
Die Schweizer Weltwoche interviewt die MTV Chefin Catherine Mühlemann. Dabei geht es um Marktpositionierung, den Kampf gegen VIVA, den Widerspruch von HipHop Videos und Anti-Frauenhandel-Kampagnen und darum, dass MTV lieber mit Praktikanten als mit Festangestellten arbeitet.
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"Was erleben Sie im Osten?
Mir fällt auf, wie hungrig die Leute dort sind, wie gut ausgebildet und wie viel sie leisten, um bei einem Network wie MTV arbeiten zu können. In Polen arbeitet man ohne Murren zwölf bis vierzehn Stunden, in Deutschland würde in solchen Fällen längst mit der Gewerkschaft gedroht.
Fordern Ihre Clip-Moderatoren schon die Einführung der 35-Stunden-Woche?
Bei MTV sind die Mitarbeiter mit Leidenschaft dabei, wir spüren dieses Problem weniger. Aber der grosse Arbeitnehmerschutz ist für die deutsche Wirtschaft generell ein Standortnachteil. Ich glaube, mit der Ost-Erweiterung der EU kommt ein Potenzial an Arbeitskräften auf uns zu, auf das wir in Mitteleuropa geistig noch gar nicht vorbereitet sind.
Was wird sich für uns verändern?
Der Druck wird unglaublich zunehmen. Die Leute im Osten sind derart leistungsbereit, dass sie uns schon bald überholen werden. Was den Leuten im Osten zum Teil noch fehlt, ist Erfahrung, zum Beispiel wird Musikfernsehen noch in Garagen produziert wie bei uns vor zwanzig Jahren. Aber sie holen rasend schnell auf.
Sehen Sie das positiv?
Natürlich. Ich mache mir aber auch Sorgen, wie es mit Deutschland weitergeht. Hier haben die Gewerkschaften zu viel zu sagen, die Arbeitsgesetze sind zu unflexibel. Das führt dazu, dass ich mir dreimal überlege, jemanden einzustellen, und lieber mit Praktikanten arbeite. Die sind oft flexibler, engagierter und auch billiger als Festangestellte. Wir beschäftigen viele Praktikanten, wobei das allerdings auch damit zu tun hat, dass wir uns dadurch neue, kreative Ideen ins Haus holen."
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Ja, ja, die Gewerkschaften ... sicher hat Frau Mühlemann auch zahlreiche unbezahlte Praktika absolviert, bevor sie einen vertraglich gesichertes, verbindliches Arbeitsverhältnis angeboten bekam, das es ihr ermöglichte, bei aller nach wie vor bestehenden Flexibilität, einen festen Wohnort zu beziehen und sich auf eine so verbindliche wie langfristige Lebensform wie Familie einzulassen.
Wenn man an der Spitze eines Unternehmens steht, stellt man scheinbar schnell fest, dass sich die Leistung des Unternehmens am besten mit bis über den Anschlag leistungsbereiten Angestellten steigern (und damit die eigene Festanstellung sichern) lässt.
Man spannt ein Heer von Praktikanten ein, die, weil sie einander in konkurenzieller Stammplatz-Hoffnung belauern sich mit noch arbeitgeberattraktiverer Selbstausbeutungshaltung gegenseitig zu unterbieten versuchen. Und jeder, der das zu kritisch zu hinterfragen oder gar anzuprangern wagt, ist ein Blockierer, Ewiggestriger, die Zeichen der Zeit nicht Erkennender, kurz: ein Gewerkschafter.
Man fragt sich, wie es eigentlich sein konnte, dass die Forderung nach Verbindlichkeit, nach Beteiligung derjenigen, die den Wirtschaftsmehrwert schaffen an wirtschaftlicher Entwicklung in Form von Löhnen oder Sicherheit derart diskreditiert werden konnte.
Dies hat nicht zuletzt etwas mit dem Hiobs-Chor zu tun, der seit Jahren das Lied der Mangelhaftigkeit Deutschlands in allen Registern heult und dadurch das Land in eine Depression getrieben und einen Gemütszustand erzeugt hat, in dem die Gesellschaft „weichgekocht“ ist und bereit „durchregiert“ zu werden, offen jeder noch so harten Forderung gegenüber.
Von den permanenten Katastrophenmeldungen und Untergangszenarien, den nicht enden wollenden Diagnosen einer allgemein mangelhaft ausgebildeten Leistungsbereitschaft, Hängemattengesinnung und Schlaffheit sturmreif geschrieben, streckt der Patient die Waffen und macht sich die suggerierte Interpretation zu eigen. Deutschland ist wie ein hochdepressiver Patient, dessen Selbstbewusstsein durch die Einflüsterungen des sozialen Umfelds derart nachhaltig ruiniert wurde, dass er sich mittlerweile selbst heruntermacht.
Der deutsche Fußball ist unkreativ und langweilig, zehrt seit Jahren nur noch vom Ruf längst vergangener Zeiten (diese Abbaustelle bebaggert Günther Netzer ...). PISA bestätigt, dass die Denkernation seit Jahrzehnten im Dornröschenschlaf liegt, während die Schülerinnen und Schüler kaum über genug Lesekompetenz verfügen, um die Petting-Hinweise der BRAVO zu entziffern. Unkreativ, erfolglos, nicht konkurrenzfähig - egal ob Fußball, Schule, Wirtschaft:
Die sich patriotisch gebende Kamarilla aus Arbeitgeberverbänden, Wirtschaftsredaktionen, Medienkonzernen, CDU/CSU und FDP haben derart nachhaltig das Mantra vom dummen und faulen Deutschen gesungen, dass die Bereitschaft Deutschlands sich selber lebensnotwendige Organe aus dem Sozialkörper herauszuschneiden, da ist. Wie bei einer Psychose hat die andauernde Heruntermacherei dazu geführt, dass der Patient sich die Kritik und Geringschätzung als defätistischen Tinnitus zu eigen gemacht hat. „Wahrscheinlich haben die Stimmen recht … ich bin dumm, faul, langsam,…“ Das Konzept, das den wahrscheinlichen Regierungswechsel bringen wird, lautet, die Burg sturmreif zu schießen, die Mauern abzutragen, um sich dann als Aufbaumeister anzudienen.
„Das deutsche Wahlvolk, ist weichgekocht wie lange nicht mehr“ (Süddeutsche Zeitung), so weich, dass sie Merkel zur Kanzlerin wählen werden, wenn nur dann endlich die Beschimpfungen und Demütigungen enden. Das nennt man wohl Identifikation mit dem Aggressor. (RK)
Lesen Sie das ganze Interview in der Online-Ausgabe der Weltwoche. Klicken Sie hier...
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Wie die Angst um den Arbeitsplatz beim Einzelnen ein Gefühl der Bedrohung erzeugt und infolge dessen Nachteilen gegenüber toleranter und also für den Arbeitgeber gefügiger macht, beschreibt der Artikel "Sei froh, dass Du Arbeit hast" in der Süddeutschen Zeitung.
Augustinus