Abhängigkeit und Sucht als Lebensthemen von funktionalen Analphabeten

Wir Kinder vom Bahnhof Zoo

(c) Spaß am Lesen Verlag

Vorstellung der Leichtleselektüre „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ Marion Döbert

Im Rahmen der Eingangsberatung für Alphabetisierungskurse für Erwachsene wird in der Regel  eine lebensbiografische Kurzanamnese aufgenommen. Aus einigen dieser Beratungsgespräche möchte ich zitieren:

„Mein Vater hat im Alkoholrausch alles kurz und klein geschlagen. Die Geschwister, meine Mutter, alles hat er verprügelt. Meine Eltern haben sich scheiden lassen. Ich hatte dann keinen Bock mehr auf Schule, hatte nur noch Flausen im Kopf. Ich habe nur noch geschwänzt.“

„Mein Vater hat mich als junges Mädchen an Männer versteigert. Er hat immer getrunken. Auch mein erster Mann war gewalttätig, wenn er getrunken hatte. Ich habe mich dann getrennt und musste viele Jahre vom Betteln leben.“

„Mein Vater war arbeitslos. Bei schulischen Problemen drohte er: ´Einmal wird´s erklärt, dann setzt es Schmerzen.` Als ich sieben war, hat er mir mit der geballten Faust mitten ins Gesicht geschlagen und gesagt: `Wer ein echter Junge werden will, muss hart sein.` Meine einzige Ruhephase im Leben war, wenn mein Vater im Knast war.“

Dies sind keine Einzelbeispiele, sondern für viele Lernende in den Kursen typische Kindheitserfahrungen: alkoholabhängige Väter, von diesen wiederum abhängige Mütter, die sich erst nach vielen schmerzhaften Erfahrungen trennen.

In der späteren Biografie der Betroffenen wiederholen sich nicht selten solche Abhängigkeitsmuster. Stark ausgeprägt  ist im Erwachsenenalter auch die Abhängigkeit von der eingeweihten Vertrauensperson.

Als Einstieg in das Thema Suche, Sucht und Abhängigkeit eignet sich die gerade erschienene Leichtleselektüre des Spaß am Lesen Verlages „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Zwar geht es in dem Buch um Heroinsucht, aber auch um Themen wie Gewalt, Abhängigkeit, die Suche nach Anerkennung, Gesundheit, nach Sinn und Glück.

Viele Passagen im Buch ähneln den Erfahrungen von Lernenden.

„In der Sandkiste vor dem Haus spielte ich manchmal mit meinen Mäusen. Eines Tages verschwand eine von den dreien im Gras. Ich fand sie nicht wieder. Zu Hause merkte mein Vater, dass eine weg war. Er schrie und schlug wie ein Irrer. Er schmiss mich aufs Bett. Ich dachte, er schlägt mich tot. Auch meine Schwester bekam Schläge. Meine Mutter stand weinend in der Tür. Ich hatte sie erst nicht bemerkt. Doch dann schlug sie mit ihren Fäusten auf meinen Vater ein. Der prügelte meine Mutter auf den Flur hinaus. Sie wollte ins Bad fliehen. Doch mein Vater packte sie an den Haaren. In der Wanne war Wäsche eingeweicht. Mein Vater stieß den Kopf meiner Mutter ins Wasser. Ich dachte, sie ertrinkt. Zum Glück kam sie irgendwie frei.“ (Christiane F., Kurzfassung Spaß am Lesen Verlag, S. 18)

Christiane F. ist die Hauptdarstellerin in dem Buch, das auf Tatsachen basiert. In den 70-er Jahren hatten zwei Journalisten der Zeitschrift „Stern“ die Lebenswelt- und Drogenerfahrungen der damals 15-Jährigen Christiane Felscherinow mit Tonband aufgezeichnet, in ihrem Umfeld recherchiert, Interviews mit Freunden und Personen aus ihrem Umfeld geführt und alles unter dem Titel „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ zu einem erschütternden Buch zusammengefasst. Damit wurde erstmals 1978 öffentlich über Drogenkonsum und Drogenabhängigkeit bei Kindern und Jugendlichen geschrieben. Zeitweise war das Buch das am meisten verkaufte Buch in Deutschland. Es wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Christiane F.  litt unter den Konflikten in ihrer Familie, unter dem Leben in den menschenfeindlichen, betonierten Wohnsilos von Berlin Gropiusstadt, unter fehlender Anerkennung und unter der Perspektivlosigkeit, was ihre eigene Zukunft anging.

In Gropiusstadt vermisste sie Natur und Spielräume für Kinder, die sie bis zu ihrem sechsten Lebensjahr vom Dorf her kannte. Sie fühlte sich eingesperrt und musste lernen, sich in einer brutalen Kinderwelt durchzusetzen.

„Die Hausmeister der Hochhäuser hassten uns… Wir durften so wenig. Gerade darum machten wir lauter verbotene Sachen. Wir versteckten uns in irgendwelchen Kellern. Wir fuhren Rollschuh im Hausflur. Oder wir spielten Wettrennen mit den Fahrstühlen.

Die Fahrstühle fanden wir sowieso spannend. Wir sperrten andere Kinder ein und drückten auf alle Knöpfe, Dann hielt der Fahrstuhl auf jeder Etage. Wenn das Kind pinkeln musste, machte es sich in die Hose.“ (Christiane F., Kurzfassung Spaß am Lesen Verlag, S. 14)

Schon bevor Christiane mit Drogen zu tun hatte, litt sie an der Schule. In der Grundschule erlebte sie Hilflosigkeit und Desinteresse bei den Lehrern und Aggressivität unter den Schülern. In der Berliner Gesamtschule vermisste sie jeden persönlichen Kontakt zu den Lehrpersonen. Man redete aneinander vorbei.

Das, was Christiane vermisste, waren Anerkennung und emotionale Wärme.

Widersprüche, Ängste, Verzweiflung und Wut kennzeichneten Christianes Leben in der Familie, in der Siedlung und in der Schule. Ganz anders dagegen erlebte sie sich  mit ihrem drogenabhängigen Freund Detlef und in der Clique.

Im Rauschzustand machte Christiane Glückserfahrungen, die ihr im Alltag fehlten. Erst mit Alkohol, dann mit Haschisch und Tabletten, schließlich mit Heroin. Rausch, das war gleichbedeutend mit unbeschwert und sorglos zu sein.

Die Droge vermittelte ihr den Eindruck, ein besseres Leben zu führen als ihre Eltern und als die erwachsenen Spießer um sie herum.

In der Clique war sie beliebt und erfuhr die Wertschätzung, die sie suchte, auch wenn dieses Ansehen an die Rauschgiftszene gebunden war. Die Clique wurde zu ihrer Ersatzfamilie. Dafür nahm Christiane viele Abhängigkeiten in Kauf: von der Droge, von der Geldbeschaffung auf dem Strich (für den Konsum musste sie jeden Tag 100 DM beschaffen, mit 14 Jahren „verdiente“ sie 4000 DM im Monat), von drogensüchtigen Freunden, von Gewalt und Demütigung.

Auch wenn Christiane F. um die Gefährlichkeit der Droge wusste,  so war sie fest davon überzeugt, dass sie selbst nie abhängig würde. Bis sie sich eines Tages den goldenen Schuss, also eine Überdosis Heroin, setzen wollte, um endlich zu sterben.

Das Buch des Spaß am Lesen Verlages ist eine Kurzfassung des „Stern“-Buches und wurde gerade vor ein paar Wochen frisch auf den Markt gebracht.

 

Es ist klar gegliedert und nach den Kriterien für leichte Lesbarkeit geschrieben. Nach meiner Einschätzung kann das Buch etwa ab dem Leselevel lea Alfalevel 2/3 eingesetzt werden. Buchstabenkompetenz und konstruierendes Lesen einfacher Wörter müssen bereits als Kompetenzen vorhanden sein.

Das sinnverstehende Lesen wird in dem Buch durch eine Wörterliste im Anhang erleichtert. Schwierige Wörter oder Begriffe aus der Drogenszene sind im Lesetext unterstrichen und werden in der Wörterliste erläutert.

Die Aufmachung des Buches ist motivierend, da es sich nicht um ein Download-Produkt, sondern um ein echtes Buch mit 125 Seiten handelt.

Es kann nach einzelnen Kapiteln gelesen und bearbeitet werden, durch Arbeitsblätter zum sinnverstehenden Lesen ergänzt oder als Anlass für die Produktion eigener Texte herangezogen werden.

Vor allem aber ist es ein Buch, das anregt zu vielen Fragen und Gesprächen, die gerade auch für Lernende in Alphabetisierungskursen von Bedeutung sind:

Welche Erfahrungen in der Kindheit prägen das Verhalten als Jugendlicher und Erwachsener?

Gibt es eigene Erfahrungen mit Alkohol und Drogen (in der Familie, im Wohnumfeld, im Freundeskreis u.a.)?

Welchen Stellenwert hat Alkoholkonsum in der Gesellschaft und im eigenen Lebensumfeld?

Wonach sucht ein Süchtiger?

Was ist ein glückliches Leben?

Welche Ausstiegsmöglichkeiten gibt es aus Abhängigkeiten?

Welche Hilfsmöglichkeiten gibt es vor Ort, um von Abhängigkeit und Sucht loszukommen?

Die Aufstellung ließe sich noch vielfach ergänzen. Insgesamt ist das Buch vielseitig einsetzbar und für Alphabetisierungs- und Grundbildungskurse durchweg zu empfehlen.