
Martin Doehlemann
Verlag: Waxmann
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„Ich habe weder Telefonate noch E-Mails beantwortet. Wenn jemand an die Tür geklopft hat, habe ich nicht aufgemacht“, beschreibt ein Doktorand einen prägenden Geburtstag – die Vollendung des dreißigsten Lebensjahres. „Das war für mich ganz schrecklich.“ Eine typische Situation? Fühlt man sich mit 30 Jahren eigentlich erwachsen? Der runde Geburtstag, in vielen Epochen als bedeutungsvoll angesehen, birgt auch für die aktuelle Generation der 30-Jährigen reichlich Stoff zum Nachdenken. Der Soziologe Prof. Dr. Martin Doehlemann hat individuelle Eindrücke und Bewältigungsstrategien dieses Lebensabschnittes zusammengestellt. Die Studie basiert auf Befragungen und kulturhistorischen Beobachtungen.
„Sowohl die Lebenszeit als auch die Jugendzeit haben sich verlängert“, so Doehlemann. Der Hochschullehrer am Fachbereich Sozialwesen hat das Selbstbewusstsein der 30-Jährigen untersucht. Seine Studie lässt kinderlose 30-Jährige ebenso zu Wort kommen wie Gleichaltrige mit Familie. Die Vollendung des dreißigsten Lebensjahres markiert für viele Befragte noch immer ein Schwellenalter, obwohl diese Einschätzung in der Vergangenheit durchaus weiter verbreitet war.
„Das Bild, das die 234 Befragten zwischen 28 und 32 Jahren bieten, ist beileibe nicht einheitlich“, fasst Doehlemann seine Ergebnisse zusammen. Ein interessantes Licht wirft die Studie unter anderem auf die zurzeit so massiv beklagte Kinderlosigkeit von Akademikern. „Die Kinderfrage wird oft nur zögernd aufgeworfen“, hat der Soziologe festgestellt. Dahinter stehe jedoch keine grundsätzlich Abneigung gegen Kinder, sondern oft einfach „das fehlende Personal zur halbwegs festen Paarbindung“. Partnerschaften heil durch die gesellschaftlichen und beruflichen Klippen zu manövrieren, ist offenbar schwieriger geworden – auch das ist ein Ergebnis der Befragung. „Dennoch glauben überraschend viele, besonders Männer, an die Liebe auf den ersten Blick.“ Doehlemann vermutet dahinter den Wunsch nach einer Vereinfachung der Beziehungsfrage. Was Vorstellungen von beruflichen und privaten Glücksbedingungen angeht, so erwiesen sich die Angaben innerhalb der Geschlechter als genauso unterschiedlich wie zwischen den Geschlechtern. „Die Mentalitätsunterschiede zwischen Frauen und Männern verblassen“, folgert die Studie. Viele 30-Jährige beschäftigen sich laut Doehlemann weniger mit Besitz- und Statusverheißungen der Konsumgesellschaft als mit ihrem individuellen Lebensentwurf. Er nennt diese „ichseligen, aber nicht egoistischen Vertreter“ auch „reflexibel“. Der Begriff, zusammengesetzt aus „flexibel“ und „reflexiv“, bezeichne eine bewegliche Lebensgestaltung in offener Selbsterkundung.
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Ray Kurzweil
Verlag: ECON Verlag
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Hier bekommen Sie etwas für Ihre zwanzig Mark: Vierhundert Seiten Buch und über hundert Seiten ausführlicher Anhang, Anmerkungen und ein gut recherchiertes Quellenverzeichnis, eine sehr ausführliche Zeittafel, den nützlichen Index, Namensverzeichnis und kleinschrittige Inhaltsübersicht sowie als Zugabe den Pseudocode für eines der besten Schachprogramme der Welt und eine Webseite zum Buch, die allerdings zu selten genannt wird.
Das aber ist nichts gegen die inneren Werte dieses Jahrhundertbuches im wahrsten Wortsinn: Sie erhalten eine Geschichte des Universums, der irdischen Evolution, der Menschheit sowie der Industrie und der (Informations-) Technik und des Computers mit einigen Übersichtsgrafiken und Tafeln. Dazu liefert der Autor detaillierte Voraussagen zur technischen und gesellschaftlichen Entwicklung (nach seiner Meinung bald untrennbar) bis 2039 und vage bis 2099; das Buch ist also 100 Jahre lang wertvoll! Für die mathematisch Interessierten bietet der Autor Einblicke in die Principia Mathematica sowohl von Newton wie auch von Russel und Whitehead zur Mengenlehre inklusive der enthaltenen Unbeweisbarkeiten garniert mit einer Abhandlung über Gödels Unvollständigkeitstheorem. Sollten Sie sich eher für Physik begeistern, so finden Sie in diesem Buch einen Kurzabriss der kosmologischen Modelle inklusive Einsteins und Hawkings Folgerungen leider wird zu Einsteins Modell immer auch dessen kosmologische Konstante kritiklos hinzugefügt, während Einstein selbst sie später für die größte Eselei seines Lebens hielt, und leider fehlt im ganzen Buch m.E. eine Diskussion der Ergebnisse unter Berücksichtigung des anthropischen Prinzips (wir sehen etwas in einer gewissen Weise, weil wir nach entsprechender Entwicklung es überhaupt sehen), welches bei Hawking einigen Raum einnimmt. Oder haben Sie ein Faible für Biologie und Chemie? Dann können Sie in diesem Buch viel zur DNS, zu Molekülen, Proteinen, Reproduktionsmechanismen sowie zu Nanoröhren, Buckey-Balls und Siliziumstrukturen lesen. Ihnen ist die Informatik und Computertechnik lieber kein Problem: Hier erhalten Sie eine gute Einführung in die Funktion und Theorie der Turing-Maschine inklusive dem fleißigen Bieber, der Neuronalen Netze, der Rekursionsmethode sowie der Evolutionären Algorithmen, die letzten drei sogar mit Pseudocode. Natürlich werden auch der Quantencomputer und das Mooresche Gesetz besprochen. Sie lesen richtig: In einem Rundumschlag bekommen Sie zu all diesen Themen Informationen und zusätzlich Zusammenstellungen und Erklärungen aktueller Forschung und bahnbrechender technologischer Entwicklungen bis 1998. Lobenswert vielfältig geraten die Beispiele und Entwicklungen des Computereinsatzes bei speziellen Problemen, insbesondere liefert der Autor viele Hinweise und Techniken für Behinderte er selbst entwickelte u.a. Lesemaschinen für Blinde.
Sie interessieren sich eher für die philosophischen und spirituellen Aspekte des Menschseins und Bewusstseins? Sie erfahren hier Aspekte des logischen Positivismus nach Wittgenstein, der Bewusstseins-Vorstellungen seit Platon, der objektiven Unerforschbarkeit des Subjektiven, des radikalen Skeptizismus bei Descartes sowie diverser spiritueller Vorstellungen wie etwa der Buddhisten und Unitarier. Außerdem wird in diesem Buch Wissen als Ressource unserer Zeit sowie insbesondere der Zukunft deklariert. Das Buch enthält sehr viel von diesem kostbaren Wirtschaftsgut - schon deshalb eine gelungene Investition. Extrem viel für wenig Geld also? Vielleicht wegen der vielen Werbung im Buch sowohl für die meisten der Entwicklungen von Kurzweil und seinen diversen Firmen sowie für den strategischen Partner Microsoft inklusive Empfehlung von dessen Aktien. Wussten Sie beispielsweise, was Ray Kurzweil neben einer optischen Zeichenerkennung für Scanner alles erfunden hat und warum er Stevie Wonder kennt? Im Mittelteil des Buches werden Sie es ausführlich erfahren.
Auch an anderer Stelle gibt es m.E. etwas zuviel des Guten: Jedem Kapitel sind drei oder mehr Zitate vorangestellt, einige davon sachbezogen, andere ironisch oder komisch, viele davon wohl auch überflüssig (zumindest in der mir vorliegenden deutschen Übersetzung). Andernorts auch mal etwas zu wenig: Der für einige Ausführungen recht zentrale Begriff der Quanten-Dekohäsion wird nur grob erläutert, symptomatisch oberflächlich für diesen vergangenheits- und zukunftsbezogenen literarischen Rundumschlag. Teils glücklicherweise selten genug haben sich auch erkennbar unsaubere Übersetzungen (silicon ist immer noch nicht Silikon) und Flüchtigkeits-Schreibfehler eingeschlichen. Seltsam erscheint mir die z.T. radikale Interpretation der Quantentheorie: Im Studium lernt man, dass ein Quantensystem im Messprozess einen möglichen Zustand annimmt (der dann rückwirkend Schlüsse auf gekoppelte Systeme zulässt). Kurzweil bzw. die Übersetzung spricht von einer Zustands-Entscheidung nur bei bewusster Beobachtung und im Buch wird deutlich definiert, was unter Bewusstsein verstanden sein soll. Vielleicht könnte man überspitzt kontern, dass dann ja auch dieses Buch erst beim bewussten Lesen entsteht.
Dem steht sicherlich jedoch der durchdachte Aufbau entgegen: Anfangs findet sich sehr viel gut recherchierte Geschichte und logische Argumentation, in der Mitte werden sehr gründlich philosophische Diskurse zu Bewusstsein, Intelligenz und Entwicklung geführt aber auch viel Eigenwerbung gemacht und deutlich mehr Raum an einen Roman-ähnlichen Dialog gegeben fast einer Art Lovestory zwischen Vater und Kind inklusive Generationenkonflikt. Gerade der hier und an vielen anderen Stellen zu Tage tretende augenzwinkernde Humor des Autors mit einer deutlichen Prise Selbstironie machen das Buch so lesenswert und laden förmlich zum Schmunzeln ein.
Gegen Ende finden sich dann die Prognosen unserer sowie der technischen Entwicklung (was, wie gezeigt wird, untrennbar ist) inklusive einer sehr genauen Datierung... und natürlich der Schluss des Romans. Die Voraussagen wirken anfangs erschreckend weitreichend und radikal, im Ende und Rückblick aber höchst plausibel und exakt schlüssig. Noch dazu sind seit der Erstellung des Originals einige Jahre vergangen, weshalb sich einige der Prognosen bereits jetzt an der Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts messen lassen (und einige Daten leider veraltet sind). Glücklicherweise ist es jedoch allenfalls Zukunftsmusik, dass meine Kollegen und ich mit großer Wahrscheinlichkeit zum 65. Geburtstag eher den Borg aus der Science-Fiction-Serie Star Trek gleichen werden als VOMs (Vorwiegend Original-Substrat Menschen).
Erschreckend: Kurzweil BEWEIST seine Prognosen und die Folgerungen aus zuvor bewiesenen Theoremen über zeitliche Abstände und Evolutionsprozesse. Das Gesetz vom steigenden Ertragszuwachs wird unangenehm oft von ihm wiederholt - und hat ergo erschreckend viele revolutionäre Auswirkungen. Während die Prämissen und Folgerungen m.E. zwingend logisch ausgeführt und nicht angreifbar gestaltet wurden, sind allerdings die Schlussweisen m.E. schon kritikwürdig (z.B. Argumentation: Kapazität eines Computers entspricht der eines menschlichen Gehirns => Computer hat ein ähnliches Bewusstsein wie ein Mensch. Hier rettet sich der Autor zwar in die objektive Unmöglichkeit, subjektives Empfinden - wie Bewusstheit - festzustellen, die Schlussweise wird aber maßgeblich für aufbauende Prognosen benötigt.)
Das Buch enthält leider bzw. glücklicherweise - mehrere zig Argumente, die zum ausgiebigen Grübeln einladen und jeweils Kern eines eigenen dicken Buches sein könnten. Es ist meistens schnell und leicht zu lesen, bietet aber gleichzeitig viele Falltüren zum Nach- und Weiter-. Und Durchdenken. Kostprobe gefällig? Trotz seiner Ausführungen zur sprunghaften Fortentwicklung (etwa dem Phasenmodell der kindlichen Entwicklung von Piaget und den Erfahrungen beim Lernen Neuronaler Netze vergleichbar) geht Kurzweil in allen Prognosen offenbar von gleichförmig-exponentieller Fortentwicklung aus. Vermutlich werden einige seiner Voraussagen an diesem Punkt scheitern (Wer kann sich schon vorstellen, dass wir trotz aller psychologischen Widerstände bereits in 40 Jahren wie jugendliche Borg aussehen?). Und wie käme der Autor bei Einarbeitung des anthropischen Prinzips weiter oder sogar bei Berücksichtigung der These Flussers: Wir können nur wahrnehmen, was wir kennen.? Umgekehrt stellt auch Kurzweil einige Errungenschaften des menschlichen Geistes auf eine harte Probe. Er folgert aus einer einfachen Rechnung: Wir sind also nicht allein im Universum (auch wenn er die zugrunde liegenden Wahrscheinlichkeiten höchst fragwürdig ansetzt!). Warum sehen wir dann keine Außerirdischen? Haben alle anderen gerade rechtzeitig ihre ökologischen Nische vollständig ausgelöscht oder befinden sich alle noch auf Mikrobenniveau? Oder haben sich einfach nur deren Nanoroboter (die unausweichlich in jeder technischen Kultur auftauchen werden, Beweis im Buch) unkontrolliert und auf deren Kosten repliziert? Nein, wir haben die Außerirdischen einfach nur übersehen, weil sie (lt. Gesetz vom steigenden Ertragszuwachs bedingt Forschritt Verkleinerung) schlicht zu klein für unsere Augen und Sensoren geworden sind! (Im Gegensatz zu Kurzweil muss m.E. Ertragszuwachs nicht immer Miniaturisierung bedeuten, es könnte auch Kollektiv- und damit Großstruktur-Bildung gefördert werden.)
Sie sehen, Sie bekommen in Homo S@piens bzw. in The Age of Spiritual Machines (nämlich dem Nachfolger zu The Age of Intelligent Machines, Kurzweils Bestseller aus den 90ern) auf fast alles eine Antwort. Und trotz der kritisierten aber notwendigen Oberflächlichkeit: Ich bekam sehr gute Antworten und habe sie genossen. Außerdem haben sich viele Fragen entwickelt, ein unschätzbarer Vorteil gegenüber vielen anderen Büchern. Das Original von 1998 ist m.E. ein höchst wertvolles Buch für die nächsten hundert Jahre. Als Nachschlagewerk, Science-Fiction-Quelle und ironisches Mittel zum Rückblick auf die Schwelle zum 21. Jahrhundert. Man wird sich bei jedem Lesen fragen müssen: Was ist eigentlich nun schon Geschichte (auch heute schon!) und was noch Zukunft? Ray Kurzweils Buch macht - auch wegen der vielen Verweise auf Literatur und Websites - sehr viel Lust zum Weiterlesen und Weiterdenken.
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Uwe Pörksen
Verlag: Klett-Cotta Verlag
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In diesem Buch versucht Uwe Pörksen so etwas wie eine 'Grammatik der Bilder' zu entwickeln. Er betrachtet und erläutert die verschiedenen Formen von Bildern, die es in unserer Gesellschaft gibt: Das reicht von Info-Grafiken bis hin zu Firmensymbolen. Seine Ideen erläutert er an einigen gut verständlichen Beispielen.
Auch wenn das Thema des Buches kein pädagogisches ist, lässt sich doch gerade im Kontext von Neuen Medien einiges über deren Bedeutung und die Rolle der Bilder in unserer Welt ableiten.
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Jens Korfkamp
Verlag: Logos Berlin
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Heimat- Paradies auf Erden?
Rezension zu: „ Die Erfindung der Heimat. Zu Geschichte, Gegenwart und politischen Implikaten einer gesellschaftlichen Konstruktion“ von Jens Korfkamp, Logos Verlag, Berlin 2006
Jeder glaubt zu wissen, was Heimat ist. Doch die Vielfalt unterschiedlicher Definitionen in Etymologie, Geistesgeschichte und modernen empirischen Befragungen zeigt, dass es nicht so einfach steht um den Heimatbegriff. In seiner Dissertation „Die Erfindung der Heimat“ versucht der in Spellen j. Voerde geborene, in Rheinberg lebende, deutsche Sozialwissenschaftler Jens Korfkamp, Licht in das - auch politisch nicht selten- Dunkle des Heimatbegriffs zu bringen. Ist der Geburtsort die Heimat? Das elterliche Haus in der Poststr.3, oder ist Heimat der Ort, wo man selber wohnt, Familie und Freundschaften pflegt? Ist Heimat vielleicht größer? Eine Region, ein Land, eine Nation? Oder muss man auch diese regionalen Beschränkungen aufheben? Gibt es doch auch religiös begründete Heimaten wie z. B. das himmlische Paradies!
Bereits im historischen Abriss werden Komplexität und Wandelbarkeit des Heimatbegriffs aufgezeigt. In vorindustrieller Zeit gab es nichts zu diskutieren: Heimat , das waren Haus und Hof; der Besitz, der zugleich bestimmte Rechts- und Versorgungsansprüche gegenüber der Heimatgemeinde mit einschloss. Doch schon hier wird deutlich: Der Eine hat mehr Heimat als der Andere. Der Fremde aber bleibt außen vor.
Während traditionelle Gesellschaften die Heimatverbundenheit – gleich Bodenständigkeit- belohnten, brauchte die Moderne plötzlich die Mobilität. Zusammen mit den Ideen der Aufklärung wurde der traditionelle Heimatbegriff ordentlich durcheinander gerüttelt. So ersetzten Sicherungssysteme des Sozialstaates nach und nach das Heimatrecht.
Doch das Individuum will auch Wärme. Die findet es in Heimatvereinen und Agrarromantik. Heimat wird zum Bollwerk gegen das sündige Leben der Städter, gegen den Verfall der Wertesysteme und schließlich gegen den Internationalismus.
Das individuelle Bedürfnis nach Übersichtlichkeit und Identität wird durch kollektive Systeme bestens (aus)genutzt. Heimat im traditionell-konservativen Verständnis ist nicht vorstellbar ohne Abgrenzung und Ausschluss. So wurde Heimat im Nationalsozialismus unlösbar verbunden mit Volk, Blut und Boden, dem rettenden Führer und der für alle verpflichtenden Kampf- und Verteidigungshaltung gegenüber den Bedrohungen von außen.
Korfkamps Heimatanalyse ist aktueller denn je, führt sie doch unweigerlich zu der Thematik der Inklusion und Exklusion, die über das Gelingen oder Misslingen heutiger Migrationsgesellschaften mit entscheidet.
Nach dem Krieg wurde es zwar eine Zeit lang ruhiger um den Heimatbegriff, aber Korfkamp zeigt erbarmungslos auf, dass der konservativ-bodenständige Heimatbegriff eine Renaissance erlebt in der bundesdeutschen Ausländerpolitik. Heimat ist zwar auch ein subjektives Empfinden - das sich im Laufe einer Biografie übrigens verändert-, aber parallel ein Konstrukt, das durch politische Strömungen definiert wird und das eben dieses subjektive Empfinden in bestimmte Richtungen lenkt. Gerade dies geschieht in der gegenwärtigen Ausländerpolitik, die den konservativ- statischen Heimatbegriff wieder aufnimmt. Korfkamp macht in seiner Dissertation deutlich, dass Heimat ein politischer Begriff ist, der aber herrlich unpolitisch klingt und umso besser politisch wirksam eingesetzt werden kann.
Dies zeigt sich besonders in der politischen Kommunikation xenophober Haltungen und im Schlagwort der Leitkultur. Korfkamp führt eine Fülle an Beispielen aktueller politischer Äußerungen auf, die – verschriftlicht dokumentiert- erschütterndes Zeugnis eines konservativen , ethnozentrischen Heimatbegriffs in den Köpfen moderner Politiker sind, die eigentlich einer dynamischen Demokratie verpflichtet sein sollten. Heimat und Heimatrechte als politisch kollektives Konstrukt, das Fremdenfeindlichkeit und gesellschaftlichen Ausschluss fordert, - wie z.B. in der Asyldebatte in den 1990er Jahren- bietet zugleich einen Legitimationsrahmen für fremdenfeindliche Haltungen und Übergriffe.
Heimat als Einschluss- und Ausschlusskriterium (Wir- Die Fremden) gelingt am besten, wenn die kollektive Identität anhand von Kriterien definiert wird, die ewig, unantastbar, und scheinbar von der Natur her gegeben sind und wenn darüber hinaus vertuscht wird, dass es sich bei der Definition von Heimat um eine sozialen Produktionsprozess handelt.
Diesen Zusammenhang zeigt Korfkamp brillant und – zum Glück auch politisch engagiert aus dem Blickwinkel wünschenswerter Demokratie- auf.
Auf Heimat muss keineswegs verzichtet werden, so die Quintessenz. Aber eine moderne Demokratie im globalisierten Kontext bedarf eines prozessual-dynamischen Verständnisses sowohl von Identität als auch von Heimat. Heimat muss deutlich, verstehbar und akzeptierbar werden als eine im Diskurs errungene soziale Übereinkunft, ein Ergebnis veränderbarer, sozialer Konstruktionen. So ist die Dissertation von Korfkamp nicht nur wissenschaftliche Analyse, sondern zugleich ein engagiertes Plädoyer für die Ablösung eines konservativ-statischen Heimatbegriffs durch ein neues Verständnis von Heimat als Prozess der kollektiven Identitätsarbeit.
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Florian Rötzer
Verlag: Campus Verlag
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Florian Rötzer - vielen bestimmt als Redakteur und Autor des Telepolis Magazins bekannt - beschreibt in diesem Buch die Veränderungen, die unser Leben im Rahmen der zunehmenden Digitalisierung erfährt und noch erfahren wird. Er schreibt (zum Teil durchaus provokant) über Wissen, Zugang zu diesem, Bildung. Sehr spannend sind auch die Beiträge im zweiten Teil des Buches, die von anderen Autoren stammen: wie stellt sich z.B. die Verbreitung des Internets aus der Sicht der dritten Welt dar - warum sieht man das Internet auf den Philippinen als nächste Stufe der Kolonialisierung? Wir empfehlen dieses Buch uneingeschränkt!
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