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Daisy - ein Medienblizzard

Daisy - ein Medienblizzard

13.01.2010

In der Süddeutschen Zeitung beschäftigt sich Thomas Steinfeld mit der Medienberichterstattung rund um den Schneesturm "Daisy". Viel dynamischer als das Wetterphänomen fiel die Medienhysterie aus, die mit einer spekulativen, am Extrem orientierten Berichterstattung die Lust am Thrill bedient.

Wie bei allen Meldungen zu Unglücken und Notfällen orientierten sich die Beiträge rund um den vorhergesagten Schneesturm an Spitzenwerten. Wie viele Menschen sitzen in ihren Häusern fest? 50? 100? 400?

Wie im Sportwettbewerb, bei dem die Athleten in ihren Disziplinen um den Bruchteil eines Vorsprungs an der oberen Kante bestehender Rekorde kämpfen, recken sich die Medien mit ihren Meldungen nach dem Spitzenplatz - und da interessiert nur die Pole Position.

Dabei begegnen die Medien einer entsprechende Haltung des Publikums: dieses will sich am schlimmstmöglichen Ernstfall orientieren, um auf alles vorbereitet zu sein und sucht daher die Zeitungen, Fernsehstationen, Radiosender, Internetseiten nach der größten Anzahl gemeldeter, vermuteter, geschätzter oder - Gipfel der journalistisch noch vertretbaren aber völlig spekulativen Berichterstattung - befürchteter, noch ausstehender Opfer, Schäden, Gefahren ab.

Screenshot Bild Online Titel Erdbeben Haiti
Logik der Katastrophenberichterstattung: Solange es nichts zu berichten gibt, genügt ein Fragezeichen

Screenshot Spiegel online Titel Erdbeben in Haiti
100, 1000? Wer bietet mehr?

Screenshot Frankfurter Rundschau Online Schlagzeile Erdbeben Haiti
Signalwörter: Gewaltige Schäden. Jahrhundertbeben. 200 Jahre. Tausende. Hunderte. Deutsche.



The Horror. The Horror: In allen Schlagzeilen ist von tausenden befürchteten Opfern die Rede.
In den Sublines sind es merkwürdigerweise "nur" noch hunderte.


Neben dem individuellen Bedürfnis, sich auf die schlimmstmögliche Wendung vorzubereiten und die Umwelt nach entsprechenden Informationen abzusuchen, gibt es scheinbar ein komplementäres gesellschaftliches Bedürfnis nach Angst und die Faszination, nach Fear and Loathing, Shock and Awe.

Diese werden gesucht, weil sie dem abstrakten Konstrukt "Gesellschaft" zu einer gesteigerten Gegenwart verhelfen: Wenn dem Sozialkörper vor Angst die Knie klappern und er in Schwingung gerät, erfährt er sich selbst, vergewissert sich seines Vorhandenseins. Thomas Steinfeld schreibt:

"[...] bei einem solche Alarm geht es bei weitem nicht nur darum, vor etwas Schrecklichem zu warnen. Die allgemeine Warnung selber, die Nachricht, die an den Lebensnerv eines Kollektivs rührt, hat ihre eigenen Effekte: die "gesteigerte Geistesgegenwart" (Walter Benjamin), das plötzliche Bewusstsein, dass da etwas ist, was uns alle unbedingt angeht - nicht, weil man Gemeinschaft empfinden will, sondern weil da etwas Höheres, Unwidersprechliches in die Menschen fährt wie ein Faustschlag in die Magengrube, eine Macht, die das Leben von Millionen polt und sie so nicht nur zu einer Gemeinschaft macht, sondern der Gemeinschaft eine Gegenwart, ein praktisches Dasein verleiht."

Der ganze Artikel Alle reden über das Wetter in der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung

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