
Im Gespräch mit der ZEIT spricht sich Zeitungsmacher und Medienguru Tyler Brulé dafür aus, dass sich Medien auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren anstatt jedem neuen Medientrend hinterherzulaufen. Man müsse genau wissen, wie man neue Dienste in einer Weise verwendet, dass sie zum eigenen Stil passen anstatt ohne Sinn und Verstand Twitter-Kanäle und Facebook-Profile einzurichten. "Es gibt da diese Hysterie, hip und modisch und jugendlich wirken zu wollen – jede neue Sache, die ein Fernsehdirektorenkind ausprobiert, muss dann auch der Sender haben."
Vor dem Hintergrund der Einbeziehung internetbezogener Dienste wie Blogs, Twitter oder sozialer Netzwerke kritisiert Brulé, dass diese neuen Kanäle zwar viel Information bringen, vieles davon aber ungefiltert und ungesichert sei: "Die Nutzung von Twitter war interessant während des Aufstands nach den Wahlen in Iran, aber alles musste unter Vorbehalt weitergegeben werden: Wir können dies nicht bestätigten, wir können das nicht verifizieren. Deshalb schalte ich aber nicht CNN oder BBC World News ein. Ich will seriöse, solide Berichterstattung, die mir Fakten bringt, keine Spekulationen."
Brulés Forderung nach einem einordnendem, bewertenden, fachlichen und auf solidem Handwerk basierendem Journalismus ist nicht neu: Nicht jedem Trend hinterherlaufen, ist die Devise. Auf das Wesentliche konzentrieren: Einfach eine gute Zeitung machen; gute Texte schreiben; gute Berichte liefern; und den festen Glauben daran, dass Qualität sich durchsetzen wird, im Blick behalten. Andererseits ist die Frage, wer genug Atem hat im harten Kampf um Anzeigen und Marktanteilen sich diesen langen Atem leisten kann.
Wenn Brulé die BBC oder die Deutsche Welle als Referenzmedien scheint eine Perspektive von unbestechlichen, vom Markt entkoppelten und also mit öffentlichen Mitteln finanzierten Medien auf, die allein dem öffentlichen Interesse und journalistischer Qualität verpflichtet sind.
Womit dann auch ein Risiko benannt wird: Wie ist es um die Unabhängigkeit und die Transparenz von Medien bestellt, wenn es nur einige wenige einordnende Medien gibt?
Zudem, wenn es stimmt, dass laut Brulé, nach dem Ende der industriellen Ära die globalen Medienmarken die Säulen sind , die "soft power" ausmachen: "Financial Times, Economist, BBC – das sind heute Machtinstrumente. Früher waren das Jaguar oder British Airways."
Ein Blick nach Italien genügt, um die Risiken medialer Verstrickung mit der Politik zu besichtigen.
Ich will in einer Nachrichtensendung kein Zuschauerfeedback!
Eine Entwicklung ist Brulé ein besonderer Dorn im Auge: Der Hype um das Internet, Twitter und Facebook. Die "Zuschauerbindung" genannte unmittelbare Einbeziehung des Publikums mit ausgestrahlten Anrufen in Radiosendungen, Kommentaren unter Artikeln, in Online-Foren, Blogs, die Einbeziehung von E-Mails während laufender Sendungen oder die Einbindung von Facebook Instant Messages - wie z.B. während der Inauguration von Barack Obama auf der Webseite von CNN - ist für Brulé "nur ein Füllsel" um seiner selbst willen, ohne redaktionelles Konzept: "Schickt uns eure E-Mails, sendet uns eure Kommentare! Ich will in einer kurzen Nachrichtensendung nicht auch noch Zuschauer-Feedback haben."
Luxus von weniger Auswahl
Entsprechend formuliert Brulé die Sehnsucht nach der großen Mutter und den guten alten Zeiten; auf der Kehrseite der qualvoll als auf Dauer gestellten Entscheidungsdruck erlebten Wahlfreiheit und Vielfalt wächst die Sehnsucht nach der vertrauenserweckenden einen Stimme, die sich über das Geplapper erhebt und das Richtmaß vorgibt:.
[...] vielleicht müssen wir mehr zur verlässlichen Stimme, der »göttlichen Stimme« sozusagen, zurückkommen. Einige Medien müssen die Initiative ergreifen und das Denken der Menschen fokussieren, herausstellen, was die entscheidenden Themen und Debatten sind."
Das ganze Interview in der Online-Ausgabe der Zeit
Persius Flaccus