
Jens Korfkamp
Verlag: Logos Berlin
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Heimat- Paradies auf Erden?
Rezension zu: „ Die Erfindung der Heimat. Zu Geschichte, Gegenwart und politischen Implikaten einer gesellschaftlichen Konstruktion“ von Jens Korfkamp, Logos Verlag, Berlin 2006
Jeder glaubt zu wissen, was Heimat ist. Doch die Vielfalt unterschiedlicher Definitionen in Etymologie, Geistesgeschichte und modernen empirischen Befragungen zeigt, dass es nicht so einfach steht um den Heimatbegriff. In seiner Dissertation „Die Erfindung der Heimat“ versucht der in Spellen j. Voerde geborene, in Rheinberg lebende, deutsche Sozialwissenschaftler Jens Korfkamp, Licht in das - auch politisch nicht selten- Dunkle des Heimatbegriffs zu bringen. Ist der Geburtsort die Heimat? Das elterliche Haus in der Poststr.3, oder ist Heimat der Ort, wo man selber wohnt, Familie und Freundschaften pflegt? Ist Heimat vielleicht größer? Eine Region, ein Land, eine Nation? Oder muss man auch diese regionalen Beschränkungen aufheben? Gibt es doch auch religiös begründete Heimaten wie z. B. das himmlische Paradies!
Bereits im historischen Abriss werden Komplexität und Wandelbarkeit des Heimatbegriffs aufgezeigt. In vorindustrieller Zeit gab es nichts zu diskutieren: Heimat , das waren Haus und Hof; der Besitz, der zugleich bestimmte Rechts- und Versorgungsansprüche gegenüber der Heimatgemeinde mit einschloss. Doch schon hier wird deutlich: Der Eine hat mehr Heimat als der Andere. Der Fremde aber bleibt außen vor.
Während traditionelle Gesellschaften die Heimatverbundenheit – gleich Bodenständigkeit- belohnten, brauchte die Moderne plötzlich die Mobilität. Zusammen mit den Ideen der Aufklärung wurde der traditionelle Heimatbegriff ordentlich durcheinander gerüttelt. So ersetzten Sicherungssysteme des Sozialstaates nach und nach das Heimatrecht.
Doch das Individuum will auch Wärme. Die findet es in Heimatvereinen und Agrarromantik. Heimat wird zum Bollwerk gegen das sündige Leben der Städter, gegen den Verfall der Wertesysteme und schließlich gegen den Internationalismus.
Das individuelle Bedürfnis nach Übersichtlichkeit und Identität wird durch kollektive Systeme bestens (aus)genutzt. Heimat im traditionell-konservativen Verständnis ist nicht vorstellbar ohne Abgrenzung und Ausschluss. So wurde Heimat im Nationalsozialismus unlösbar verbunden mit Volk, Blut und Boden, dem rettenden Führer und der für alle verpflichtenden Kampf- und Verteidigungshaltung gegenüber den Bedrohungen von außen.
Korfkamps Heimatanalyse ist aktueller denn je, führt sie doch unweigerlich zu der Thematik der Inklusion und Exklusion, die über das Gelingen oder Misslingen heutiger Migrationsgesellschaften mit entscheidet.
Nach dem Krieg wurde es zwar eine Zeit lang ruhiger um den Heimatbegriff, aber Korfkamp zeigt erbarmungslos auf, dass der konservativ-bodenständige Heimatbegriff eine Renaissance erlebt in der bundesdeutschen Ausländerpolitik. Heimat ist zwar auch ein subjektives Empfinden - das sich im Laufe einer Biografie übrigens verändert-, aber parallel ein Konstrukt, das durch politische Strömungen definiert wird und das eben dieses subjektive Empfinden in bestimmte Richtungen lenkt. Gerade dies geschieht in der gegenwärtigen Ausländerpolitik, die den konservativ- statischen Heimatbegriff wieder aufnimmt. Korfkamp macht in seiner Dissertation deutlich, dass Heimat ein politischer Begriff ist, der aber herrlich unpolitisch klingt und umso besser politisch wirksam eingesetzt werden kann.
Dies zeigt sich besonders in der politischen Kommunikation xenophober Haltungen und im Schlagwort der Leitkultur. Korfkamp führt eine Fülle an Beispielen aktueller politischer Äußerungen auf, die – verschriftlicht dokumentiert- erschütterndes Zeugnis eines konservativen , ethnozentrischen Heimatbegriffs in den Köpfen moderner Politiker sind, die eigentlich einer dynamischen Demokratie verpflichtet sein sollten. Heimat und Heimatrechte als politisch kollektives Konstrukt, das Fremdenfeindlichkeit und gesellschaftlichen Ausschluss fordert, - wie z.B. in der Asyldebatte in den 1990er Jahren- bietet zugleich einen Legitimationsrahmen für fremdenfeindliche Haltungen und Übergriffe.
Heimat als Einschluss- und Ausschlusskriterium (Wir- Die Fremden) gelingt am besten, wenn die kollektive Identität anhand von Kriterien definiert wird, die ewig, unantastbar, und scheinbar von der Natur her gegeben sind und wenn darüber hinaus vertuscht wird, dass es sich bei der Definition von Heimat um eine sozialen Produktionsprozess handelt.
Diesen Zusammenhang zeigt Korfkamp brillant und – zum Glück auch politisch engagiert aus dem Blickwinkel wünschenswerter Demokratie- auf.
Auf Heimat muss keineswegs verzichtet werden, so die Quintessenz. Aber eine moderne Demokratie im globalisierten Kontext bedarf eines prozessual-dynamischen Verständnisses sowohl von Identität als auch von Heimat. Heimat muss deutlich, verstehbar und akzeptierbar werden als eine im Diskurs errungene soziale Übereinkunft, ein Ergebnis veränderbarer, sozialer Konstruktionen. So ist die Dissertation von Korfkamp nicht nur wissenschaftliche Analyse, sondern zugleich ein engagiertes Plädoyer für die Ablösung eines konservativ-statischen Heimatbegriffs durch ein neues Verständnis von Heimat als Prozess der kollektiven Identitätsarbeit.