
Das es mancher in den sprichwörtlich "schnellebigen Zeiten" mit der Genauigkeit nicht mehr so genau nimmt, ist eine Binseneinsicht. Doch der Krug geht eben so lange zur Morgenstund bis es allen egal ist, was inhaltlich gemeldet wird. Es geht nicht um Inhalt, sondern um Effekt. Gerade im Wettlauf der Live-Berichte, Ad-Hoc Brennpunkte und Online-Live-Ticker geht es v.a. darum, die größtmögliche Aufmerksamkeit zu erzielen. Journalistische Berufsauffassung bleibt da schnell auf der Strecke.
Dies kann man täglich bei dem mit dem GRIMME ONLINE AWARD ausgezeichneten BILD Blog nachlesen, der dem Springer-Blatt täglich Falschmeldungen, bewusste Täuschung, Schlampigkeit und Ungenauigkeiten zum Zwecke des reißerischen Aufmotzens ansonsten banaler Themen nachweist.
Dass die renommierte Marke "SPIEGEL" in ihrer Online Version nicht für genaue Recherche und Verlässlichkeit steht, wurde von RETICON schon mehrfach festgestellt. Mittlerweile hat SPIEGEL-Online nun auch einen "Aufpasser": Der "Netzwelt-Spiegel" listet "Notizen über den Computerkultur-Journalismus einer großen deutschen Nachrichten-Webseite". Unter netzweltspiegel.blogspot.com kann man die Patzer des schnellen aber häufig ungenauen Online-Services verfolgen.
Von einem aktuellen Beispiel, wie kritisches Nachfragen und Recherche in Zeiten des Copy/Paste-Journalismus auf der Strecke bleiben, berichtet das Online-Magazin TELEPOLIS: Im Umfeld der Berichterstattung über den Absturz eines Linienflugzeuges in Griechenland wurde in zahlreichen Meldungen von einer SMS berichtet, die ein Angehöriger eines Passagiers bekommen hatte:
"Die Piloten sind tot und wir erfrieren"
Nachrichtenagenturen, Print- und Onlinemedien und Fernsehsender in aller Welt übernahmen dieses Detail, welches der Geschichte den richtigen "Spin" des Human Touch" gab, wie ein Foto eines beschädigten Teddybären auf einer Straße das Drama der Opfer bei Unfällen dokumentiert.
Der angebliche Empfänger der SMS, ein 32jähriger Angestellter aus Thessaloniki wurde im griechischen Fernsehen von einem Kanal zum anderen weitergereicht.
"Erst als die Passagierliste des Unglücksfluges bekannt gegeben wurde, stellte sich heraus, dass der angebliche Absender der Telefonbotschaft gar nicht an Bord des Luftschiffes gewesen war. Der "Empfänger" der SMS gestand, die Nachricht frei erfunden zu haben. Er habe damit Aufmerksamkeit erregen und auch einmal im Mittelpunkt des Medieninteresses stehen wollen." (TELEPOLIS)
Den berichtenden Medien ist es wurscht. Der Aufmerksamkeitszirkus ist schon weitergezogen: Der Papst ist da, das nächste Flugzeug ist in Venezuela abgestürzt und die Bundestagswahl ruft.
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M.v. Ebner Eschenbach