Kontakt  Presse  reticon-Redakteure   Impressum   Datenschutz  
reticon Bildung und Neue Medien
reticon - Bildung und Neue Medien

Das Hybridevent als Wolke

Das Hybridevent als Wolke

15.08.2005

Soviel Katholizismus war nie: Seit dem Tod Papst Johannes Pauls II. und der Inauguration von Kardinal Ratzinger gibt es einen Bekenner-Hype (so verunglückt, wie das im Falle Jürgen Rüttgers oder so vorhersehbar wie im Falle Harald Schmidts) und Sakral-Backlash der Sonderklasse. Alle fühlen sich religiös, die Medien delirieren in regelrechten Artikelfluten die Funktion des Papstes, der Kirche, die Person Ratzinger und Woityla, als hätten sie ewig auf eine thematische Abwechslung (Lohnnebenkosten, Film- und Theaterkritiken, Polit-Theater, Verbands-Pressekonferenzen, Aufstieg und Fall der "Popliteratur", Boris-Becker-Begleiterinnen u.a. popkulturellen Diedrich-Diederichsenismen) gewartet, um sich mit ihrem journalistischen Apparat auf so etwas Überzeitliches zu werfen (Frankfurter Rundschau, TAZ, ZEIT, Spiegel, Süddeutsche, ) und so den Zipfel des Mantels der Dings zu greifen.

Der aktuelle Spiegel hängt sich ebenso an das derzeitige Erfolgsthema wie zahlreiche deutsche Feuillletons (z.B. das der Süddeutschen Zeitung), die BRAVO bringt ein XXL-Poster von "Papst-Superstar Benedikt XVI" und ein Dortmunder Soziologenteam erforscht das Phänomen des Weltjugendtages als "Szene-Event". (Lesen Sie den ganzen Artikel zu dem Projekt "Verdacht auf Szene"bei der Frankfurter Rundschau). Man reibt sich verwundert die Augen.

"Offiziell gibt es in der Bundesrepublik Deutschland die Trennung zwischen Kirche und Staat, faktisch ist sie aufgehoben. Ein ausländischer Besucher, der Anfang April 2005 die deutschen Zeitungen las, konnte nur zu dem Schluss kommen, er sei in einem Gottesstaat gelandet.", schrieb Wiglaf Droste in der TAZ. "So viel Unisono-Geblöke wie nach dem Erlösungsgewürge des obersten katholischen Hasspredigers war sogar im Kernland der freiwilligen Gleichschaltung selten zu hören."

Dass der verstorbene ebenso wie der neue Papst ultrakonservative Positionen vertritt, scheint unproblematisch. Auch wenn z.B. die Mehrheit der Deutschen die standhafte Weigerung der deutschen katholischen Kirche aus der Schwangeren-Konfliktberatung auszuscheiden, unterstützen, scheint das der dumpf-diffusen Zuneigung zum Papst und Papsttum keinen Abbruch zu tun: liberal denken und sakral-reaktionär fühlen scheint kein Gegensatz zu sein. In Anlehnung an die Kings of Convenience scheint die Marschrichtung: conservative is the new liberal.

Dass seit einiger Zeit eine konservative Mentalistätsregression stattfindet, ist mittlerweile auch dem letzten Schülerzeitungsredakteur aufgefallen, und so muss permanent der Werbespot einer Bausparkasse als Beleg für den Neo-Konservativismus herhalten (in der SZ, in der ZEIT), in der die Tochter eines alternativen Wagenburgbewohners sich für die Spießigkeit eines festen Dachs über dem Kopf erwärmt "Wenn ich groß bin, will ich auch Spießer werden".
Dennoch muss man sich fragen, welches Vakuum sich da entwickelt hat, dass der Katholizismus sich dort breit machen kann. Oder ist es doch bloß so, dass der Tod des alten und die Inauguration des neuen Papstes und jetzt der Weltjugendtag unter den zur Auswahl stehenden Themen das mit der größten Schlagzeilen-Ausbeute sind, welches sich auch bald wieder erledigt haben wird und von der Bundestagswahl und der Fußballweltmeisterschaft ersetzt werden wird?

Die Webseite zum
Weltjugendtag

Das Radio zum Weltjugendtag

Der Vatikan unter www.vatican.va


              

blog comments powered by Disqus

RSS & Social Media

rss-Bild
rss-Bild
rss-Bild
rss-Bild

myreticon

E-Mail
Passwort Login

myreticon wird zum 30.06.2012 eingestellt, bitte sichern Sie Ihre Daten.

Infos & Hilfe | Registrieren

Kostenlose Newsletter

Wöchentliches Newsletter
Tägliche Medientipps

E-Mail:  

reticon-Quiz

Wofür steht eigentlich HTML
Ihre Antwort:
 

» Alle reticon Quiz-Fragen

Sprüche & Zitate

Das Höchste an Intelligenz ist, dumm zu sein.

Jacques Lacan