
Clifford Stoll
Verlag: S. Fischer
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Dies ist das aktuelle Buch von Clifford Stoll, das er auch vor einiger Zeit in Lesungen in Deutschland vorgestellt hat.
Er setzt sich gewohnt kritisch und z.T. äußerst provokativ mit den enthusiastischen Thesen unserer Welt auseinander. Er hinterfragt die euphorischen Ideen, die im Bildungsbereich immer noch mit den Neuen Medien einhergehen auf seine unnachahmliche Art und Weise - kritisch, mit äußerst viel Sachverstand, aber auch immer mit einem verschmitztem Zwinkern in den Augen. Das macht dieses Buch sehr sympathisch, es regt an vielen Stellen zum Nachdenken an und hilft Dinge zu hinterfragen.
Hinzu kommt, dass Clifford Stoll aufgrund seiner Biographie und den Erfahrungen, die er im Bereich Computer/Internet und Neue Medien allgemein hat, kompetent über aktuelle Entwicklungen berichten kann, dass er sich mit seinem Buch in pädagogische Gebiete vorwagt und gewiss oft damit anecken wird, das ist ihm wohl bewusst und das ist auch gewollt.
So wünschen wir allen Pädagogen eine angenehme Lektüre, uns hat dieses Buch viel Spass bereitet und einige Nachdenklichkeit hinterlassen.
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Oliver Poseck (Hrsg.)
Verlag: Luchterhand Verlag
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Vor der Rezension ein paar Anmerkungen in eigener Sache. Wir sind in diesem Werk mit einem Beitrag selbst vertreten - Sie finden von uns (Markus Poguntke-Rauer, Jochen Wittenberg, Martin Ragg) eine Auswertung unserer Umfrage unter Experten der Sozialen Arbeit. Vielen Dank an dieser Stelle auch an Oliver Poseck, der die Idee zu diesem Projekt hatte, es organisierte und am Leben erhielt!
Aus der Ankündigung des Luchterhand-Verlags:
Dieses Buch vermittelt einen praxisnahen Überblick über Online-Angebote in sozialen Arbeitsfeldern. Neben einer kurzen allgemeinen Einführung zum Medium Internet werden Möglichkeiten und Chancen des Internet für die Soziale Arbeit aufgezeigt.
Sozialarbeitern vor Ort liefert das Buch nützliche Anregungen und Ideen für die Konzipierung und Umsetzung zielgruppenspezifischer Online-Angebote. Hierzu werden Pionierprojekte aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern der Sozialarbeit beschrieben. Die Autoren legen Ideen und Ziele des jeweiligen Projektes dar, machen Hernagehensweise und Umsetzung transparent, informieren über erste Ergebnisse zur Akzeptanz und Nutzung des Angebots bei der Zielgruppe und zeigen Perspektiven zur Weiterentwicklung auf.
Die Leser erhalten damit den interessanten Blick hinter die Kulissen: Wie haben andere es angestellt? Welche Erfahrungen haben sie gesammelt und welches Fazit lässt sich ziehen?
Die am Ende des Buches zusammengestellten Tipps und Tricks, Checklisten zu verschiedenen Themen- und Aufgabenfeldern sowie das umfassende Glossar sind eine echte Hilfe für alle, die sich mit eigenen Angeboten auf den Weg ins World Wide Web machen wollen.
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Florian Rötzer (Hrsg.)
Verlag: Verlag Heinz Heise
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Das Buch ist gerade frisch erschienen, die Rezension folgt in Kürze. Aber wir können es nach dem ersten Durchblättern auf jeden Fall schon einmal empfehlen.
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Vilem Flusser
Verlag: orange press
Zur Zeit leider nicht bei Amazon gelistet.
Ein wunderbares Buch mit biografischen Essays, herausgegeben von Silvia Wagnermaier und Nils Röller.
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Wolfgang Bergman
Verlag: Beustverlag - München
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Kitsch me if you can
Wir wollen dem Eindruck nachgehen, dass viele medienkritische Einwände, die gegen "die Neuen Medien" im Allgemeinen und Computer und deren Einfluss auf Kinder und Jugendliche im Speziellen vorgebracht werden, in einem Sud gähren, der aus kulturpessimistischen Befürchtungen, Unwissen über das, worum es geht, die technischen Möglichkeiten und Bedingungen sowie nostalgischen Verklärungen angerührt ist, den man mit Reichenbach (2003) als pädagogischen Kitsch bezeichnen kann.
Kitsch wird hier nicht in dem gewöhnlichen Verständnis einer privat ästhetischen Geschmacks- und Genusshaltung verstanden, in der der Zuhörer, Zuschauer, Betrachter, Leser etc. ein Artefakt etwas im Rahmen eines spezifischen Interpretations- und Wahrnehmungspatterns rezipiert, welches ganz bestimmte unten aufgeführte Charakteristika aufweist und So erlebt der kitschig rezipierende Mensch in dem genossenen Kunstwerk, Buch, Musikstück, Film usw. weniger den rezipierten Gegenstand als vielmehr die in dieses Wahrnehmungs- und Interpretationsmuster eingeschriebenen Erfahrungsmuster (Klischee).
Kitsch wird hier in seiner gesellschaftlich-politischen Dimension als eine Haltung verstanden, die auf unbefragten Vorstellungen vom wahren, guten und richtigen Leben (aber auch des Schönen, Anständigen und Nützlichen) fußt. In dieses Bewusstsein sind solchermaßen für alle verbindliche Sollensforderungen (was gut, wahr oder schön ist) mit dogmatischen Anspruch auf Richtigkeit eingeschrieben. Kritische Einwände gegen solche Forderungen oder den Alleingültigkeitsanspruch, der darin sichtbar wird, werden als dem erstrebenswerten Ziel des Guten, Wahren und Schönen entgegengesetzt erachtet und die Vertreter solcher Einwände als uneinsichtig bis gefährlich diskreditiert.
Als Darstellung des allzu Eindeutigen, des Nur-Schönen mit der Tendenz zur Vereindeutigung ist Kitsch in nicht allzu weiter Ferne von (Selbst-)Täuschung, Unwahrheit und Verklärung angesiedelt. Auf der individuell-privaten Ebene ist dies niemanden zum Vorwurf zu machen, gründet die Anfälligkeit für Kitsch als Selbsttäuschung doch im allzu menschlichen "Bedürfnis nach Behaglichkeit, schöner Stimmung, Sicherheit, Eindeutigkeit und Aufgehobensein (..) kurz: im Bedürfnis, der Unwirtlichkeit der exzentrischen Position zu entrinnen." (Reichenbach, 2001, 431)
Der private Kitsch verweist auf das existenzielle menschliche Bedürfnis nach Aufgehobenheit, nach "dem Ganzen", Vollständigen, nur Schönen, der Utopie der "heilen Welt". Wenigstens für einen Moment lang der Trostlosigkeit irdischen Seins entkommen, Angst, Langeweile und Ekel begegnen.
Das Unrealistische des Kitsch ist noch sein geringster Fehler. "Gravierender ist die damit verbundene Gewohnheit, Erfahrungen und Erlebnisse im Hinblick auf ihre Tauglichkeit für die "Verschönerung des Lebens" zu bewerten." (Reichenbach 2001, 431) Dies bedeutet, die Phänomene des Lebens mit Blick auf eine vorgängige Matrix, die definiert, was schön, nützlich, richtig und gut ist, zu überprüfen und zu bewerten. Insofern besteht die fundamentalistische Tendenz des Kitsches darin, in der festen Überzeugung der eigenen Notwendigkeit und Richtigkeit, eben diese Notwendigkeit und Richtigkeit allen nicht in dieses Schema passenden Erscheinungen abzusprechen:
"damit ist Kitsch anfällig für jede Art von Fundamentalisierung. Unfähig, das Anderssein des Anderen zu denken, fehlt dem Menschen in der Kitschstimmung das heterologische Verständnis: Kitsch kennt und anerkennt nur sich selbst" (Reichenbach, 2003, S. 9)
Der Kitsch und das Klischee (als spezifische Kitsch-Technik) sind Modi des Heimisch-Seins: Wir fühlen uns im Klischee zu Hause und im Kitsch so wohl, weil er auf uns verweist und nicht auf die Welt, weil wir uns im Klischee erfahren und nicht die Welt[1], weil uns der Kitsch und das Klischee nicht mit dem Anderen, dem Fremden irritiert, sondern uns unseres Selbstseins und der Richtigkeit, Berechtigung dieses Selbst- und Soseins versichert.
Deshalb sind Filme, Bücher, Lieder, Gedichte, die Klischees bedienen, die beim Zuschauer, Zuhörer, Leser, Betrachter "anschaffen gehen"[2], ästhetisch schlecht und bedenklich: weil sie dem Bedürfnis entgegenkommen, nicht irritiert werden zu wollen, Vorhandenes zu bestätigen und zu stabilisieren und somit einer Haltung zuarbeiten, die nur sich selbst kennt, erkennen kann und anerkennen will und die Möglichkeit des Anders-Seins ausklammern und dadurch das Gelingen des Begegnens mit dem Anderen, Anders-Sein gefährden.
"Als eine allgemeine Kennzeichnung des Kitsches (...) kann die Abwesenheit von Widerspruch betrachtet werden: Kitsch ist die Darstellung des zu Eindeutigen. Das zu eindeutige Erleben ist mitunter selbstgerecht und selbstverliebt, es blendet dekonfirmierende, alternative oder irritierende Interpretationen aus." (Reichenbach, 2003, S.4)
Im Selbstgenuss dessen, was man immer schon kennt taucht "Welt" als Nicht-Ich, als Anders-Sein gar nicht auf. Es wird eine irritationslose Bestätigungs-Kultur des Bekannten etabliert, als wäre dies die Wirklichkeit, als gäbe es nur die unifizierende Erfahrung. Aber Erfahrung bedeutet doch eigentlich, außer sich zu geraten, auf eine Fahrt in die Fremde zu gehen und verändert wiederzukommen.
Sich zu verändern, Anderem zu begegnen wird aber mit Selbstverlust assoziiert, weil Anderes (in dessen Existenz die Möglichkeit des Anders-Seins aufscheint) das Selbstsein (und Sosein) in Frage stellt und negiert. Entsprechend besteht die Tendenz, sich solchen Erfahrungen zu entziehen bzw. sie zurückzudrängen, nicht zuzulassen.[3]
"Kitsch ist moralisch fragwürdig, weil er eine Verleugnung der "ontologischen Differenz" entspricht, d.h. der Trennung zwischen Sein und Bewusstsein und dessen Darstellung oder Empfindung; damit ist Kitsch anfällig für jede Art von Fundamentalisierung. Unfähig, das Anderssein des Anderen zu denken, fehlt dem Menschen in der Kitschstimmung das heterologische Verständnis: Kitsch kennt und anerkennt nur sich selbst" (Reichenbach, 2003, S. 9)
Kitsch ist die Verfasstheit, in der es um Bestätigung dessen geht, was ist. Es geht nicht um Erfahrung, die etwas Neues bringt, die auch etwas Anderes als das, was ist, bedeuten könnte. Solchermaßen handelt es sich beim Kitsch nicht um neue Erfahrung, neue Einsichten, sondern um immer weitere Variationen Desselben.[4] Daher ist die Welt des Kitsch auch widerspruchslos und geschlossen. Alles hat seinen Platz, Heterologien gibt es nicht, sondern sind ein Makel, Zeichen des Mangels und des Falschen. Die Struktur und Tendenz des Kitsches und des Klischees ist daher tendenziell fundamentalistisch, seine Argumentationsweise hermetisch und sein Wesen antidemokratisch.
"(...) auch wenn er dann noch nicht als "moralisch böse" gelten kann, so ist er doch der demokratischen Lebensform entgegengesetzt, wenn diese dafür steht, die Arena des Widerspruchs bereitzustellen und sicherzustellen." (Reichenbach, 2003, S. 6)
In den Büchern des Hannoveraner Psychologen Wolfgang Bergmann über die "Digital-" und "Cyberkids" (und zuletzt über "Das Drama des modernen Kindes") wird auf den Umschlägen ein Inside-Report versprochen, der klärt, was mit und bei den Kindern und Jugendlichen heute so abgeht. Wenn man im Inhaltsverzeichnis seines Buches "Digitalkids. Kindheit in der Medienmaschine" (beustverlag, 2003) Kapitel findet wie:
ahnt man aber, dass es sich hier nicht um eine Analyse, sondern eine Meinungsschrift handelt. Hier das schutzlose "kindliche Ego" - dort das "Niemandsland der Computerspiele", hier die "digitalen Medien" - dort die "Erfahrung", das Echte. Bergmann nähert sich den Phänomenen immer schon in der Gewissheit einer klaren Ordnung von "Schädlichkeit" und "Natürlichkeit".
Im Vorwort erklärt Bergmann zwar, dass es ihm darum geht "einen kulturellen Faktor, der die Aufmerksamkeit der modernen Kinder zutiefst formt, zum Ausdruck" (Bergmann, 2003b, S.13) zu bringen. Allerdings geschieht diese Darstellung, wie man wenige Zeilen weiter lesen kann, vor dem Hintergrund der Annahme, dass
"die integrative Kraft der kindlichen Psyche darüber zerreißt dass die Unformung der kindlichen Energien und unbewussten Prozesse im Begriff ist, den gemeinschaftlichen Charakter des kindlichen Individuums aufzulösen." (ebd.)
Hier scheint das, was analysiert werden soll (nämlich der Einfluss Neuer Medien und deren Bedeutung und Folgen für Kindheit) immer schon längst ausgemacht und klar: Auflösung der Persönlichkeit, Unterminierung authentischer sozialer Erfahrung, mithin Untergrabung der Fundamente des Gemeinwesens. Bergmann sieht "das Überleben einer auf vernunftgeordneten Prinzipien vertrauenden Gesellschaftsstruktur auf dem Spiel" (ebd.).
Mit der Mobilisierungsphraseologie eines Inquisitors arbeitet Bergmann mit suggestiver Betroffenheitsrhetorik und einer manipulativen Sprache und bringt eindeutig konnotierte Begriffe in Stellung. Es werden sprachliche Gegensätze mobilisiert, die keinen Zweifel daran lassen, welche Seite "die Richtige" ist:
"kalt" vs. "warm", "Technik" vs. "Gefühl"/"Soziales", technisch" vs. "natürlich", "künstlich" vs. "authentisch", "einseitig" vs. all- oder vielseitig", "isoliert" vs. "allumfassend", "Ausführen vorgängig definierter Prozeduren"/"unkreativ" vs. "schöpferisch"/"machen"/"hervorbringen"/"schöpfen", "leblos" vs. "Wachstum"/"lebendig", "Industrie" vs. "Natur", "Marketing- und Profitinteressen" (Gefahr von Verdinglichung des Menschen durch undurchschaubare Strategien) einer anonymen Industrie/eines Konzerns vs. die absichtslose und zu verteidigende Unschuld eines Kindes, Abstraktheit der Maschine vs. Echtheit und Unmittelbarkeit von Kommunikation, "Isolierte Beanspruchung" vs. "Ganzheitlichkeit", "digitaler Autismus" vs. "Gemeinschaft"/"soziale Kompetenz"/"Gespräch" usw..
Reichenbach nennt solche Begriffe, die eine ganz bestimmte Bedeutung transportieren und deren Verwendung das Ziel verfolgt, dass diese Bedeutung sich auf die bezeichneten Zusammenhänge überträgt, "Überredungsdefinitionen" (und zeigt dies am Begriff "Ganzheitlichkeit" und seiner Verwendung in verschiedenen Curricula des schweizerischen Schulwesens):
"Überredungsdefinitionen operieren v.a. mit Adjektiven wie "wahre" (wahre Bildung, wahres Selbst), "echt" (echte Wertschätzung, echte Bildung), "wirklich" (wirklicher Sozialismus), "lebendig" (lebendiges Wachstum), während andere Begriffe schon für sich selbst nur positive Konnotationen aufweisen." (Reichenbach, 2003, 12)
Bergmann operiert mit solchen, die Inhalte nicht analysierenden, darstellenden, sondern die Rezeption der dargestellten Inhalte manipulierenden Überredungsdefinitionen, wenn er beispielsweise über die Wirkung von Computerspielen schreibt:
"Diese digitalisierte Bildern, Figuren, Landschaften haben einen seltsam unvertrauten Charakter, ihre Farben glänzen anders als etwa die Farben in den Bilderbüchern, sie glänzen metallisch. Es sind -metaphorisch gesprochen- Farben, die die Sonne nicht kennen, Farben ohne Licht. Mit anderen Worten: Man spürt überall in den Bewegungen, den Figuren, den Farben, den Szenen, dass sie künstlich sind. Ergebnisse von Programmierungen, also von Rechenvorgängen. Sie haben etwas von der Härte und dem Abweisenden, sagen wir ruhig: von der Kälte algorithmischer Formeln. Lichtobjekte aus dem Geiste der Mathematik." (Bergmann 2003b, S.19)
Bei einer solchen Skizze angeblich einander gegenüberstehender Alternativen[5] muss derjenige, der dieser Sichtweise nicht vorbehaltlos zustimmt offensichtlich Anwalt einer kalten, berechnenden, den Menschen verdinglichenden, entindividualisierenden Macht sein, die die lieben Kleinen finsteren Mächten ausliefern will. Bei einer solchen suggestiven Rhetorik kann niemand mehr gegen die vorgebrachte Kritik etwas sagen, "ohne seine scheinbar zynisch-pädagogischen Pferdefüsse entblößen zu müssen" (Reichenbach, 2003, S. 14). Was aber ist der diskursive Wert von Überlegungen, bei denen immer schon klar ist, was im Ergebnis herauskommt?
Zwar unternimmt Bergmann dann und wann immer noch Selbstversuche, geht ins Kino (und testet sogar Ecstasy, Bergmann, 2003b, S. 135ff.), kommt dabei aber zu erwartbaren Ergebnissen, die er objektiviert:
"Ich war im Kino, ein Kultfilm. Und es war grauenhaft. Nicht, weil der Streifen besonders grausam gewesen wäre - viel schlimmer, es war zum Gähnen langweilig" (Bergmann, 2003b, S.26).
Man merkt: hier sitzt jemand ambitioniert, den Elementen der Jugend- und Popkultur auf Biegen und Brechen zu widerstehen. Entsprechend erlebt er den Kinofilm als "ein Nichts an Handlung. Zerdehnte Bilder, eine schöne Tochter einer berühmten Mutter; Autos fuhren hin und her, und es wurde viel geredet." (ebd.)[6]und muss zu seinem Erstaunen feststellen, dass es den Jugendlichen um ihn herum hervorragend gefallen hat.
Es handelte sich nach Bergmanns Darstellung um einen Film (den Titel enthält er leider vor), der mit Zitaten und Querverweisen auf vorige Filme desselben Regisseurs arbeitete (Da Bergmann von einem Mord direkt zu Beginn und noch einigen folgenden Morden und immer wieder herausgezögerten Spannungsmomenten und Zitaten berichtet, vermuten wir, dass es sich um Wes Cravens SCREAM gehandelt hat): "Begreifen konnte dies nur, wer in diese eingeweiht war." (ebd., S.27) Das der ausbleibende Genuss für Bergmann daran liegt, dass er die zu Grunde liegende Filmsprache nicht kennt, kommt ihm offenbar nicht in den Sinn, bzw. wird zum Anhaltspunkt für die mangelnde Qualität des Films.
Bergmann analysiert die Sprache der Jugendlichen, die sich über Film oder Computer(spiele) unterhalten "Ich erhob mich betrübt ob des vergeudeten Abends aus meinem Kinosessel, nur um zu meiner Verblüffung um mich herum lauter hochzufriedene Gesichter zu entdecken, Jugendliche, die sofort heftig zu diskutieren anfingen" (ebd., S. 26).
Das erstaunt, hatte er doch gerade eine Seite zuvor den Jugendlichen noch attestiert, sich "weniger als wir es gewohnt sind" (ebd., S.25) zu unterhalten: "man wird selten ein Gespräch hören, in dem ein Computerspiel beschrieben, ein Pop-Konzert als eigenes Erlebnis berichtet oder ein Film nacherzählt wird." (ebd.).
Dies läge daran, dass die Erlebnisse, die Film und Computer vermitteln, von Brüchen durchzogen und disparat (vermutlich im Unterschied zur Ganzheitlichkeit der "wirklichen Erfahrung", z.B. Wandern, Singen, Holzwerken, usw.) und also nicht erzählbar sind. Nun sprechen Jugendliche also doch über diese Erfahrungen und zwar laut Bergmann auf zwei Ebenen:
"Zunächst, indem sie sich mit Kürzeln, mit Ausrufen verständigen, die gleichsam die emotionale Dichte des Spieles widerspiegeln (...), also in einer Sprache, die nichts beschreibt und erst recht nichts analysiert (...), sondern die Erlebnisweise signalisiert. Sprachsignale anstatt von Begründungen." (ebd., S.27)
Abgesehen davon, dass die Art der Beschreibung der Verständigung Jugendlicher über Ausrufe jenseits analytischer, differenzierter Beschreibung, sprich zivilisierter Ausdrucksweise, wie eine zoologische Beobachtung anmutet, die die Andersartigkeit der Kommunikationsweise von Kindern und Jugendlichen ignoriert, operiert Bergmann auch hier mit Begriffen aus den Wortfeldern "natürlich", "eigentlich", "lebendig" vs. "technisch", die nicht klären und analysieren, sondern bewerten und zuordnen.
Spätestens hier zeigt sich der Kitsch der Medienkritik als nostalgische Verklärung zurückliegender Epochen und deren Errungenschaften (deren Verlust beklagt wird) und kulturpessimistische Gegenwartskritik: so wird beim Sprechen über Technik unterschieden zwischen mechanischer (guter, weil durchschaubarer, dem menschlichen Körper nachgebildeter, also natürlicher und humaner) Technik und digitaler (böser, weil opaker, für den Verstand nicht fassbarer) Technik. In axiomatischer Annahme der eigenen Position, Sichtweise und Interpretationsmatrix als "die" Richtige muss alles, was außerhalb liegt, wenigstens wertlos bis hin zu schädlich, gefährlich und zu sanktionieren erscheinen.
Interessant ist die abstufende Kasuistik, in der Bergmann Technik "an sich" nicht verwirft, sondern sie unterscheidet nach dem Grad der Ähnlichkeit zum Menschen, menschlichen Körperfunktionen und Funktionsweisen des menschlichen Bewegungsapparates.
Was mimetisch nahe am Menschen ist (wie z.B. mechanische Technik) ist nicht so schlimm wie das mit am Menschen orientierten Analogien unbeschreibbare digitaler Technik. Das die Unmöglichkeit der Beschreibung digitaler Technik vielleicht nur ein Mangel des Autors und seines Begriffshorizonts geschuldet sein könnte, scheint nicht in Betracht zu kommen.
Die mechanische Technik beschreibt Bergmann als prothetische Verlängerung und Erweiterung "menschlicher Kräfte, sozusagen die Ausdehnung des menschlichen Körpers in den Raum" (ebd., S.27) und also der natürlichen Sphäre anteilig: man kann sich "auf einer tieferen seelischen Schicht mir ihr (der mechanischen Kraft, R.K.) identifizieren, weil sie der Wirkungsweise der Körperkräfte nachgebildet ist". (ebd.) Der Computer und seine Arbeitsweise hingegen ist für Bergmann "mit keinem menschlichen Körper und seinem Vermögen vergleichbar. Wenn ich also über die Technologie der Computer und die Machart der Spiele spreche, dann rede ich merkwürdigerweise über etwas für mich vollkommen Undarstellbares beziehungsweise nur in einer hochkomplex abstrakten Symbolsprache, fern der Erlebnisinhalte, Darstellbares. Was mir im Umgang mit diesen Technologisch-Künstlichen und trotzdem Real-Erscheinenden zustößt, ist das überhaupt real in dem Sinn, wie Begegnungen mit Menschen, Ereignisse auf der Straße Erfahrungen sind?" (ebd., S.28)
Echte Menschen auf der Straße zu treffen - das ist real-erscheinend und also wertvoll; alles was mit dem Computer zusammenhängt ist hingegen technologisch-künstlich und also wertlos. Die Kinder und Jugendlichen
"sind Experten, Experten des Technischen (wenngleich oft sehr viel weniger als sie selbst vermuten) und des Ästhetischen, das von der Technik hervorgerufen wird. Jedenfalls Experten der Intuition im Umgang mit digitaler Technik und Ästhetik.
Experten der Erfahrung sind sie nicht." (ebd., 28)[7]
Wenn Bergmann dann noch anmerkt, dass "unsere Kinder immer die Übersteigerung, das Extreme oder das total Skurrile, das verrückter ist, als jeder Trickfilm" (ebd., S. 29) suchen, wird deutlich, dass da jemand schreibt, dem das Treiben der Kinder und Jugendlichen allein darum suspekt ist, weil er es nicht versteht und sich nicht in sein Raster fügt. Nach Bergmanns Maßstab wären wohl nur die Kinder und Jugendlichen normal, die sich wie kleine Erwachsene benehmen, normal: gesittet, vernünftig, reasonable.
"Durch die Medien leben die Kinder nicht mehr kindgerecht in ihren Träumen, ihren Wünschen und Bewegungen. Sie sind nur noch fremdgesteuert. Sie vereinsamen und sehen sich als Mittelpunkt ihres Lebens. Das gibt auf lange Sicht eine asoziale Gesellschaft." (Bergmann 2003a)
Die hier zu Grunde liegende Argumentationsstruktur ist als "apokalyptisch" (Umberto Eco) erkennbar. Gegen ein dominierendes oder als dominierend empfundenes Bild des "Neuen Menschen" als allseits flexibles offenes Projekt der permanenten Selbsttransformation unter Maßgabe der individuellen Gewinnmaximierung werden die Schrecken des Verfalls der Polis, der abnehmenden Fähigkeit der Menschen ein Gemeinwesen aufzubauen und zu pflegen, die soziale Kälte, Kulturlosigkeit bis zu mangelnden Manieren der Jugend beschworen.
Wolfgang Bergmann spricht vom Fernseher wie vom Computer als gefährdende Einrichtungen. Sie lähmen die Phantasie, ruinieren die physische Verfassung und bedrohen die soziale Entwicklung des Kindes, mithin der gesamten Gesellschaft.
Hier wird das bekannte Bild, vom hypnotisierten Nutzer auf der Konsumeinbahnstraße bemüht, in dem eine Vorstellung von "aktiver Mediennutzung" nicht vorkommt. Die Mediennutzung ist die der "passiven Glotzhaltung" (Bergmann 2003a): "Die Kinder sitzen krumm davor und schieben sich Chips hinein - nicht zu fällig ist jedes vierte Kind übergewichtig." (ebd.). Bergmann spricht von passiven, depressiven Kindern und auch solchen, die zur Hyperaktivität bis zur Aggressivität, in Extremfällen zu Selbstverletzungen neigen. Es leidet die Sprechfähigkeit, Rechtschreibschwäche ist die Folge, Auseinandersetzung mit anderen Menschen (Vereinsamung vor dem Fernseher, pardon: der Glotze) fehlt. Bergmann fordert nicht die Verbannung des Fernsehers oder Computers aus den Haushalten, wohl aber eine strikte Reglementierung durch die Eltern und hat dafür auch konkrete Ratschläge:
"Wichtig ist, Struktur in die Familie zu bringen. Darüber hinaus müssen Kinder lernen, andere zu respektieren, indem man zum Beispiel nicht immer nachgibt. Man muss klare Grenzen setzen. (...) So sollte man mit ab 14-Jährigen Sendungen besprechen, die sie sehen dürfen und ab 21 Uhr ist Schluss. Grundsätzlich gilt entweder - oder. Beim Computer sollte man Ballerspiele verbieten. Wurde ein intelligentes Aufbauspiel gewählt, sollten sie dies ruhig drei Stunden zu Ende spielen, dann aber 2-3 Tage nichts mehr." (Bergmann, 2003a)
Man merkt, Bergmann weiß, wovon er spricht und hat klare Vorstellungen. Es scheint, dass der Maßstab für die Beurteilung des Wertes von (Medien)Inhalten Bergmann zugänglich ist. Mit Sicherheit kann er konkrete Hinweise geben, was "ein intelligentes Aufbauspiel" darstellt und also wertvoll ist[8], wäre in der Lage, eine umfangreiche Liste mit Handlungsanweisungen, Uhrzeitenregelungen, Sanktionskatalogen aufzustellen. In solchen Äußerungen präsentiert sich
"der Kitsch der praktischen Ratschläge und der richtigen Gesinnung (...) denn "man kann richtig erziehen", wenn man es "nur richtig anpackt", es ist "gar nicht so schwer, aber man muss es wirklich wollen und dann auch tun" (Reichenbach, 2003, S. 11)
Hier wird alles mobilisiert, was sich wider den Medieneinfluss anführen lässt: wen die pejorative Rede von der "passiven Glotzhaltung" nicht überzeugt, den sollte die krumme Körperhaltung und die Gefahr der Fettleibigkeit durch Chipskonsum von der Schädlichkeit einer solchen Freizeitgestaltung überzeugen.
Bergmann schwebt ein positiv ausformulierter Kanon vor, den er deshalb formulieren könnte, weil es in der Matrix des Kitsches eindeutige Zuordnungen gibt, einen positiven (d.h. ausdrücklich und direkt inhaltlich gefüllten) Begriff des Guten, Schönen, Wahren gibt.
Es wird deutlich, dass das Sitzen vor einem Bildschirm und das Aufnehmen von (ästhetischen) Informationen nicht als eine Tätigkeit, nicht als kind- oder jugendgerechte oder überhaupt aktive, gar wertvolle Tätigkeit gilt, wenn auch sogar Bergmann einräumt, dass Kinder heutzutage "enorme Performance Fähigkeiten (haben), die sie früher nie gehabt hätten" (ebd.) und dass sie über "ein großes ästhetisches Vermögen" (ebd.) verfügten. Bergmann bilanziert den Medieneinfluss aber dennoch als "Verschiebung der Kultur, die aber den eigentlich kindlichen Bedürfnissen nicht gerecht wird" (Bergmann, ebd.)
Bergmann, Wolfgang (2003a) im Interview mit Martina Reims vom Kölner Stadt Anzeiger vom 15.09. 2003, S.16
Ders. (2003b): Digitalkids. Kindheit in der Medienmaschine. München (beustverlag) 232 S.
Eco, Umberto (1986): Apokalyptiker und Integrierte. Zur Kritik der Massenmedien. Frankfurt a.M.
Reichenbach, Roland (2003) : Pädagogischer Kitsch. Antrittsvorlesung an der WWU Münster. Münster unveröffentlichtes Manuskript
Ders.: Demokratisches Selbst und dilettantisches Subjekt. Demokratische Bildung und Erziehung in der Spätmoderne. Münster/New York/München/Berlin 2001. S. 430ff
[1] "Kitsch ist der auf den Darsteller oder den Empfänger selbst gerichtete Genuss. (...) immer meint Kitsch das Genießen um des Genusses willen und nicht um der Sache willen. Während das letztere der typischen Transzendenz des ästhetischen Genusses entspricht, bleibt ersteres ganz im Schoße der Immanenz, welche typischerweise als Sentimentalität oder Gefühlslust begriffen wird." Reichenbach, 2003, S. 7
[2] "Man ist in Deutschland ja umgeben von Filmen, die anschaffen gehen bei dem Mitgefühl der Zuschauer. Ich mag das nicht." (S. 28) In: "Das Kino als Versuchsanordnung. Ein Werkstattgespräch mit dem Regisseur Christian Petzold. Von Stefan Reinecke. In: EPD Film (20.Jg.) 10/2003, S. 26-29
[3] Dieses Bedürfnis ist privat nicht vorzuwerfen. Das man nach einem langem Arbeitstag lieber eine Unterhaltungsshow oder James-Bond-Film ansieht, als eine 16 Stunden Dokumentation über die Leiden des Krieges ist nachvollziehbar und legitim. Problematisch ist, wenn sich diese Technik, sich das Andere vom Leib zu halten ausdehnt und übergreift auf andere Felder und sukzessive zur allumfassenden Wahrnehmungsstruktur von Welt wird (und z.B. das Klischee zur Technik in der politischen Rhetorik wird).
[4] Reichenbach spricht denn auch vom Kitsch als einem Zustand der "Produktivität und Übersättigung", in dem es zu mannigfachen Querverbindungen, Transparenzen, Assoziationsketten kommt: alles hängt mit allem zusammen, das Allgemeine spiegelt sich im Besonderen und umgekehrt, alles verweist aufeinander. "Stimmungen erzeugen Synästhesien (und werden oft genau dadurch kitschig) und umgekehrt können Synästhesien auch Stimmungen erzeugen. Kitsch ist die hemmungslose "synästhetische Übersättigung": das totale Kunstwerk, das zuviel des Passenden und Eindeutigen - kein Register, das nicht gezogen wird." (Reichenbach 2003, S.8f.)
[5] Digitalisierte Bilder stehen dabei offensichtlich echten Bildern gegenüber, der unvertraute Charakter irritiert und ängstigt im Gegensatz zum Vertrauten. Metallische Farben also Farben, die die Sonne nicht kennen, also gewissermaßen Farben ohne Licht sind nichts gegen das lebendige Leuchten roter Bäckchen eines Knaben, der ein Lamm herzt, und das künstliche Bewegungen, Figuren, Farben, Szenen im Gegensatz zu echten Bewegungen, Figuren usw. zu verdammen sind, liegt auf der Hand. Wenn all dies Ergebnisse von Programmierungen, also von Rechenvorgängen sind muss "Rechnen" und "Programmieren" kalt, abweisend und hart, also inhuman sein, weshalb dann die Mathematik als Universalmetapher für Unmenschlichkeit herhalten muss.
[6] Man wünscht sich fast, Bergmann würde Filmkritiken schreiben, wie würde er etwa Woody Allens MANHATTAN beschreiben? Es wird viel in Restaurants gesessen und geredet? Und Filme von Aki Kaurismäki oder Jim Jarmusch: es wird geraucht?
[7] Der die dramatische Funktion der auf dieses Urteil zulaufenden Wiederholung und Aufzählung transportierende und ins Bild setzende Absatz wurde aus dem Fließtext übernommen.
[8] Warum eigentlich? Weil dort "logisches Denken" geübt wird? Wäre nicht auch kritisch anzumerken, dass Strategie- und Aufbauspiele einen "ökonomischen Blick" auf die Welt üben, der diese nach Maßgabe ihrer Verwertbarkeit gemäß dem Prinzip der eigenen Nutzenmaximierung misst?
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