung der Kursleitenden, Qualitätssicherung in der Alphabetisierung, neue Medien u.a. Ab 2003 – also zum Auftakt der Weltalphabetisierungsdekade – wurde der Bundesverband neuer Träger für die vom BMBF-geförderten jährlichen Fachtagungen und die damit einhergehenden Tagungsdokumentationen (Die Förderung der Dokumentationen zur Fachtagung wurde ab 2011 vom BMBF eingestellt.).

Alle Projekte seit Beginn der 80er-Jahre wurden stets in enger Zusammenarbeit mit dem Bundesverband vorbereitet und durchgeführt. Der Verband – und seine Vorläufervereine – waren als Nichtregierungsorganisation (NGO) stets unabhängige Expertise- und Lobbystelle im Themenfeld Alphabetisierung und Grundbildung. Mit dem vom BMBF geförderten Informationsreader „Ihr Kreuz ist die Schrift“ (Döbert/ hubertus 2000) präsentierte der Verband das Thema auch im Rahmen der EXPO 2000 in Hannover.

Im Jahr 2001 erhielt der Bundesverband den Weltalphabetisierungspreis der UNESCO, den König-Sejong- Preis (Ehrung). Im Jahr 2002 startete der Bundesverband in Kooperation mit dem DVV das E-Learning Projekt APOLL – ALFAPORTAL Literacy Learning, das vom BMBF in einer ersten Phase bis 2005 gefördert wurde. Durch die Lernplattform konnten für viele Lerner/-innen die Lernzeiten erweitert und individuell zugeschnittene Lernangebote realisiert werden.

Zum Auftakt der Weltalphabetisierungsdekade initiierte der Bundesverband zusammen mit der Deutschen UNESCO-Kommission das Bündnis für Alphabetisierung in der Hoffnung, dass es zu einem nationalen Aktionsplan Alphabetisierung/ Grundbildung in Deutschland kommen würde.

Über die Größenordnung zum funktionalen Analphabetismus wurde von den Anfängen der Alphabetisierung bis zur Dekade viele Jahre in Deutschland diskutiert (Eine Dokumentation des Diskussionsprozesses bis zum Jahr 2000 findet sich in dem Buch von Döbert/ hubertus, 2000.). Bildungspolitik und Lobbyisten konnten sich schließlich auf die Schätzzahl des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung e.V. von vier Millionen funktionalen Analphabeten einigen, die trotz Schulbesuchs nicht ausreichend lesen und schreiben können.

Vergleichbare europäische Länder hatten die Zahlen aus der internationalen OECD-Studie „Adult Literacy Survey“ (IALS) von 1995 als Kennziffern für funktionalen Analphabetismus im jeweiligen Land interpretiert. 14,4% der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland erreichten in dieser Studie nur den untersten Kompetenzlevel (von fünf Level) im Lesen bzw. im Umgang mit schriftlichen Informationen (vgl. OECD 1995, S. 38).

Ziele von Alphabetisierung

In den 80er- und 90er-Jahren standen im Unterrichtsgeschehen emanzipatorische Konzepte im Mittelpunkt. Vorrang hatte die Betrachtung des Lernenden im Zusammenhang mit seiner gesamten Lebenssituation, seinem sozialen Umfeld, seinen Lern- und Entwicklungsbedürfnissen. Einer der frühen Vorläufer solcher Konzepte und Ideengeber für die Alphabetisierung war in den ersten Jahren in Deutschland Paulo freire mit seiner „Erziehung als Praxis der Freiheit“, seiner „Pädagogik der Unterdrückten“ und seiner Methode des hierarchiefreien Lerndialogs zwischen Unterrichtenden und Lernenden (vgl. freire, 1973 und 1977). Ziel eines solchen Bildungsprozesses waren nicht Adaption durch die Vermittlung von Skills, sondern die Stärkung des Individuums als handelndes Subjekt seiner Lebenswelt, um diese selbst für sich und andere zu verbessern.

Mit zunehmender Arbeitslosigkeit in Deutschland wurden die emanzipatorischen Ansätze immer mehr abgelöst durch eine eher funktionale Sichtweise unter dem Aspekt der Adaption an sich verändernde Anforderungen – vor allem am Arbeitsplatz – sowie mit der Zielsetzung des Erreichens höherer Bildungsabschlüsse. So sollten die Lernangebote z.B. einen besseren Anschluss an Berufsvorbereitung und Berufsausbildung oder den nachträglichen Erwerb des Hauptschulabschlusses ermöglichen. Dieser Theoriewandel fand später in den Förderschwerpunkten der Dekade seine Fortsetzung.

Bernburger Thesen

Die Fachtagung „Mit Erfahrung neue Wege gehen – 25 Jahre Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland“ vom 5. bis 7. November 2003 in Bernburg war die erste Fachtagung des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung e.V. (Bis 2007 hieß der Verband Bundesverband Alphabetisierung e.V.) (BVAG) im Rahmen der von den Vereinten Nationen ausgerufenen Weltalphabetisierungsdekade 2003 – 2012. Die Tagung wurde in Kooperation mit dem UNESCO-Institut für Lebenslanges Lernen (UIL),(Zu dem Zeitpunkt hieß das Institut UNESCO-Institut für Pädagogik.) der Deutschen UNESCO-Kommission (DUK) sowie dem Deutschen Volkshochschul-Verband (DVV) ausgerichtet. Sie wurde vom Bundesbildungsministerium (BMBF) gefördert und in einem Tagungsband dokumentiert (Genz 2004).

Damals wurden die „Bernburger Thesen zur Alphabetisierung“ von den oben benannten Akteuren und den rund 160 Tagungsteilnehmern verabschiedet.(Die vierte Bernburger These wurde auf der Fachtagung 2007 um einen Passus

erweitert. Daher wird im Folgenden verwiesen auf die Thesen in: KnAbe, Ferdinande (Hrsg.): Wissenschaft und Praxis in der Alphabetisierung und Grundbildung. Münster 2007.) Damit war eine Programmatik für die Dekade in Deutschland entstanden, die auf den jährlich nachfolgenden BVAG- Tagungen auf die jeweiligen Entwicklungen hin geprüft wurde. Am Ende der Dekade stellt sich nun die Frage, wie die Programmatik von 2003 bis in das Jahr 2012 hinein umgesetzt werden konnte bzw. welche Handlungslinien weiter zu entwickeln sind.

Bernburger These 1:

„Alphabetisierung und Grundbildung gehören zu den Pflichtaufgaben von Schule. Die lebensbegleitende, dynamische Alphabetisierung und Grundbildung sollen als Pflichtaufgaben der Weiterbildung anerkannt werden. Die politische Zuständigkeit muss daher entsprechend den Kompetenzen auf Bundes-, Länder- und kommunaler Ebene liegen.“ (KnAbe 2007, S.199)

In Deutschland sind Alphabetisierung und Grundbildung noch nicht in ein Konzept von lebensbegleitendem Lernen eingebettet. So ist die grundlegende Schriftsprachvermittlung weitgehend nur auf die Grundschule fokussiert. Neue Einstiege in den weiterführenden Schulen sind kaum möglich. In der Weiterbildung sind Alphabetisierung und Grundbildung nicht als Pflichtaufgaben verankert oder mit entsprechenden Budgets gesichert. Betrachtet man aber die Ergebnisse der „Level-one-Stu- die (leo)“, so wird deutlich, dass die Einstiege in Alphabetisierung und Grundbildung in allen biographischen Altersphasen und Lebensabschnitten möglich sein muss: „Von der erwerbstätigen Bevölkerung sind 12,4 Prozent Funktionale Analphabet/inn/en. Unter den Arbeitslosen finden sich 31,9 Prozent. Unter den kleineren Bevölkerungsgruppen der Rentner/innen unter 65 Jahren sowie der erwerbsunfähigen Personen sind wiederum hohe Anteile von Funktionalem Analphabetismus betroffen (26,6 % und 19 %)“ (Grotlüschen et al., 2011, S. 10).

Die Kompetenzen, Budgets und Gestaltungsmöglichkeiten auf Bund- und Länderebene sind bislang immer noch nicht oder nur unverbindlich miteinander verknüpft, was nicht zuletzt auf das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern zurückzuführen ist. Zu Beginn der Dekade hatte sich zwar ein „Aktionsbündnis für Alphabetisierung“ gebildet, in dem der BVAG, das UIL, die DUK, der DVV, das DIE, der Verlag Ernst Klett Sprachen, die GEW und die Stiftung Lesen vertreten waren. Das Bündnis war auch für die Kultusministerkonferenz geöffnet; Ländervertreter nahmen jedoch nicht an den Sitzungen teil. Damit fehlte ein wichtiger Partner. Nationale Aktionspläne und Strategien können jedoch nur in enger Kooperation der Bundes- und Landesministerien entwickelt werden.

Zwar wurde im Februar 2011 – zeitgleich mit der Ergebnispräsentation der leo. Studie – erstmals ein Grundbildungspakt auf Bund- und Länderebene ausgerufen, der ähnlich dem „Ausbildungspakt“ ein breites Bündnis zwischen Politik, Unternehmensverbänden, Gewerkschaften, Kammern und Volkshochschulverbänden sein sollte.(28.02.2011 [Pressemitteilung 025/2011] Bund und Länder planen Grundbildungspakt für Alphabetisierung http://www.bmbf.de/press/3050.php) Im Februar 2012 wurde der Pakt dann jedoch ersetzt durch eine „Nationale Strategie zur Verringerungder Zahl funktionaler Analphabeten“(08.02.2012 Nationale Strategie zur Verringerung der Zahl funktionaler Analphabeten, http://www.bmbf.de/de/426.php). Dieser nationalen Strategie sollen sich möglichst alle gesellschaftlichen Gruppen anschließen. Die Verbindlichkeiten, die in der Bernburger These 1 gefordert sind, rücken damit in weite Ferne, denn eine nationale Strategie muss von einer zuständigen Stelle inhaltlich entwickelt, koordiniert, budgetiert und umgesetzt werden. Dies ist angesichts des Kooperationsverbots zwischen Bund und Ländern scheinbar unmöglich.

Bernburger These 2:

„Im Bereich der Prävention von funktionalem Analphabetismus muss gesichert werden, dass Schülerinnen und Schüler die Schule nicht ohne ausreichende Kenntnisse im Lesen und Schreiben verlassen. Dazu bedarf es regelmäßiger Lernstandserhebungen im Schriftspracherwerb und gezielter Fördermaßnahmen. Im Verlauf der Schulzeit muss es die Möglichkeit zum wiederholten Einstieg in den Schriftspracherwerb geben. Bereits vor der Schulzeit ist frühe Unterstützung durch vorschulische Einrichtungen und familienorientierte Maßnahmen zu gewährleisen.“ (KnAbe 2007, S.199)

Im Bereich der vorschulischen und schulischen Bildung sind sprachliche und schriftsprachliche Probleme in den letzten Jahren neu ins Bewusstsein gerückt. Einmal als Folge der Integrationsthematik, aber auch als Folge internationaler Bildungs-Vergleichsstudien. Positiv ist zu verzeichnen, dass Deutschland sich zunehmend mehr dem Thema „Family Literacy“ öffnet. Die Literacy-Thematik hat aber immer noch zu wenig Eingang in die Ausbildung von Kita-Mitarbeiter/-innen gefunden. Lernstandserhebungen werden – so wie Sprachstandserhebungen im vorschulischen Feld – zunehmend mehr durchgeführt. Das ist ein Fortschritt. Neben der Erhebung von Lernständen müssen aber die entsprechend notwendigen passgenauen Fördermaßnahmen verstärkt etabliert werden. Nach wie vor mangelt es an Angeboten zu einem erneuten Einstieg in das Lesen- und Schreibenlernen in den weiterführenden Schulen. Im Rahmen des „alphabund“-Förderschwerpunktes des BMBF wurde aufgezeigt, wie wichtig und sinnvoll eine zwischen den Akteuren (z.B. Familienzentren, Quartiersmanagement, Kitas, VHS u.a.) vernetzte Alphabetisierungs- und Grundbildungsarbeit ist, gerade auch im Bereich der Prävention von Bildungsbenachteiligung.

Bernburger These 3:

„Schriftspracherwerb und funktionaler Analphabetismus müssen fächerübergreifend Pflichtthema in der Lehrerausbildung sein.“ (KnAbe 2007, S.199)

In der Ausbildung von Sekundarstufe- I und II-Lehrern gibt es den Aspekt der (nachholenden) Schriftsprachvermittlung nicht. Es wird vorausgesetzt, dass die grundlegenden Kompetenzen in der Grundschule erworben wurden.

Perspektivisch kann die Risikogruppe funktionaler Analphabeten unter Schülern nur dann reduziert werden, wenn Lehrer aller Fächer sich ihrer Verantwortung im Bereich der Schriftsprachvermittlung bewusst werden und entsprechende Instrumente zur Förderung in der Ausbildung erlernen und im Praxisfeld Schule umsetzen (können und dürfen). Erkenntnisse und Produkte aus den „alphabund“-Projekten sollten dazu verstärkt in den Bereich der Lehreraus- und Weiterbildung transferiert werden. Im Rahmen der Dekade hat es punktuelle Ansätze dazu gegeben. Ein systematischer Transfer in dieses Handlungsfeld bleibt eine Aufgabe.

Bernburger These 4:

„Alphabetisierung und Grundbildung erfordern ein flächendeckendes und nachfragegerechtes Angebot an qualitativ hochwertigen Alphabetisierungs- und Grundbildungskursen in Weiterbildungseinrichtungen. Arbeitslose Analphabeten sollen mit anderen Arbeitslosen gleichgestellt werden durch vorgeschaltete ganztägige Alphabetisierungsmaßnahmen, um dann an weiteren Fortbildungs- und Umschulungsmaßnahmen erfolgreich teilnehmen zu können.“ (Knabe 2007, S.199)

Ein flächendeckendes und nachfragegerechtes Angebot an Kursen gibt es in Deutschland auch zum Ende der Dekade nicht. Nach wie vor gibt es keine kontinuierliche und verlässliche Finanzierung von Teilnehmerwerbung, Beratung und Unterricht. Projekte, die im Zeitraum der Dekade vom BMBF gefördert wurden, tragen jedoch dazu bei, dass die Qualität der Kurse grundsätzlich verbessert werden kann: So sind die klar definierten Alpha-Level wichtige Instrumente für Diagnostik und Unterricht; Fortbildungsmodule und ein Studiengang für Unterrichtende steigern die Professionalität der Lehrenden. Unterrichtsmaterialien erweitern das methodisch-didaktische Handlungsspektrum, und e-Learning-Plattformen ermöglichen neue Ansätze des Lehrens und Lernens. Handreichungen für Fallmanager und einzelne Veranstaltungen mit Vertretern aus der Arbeitsverwaltung haben jedoch im Dekadenzeitraum nicht dazu geführt, dass Vollzeit-Grundbildungsangebote für arbeitslose Lernende grundsätzlich und verbindlich Eingang in die Fördersystematik der Arbeitsverwaltung gefunden hätten. Auch hier ist eine drängende Aufgabe zu lösen.

Bernburger These 5:

„Die Berufsausbildung zum Alphabetisierungs- und Grundbildungspädagogen muss institutionalisiert werden. Dazu muss ein entsprechendes Ausbildungskonzept entwickelt werden. Wissenschaft und Forschung müssen sich mit dem Schriftspracherwerb bei Kindern und Erwachsenen befassen sowie didaktische und methodische Leitlinien für Ausbildung, Unterricht und Unterrichtsmaterialien entwickeln.“ (KnAbe 2007, S.199)

Im Rahmen der vom BMBF geförderten Forschungsprojekte ist dieser Bereich während der Dekade in Bewegung gekommen. Erstmals wurde – im Verbund mehrerer Hochschulen und durch den BVAG koordiniert – in Deutschland ein Masterstudiengang für Alphabetisierungs- und Grundbildungspädagogen entwickelt und etabliert. Zugleich wurden im Rahmen von anderen BMBF-geförderten Projekten Fortbildungskonzepte und -Module zur Professionalisierung der Unterrichtenden entwickelt und erprobt. Aufgabe bleibt es nun, diese Errungenschaften nachhaltig zu sichern und für die Zielgruppe der Unterrichtenden finanziell erschwinglich und im ganzen Bundesgebiet zugänglich zu machen. Dies ist nur möglich, wenn die Forderungen der ersten Bernburger These umgesetzt werden. Das Interesse von Wissenschaft und Forschung am Themenfeld konnte im Rahmen der Dekade gesteigert werden. Aufgabe ist es, das Forschungsinteresse und wissenschaftliche Engagement für Alphabetisierung und Grundbildung weiterhin aufrechtzuerhalten.

Bernburger These 6:

„Die Grundbildungskompetenzen der Gesamtbevölkerung sind in regelmäßigen Bildungsreporten zu erfassen und die mit Alphabetisierungs- und Grundbildungsmaßnahmen erzielten Lernfortschritte sind zu evaluieren.“ (KnAbe 2007, S.199)

Mit der vom BMBF geförderten Level-One Studie (leo), die von der Universität Hamburg im Rahmen der nationalen Zusatzerhebung zur europäischen Weiterbildungsbefragung „Adult Education Survey“ (AES) in 2010 durchgeführt wurde, liegen – nach der OECD-IALS Studie in 1995 – belastbare Informationen zu den Grundbildungskompetenzen der deutschen Bevölkerung vor. Besonders bemerkenswert ist, dass erstmals neben den Lese- auch die Schreibkompetenzen erhoben wurden. Die Erhebung soll alle fünf Jahre erneut durchgeführt werden. Damit ist die zentrale Forderung der sechsten Bernburger These im Dekadenzeitraum umgesetzt worden. Eine Evaluation der Lernfortschritte durch Alphabetisierungs- und Grundbildungsmaßnahmen kann jedoch so lange nicht erfolgen, wie es keine infrastrukturellen Verbindlichkeiten zur Implementierung von Unterrichtsangeboten gibt. Wie bei fast allen Bernburger Thesen sind solche Aufgaben erst mit einer echten nationalen Strategie für Alphabetisierung und Grundbildung lösbar (s. ad Bernburger These 1).

Bernburger These 7:

„Die Öffentlichkeit muss durch die Medien kontinuierlich über das Themenfeld Analphabetismus informiert werden, um einerseits zu einer Entstigmatisierung beizutragen und andererseits die Betroffenen und ihre Vertrauenspersonen auf bestehende Hilfsangebote aufmerksam zu machen.“ (KnAbe 2007, S.199)

Eine kontinuierliche Information durch die Medien – vor allem auch durch die öffentlich-rechtlichen – konnte im Dekadenzeitraum nicht realisiert werden. Die Ausstrahlung der sehr öffentlichkeitswirksamen Filmspots des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung in den Privatsendern hat sogar einen Ausstrahlungsrücklauf im Zeitraum der Dekade zu verzeichnen. Mit dem vom BMBF geförderten Projekt iChance ist es jedoch dem BVAG gelungen, neue mediale Wege der Öffentlichkeitsarbeit zu eröffnen wie z.B. durch die Nutzung des Youtube-Kanals oder sozialer Netzwerke. Damit wurden in der Dekade innovative und moderne Formen der Grundbildungswerbung für die Zielgruppe junger Menschen entwickelt und erfolgreich erprobt. Erst zum Ende der Dekade, im September 2012, wird die vom BMBF mit 5 Millionen Euro geförderte Kampagne „Lesen und Schreiben – Mein Schlüssel zur Welt“ gestartet. Im Mittelpunkt stehen Film- und Radiospots, Großflächenplakate und interaktive Ausstellungen in Kooperation mit den Ländern. Die Einbindung der AlfA-telefon-nummer soll dabei den Zugang zu Beratung und in die Lernangebote erleichtern. Anders als bei der Dekade für nachhaltige Entwicklung stehen Kampagne und Nationale Strategie nicht am Anfang, sondern am Ende der Dekade. Möglicherweise kann dies dazu beitragen, dass das Thema nach der Dekade nicht „einschläft“.

Bernburger These 8:

„Zur Umsetzung der nationalen Ziele der Weltalphabetisierungsdekade in Deutschland muss eine zentrale, aus öffentlichen Mitteln finanzierte Service-, Beratungs- und Informationsstelle eingerichtet werden.“ (KnAbe 2007, S.199)

Eine solche koordinierende Stelle zur Umsetzung der Ziele der Weltalphabetisierungsdekade hat es im Dekadenzeitraum in Deutschland nicht gegeben. Dem 2003 gegründeten Bündnis der verschiedenen engagierten Akteure (s. o.) ist es während des Dekadenzeitraums zwar gelungen, die konkreten Dekadenaktivitäten untereinander abzustimmen. Für die Umsetzung der Dekadenziele im Sinne einer nationalen Strategie wurde jedoch keine koordinierende Stelle benannt oder öffentlich finanziert. Zwar fördert das Bundesbildungsministerium seit über 25 Jahren engagiert Projekte in der Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland. Eine Förderung von Institutionen ist jedoch nach den Förderrichtlinien nicht zulässig. Mittel der Länder standen für eine Koordinierungsstelle nicht zur Verfügung.

Bernburger These 9:

„Auch Menschen mit Lese- und Schreibproblemen sollen in Deutschland dazu ermutigt werden, ihre Interessen und Bedürfnisse selbstbewusst in der Öffentlichkeit und – gegenüber bildungspolitisch Verantwortlichen zu vertreten. Dazu müssen geeignete Maßnahmen entwickelt und erprobt werden.“ (KnAbe 2007, S.199) –

Im Rahmen der BMBF geförderten jährlich stattfindenden Fachtagungen des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung e.V. ist es während des Dekadenzeitraums gelungen, lese- und schreibunkundige Lernerinnen und Lerner untereinander zu vernetzen und mit Vertretern aus Weiterbildung, Wissenschaft und Praxis – zusammenzubringen. Erstmals 2005 wurden Lernerinnen und Lerner vom BVAG im Rahmen der Weltalphabetisierungsdekade zu Botschaftern für Alphabetisierung ausgezeichnet. Dadurch wiederum wurden zahlreiche andere Lernerinnen und Lerner dazu ermuntert, öffentlich aufzutreten und gemeinsam ihre Interessen zu vertreten.

Aus diesen Aktivitäten des BVAG sind während der Dekade Lerner-Selbsthilfegruppen an verschiedenen Standorten Deutschlands entstanden. Die Bernburger These 9 – wurde damit erfolgreich realisiert. Aufgabe bleibt es nun, diese Selbsthilfestrukturen zu stärken und nachhaltig zu sichern. Mit der Förderung der BVAG-Fachtagungen und der entsprechenden Dokumentationsbände durch das BMBF über den Dekadenzeitraum hinweg würde dazu – ein wichtiger Schritt getan.

Literatur

  • Döbert, Marion: Perspektiven der Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland. In: SchneiDer, Johanna/ Gintzel, Ulrich/ WAgner, Harald (Hrsg.): Sozialintegrative Alphabetisierungsarbeit. Münster 2008.
  • Döbert, Marion/ Hubertus, Peter (2000). Ihr Kreuz ist die Schrift. Analphabetismus und Alphabetisierung in Deutschland. Stuttgart/ Münster: Bundesverband Alphabetisierung e.V.
  • Drecoll, Frank (1981). Funktionaler Analphabetismus – Begriff, Erscheinungsbild, psycho-soziale Folgen und Bildungsinteressen. In: Drecoll, Frank/ Müller, Ulrich (Hrsg.), Für ein Recht auf Lesen. Analphabetismus in der Bundesrepublik Deutschland (S. 29 – 40). Frankfurt am Main.
  • Drecoll, Frank/ Müller, Ulrich (Hrsg.)(1981). Für ein Recht auf Lesen. Analphabetismus in der Bundesrepublik Deutschland. Frankfurt am Main.
  • Ehling, Bettina/ Müller, Horst-M./ oswAlD, Marie-Louise (1981). Über Analphabetismus in der BRD. Erste Überlegungen und Erfahrungen bei der Alphabetisierung deutschsprachiger Erwachsener. Hrsg.: Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft. Bonn.
  • Freire, Paulo (1973). Pädagogik der Unterdrückten. Bildung als Praxis der Freiheit. Reinbek bei Hamburg. freire, Paulo (1977). Erziehung als Praxis der Freiheit. Beispiele zur Pädagogik der Unterdrückten. Reinbek bei Hamburg.
  • Genuneit, Jürgen/ tröster, Monika (2009). Chronologie der überregionalen Projekte in der Alphabetisierung und Grundbildung. www.alpha-archiv.de/downloads/ chronologie-der-ueberregionalen-projekte.html Genz, Julia/ Bundesverband Alphabetisierung (Hrsg): 25 Jahre Alphabetisierung in Deutschland. Stuttgart 2004. Grotlüschen, Anke/ RieKMAnn, Wibke (2011). leo. – Level- One Studie. Literalität von Erwachsenen auf den unteren Kompetenzniveaus. Presseheft. Hamburg: http:// blogs.epb.uni-hamburg.de/leo/files/2011/02/leo- Presseheft-web.pdf.