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Winnenden in der Verarbeitungsroutine

Winnenden in der Verarbeitungsroutine

13.03.2009

Wenn man nach dem Amoklauf von Winnendenauf die Dramaturgie öffentlich-medial vermittelter Verarbeitung blickt, fällt einem der Widerspruch zwischen der Behauptung vom "Schock" und dem "Unbegreiflichen" auf der einen Seite und der routiniert produzierten (und ebenso routiniert konsumierten) Kommunikations-Folklore auf der anderen Seite auf.

Die standardisierten Prozesse zur Darstellung und Vermittlung von Ereignissen und zur Organisation des gesellschaftlichen Diskurses der Einordnung und Interpretation solcher Ereignisse kennen für Katastrophen wie den Amoklauf von Winnenden eine übliche Damaturgie: O-Töne von Augenzeugen und Polizeisprechern, Grafiken zur Tatortdarstellung und Animationen zur Rekonstruktion des Hergangs, Fernsehaufnahmen von Blumensträußen, Kerzen und "Warum?"-Postern vor der Schule, Befragungen von "Experten" verschiedenster Fachrichtungen, ernste Gesichter von Journalisten und Politikern, die über "Konsequenzen" sprechen und "Forderungen" vortragen, Diskussionen über Schule, Computerspiele, Lehrermangel, Familienverwahrlosung, Ausbildungssituation, usw.

Angesichts des vielstimmigen bekannten Chors fragt man sich: Braucht die durchrationalisierte und technisierte Gesellschaft, die immer weniger Geheimnisse und Rätsel kennt, die abgeklärte Routine der Verarbeitung, um sich von der abrupten Erfahrung, dass die Vorstellung, alles unter Kontrolle zu haben, eine Fiktion ist, abzuschotten? Erfüllt das abgeklärte Sprechen über das Unfassbare die Funktion, den Schock über den Kontroll- und Souveränitätsverlust und das nicht Integrierbare, den Bruch, die Negation der Ordnung, zu kompensieren?

In ihrem Kommentar jedenfalls beschreibt die Financial Times Deutschland den Strom der Äußerungen als Ritual, ähnlich dem Wehklagen bei Unglücken und Todesfällen im arabischen Raum.

"Die Flut von Stellungnahmen und Vorschlägen, die nach schrecklichen Ereignissen zuverlässig einsetzt, ist aber noch am ehesten zu verstehen als ein Ritual der Informationsgesellschaft. [...] Ähnlich wie in den ritualisierten Klagen ergeben auch diese sich stets wiederholenden Äußerungen im Grunde keinen inhaltlichen Sinn: Nichts davon wäre geeignet, eine Tat wie die von Winnenden zu verhindern. Vieles ließe sich in einer freien Gesellschaft nicht einmal wirklich durchsetzen. [...] Aber sie bedienen eben ein Bedürfnis der Medien nach Material, das nach einem emotionalen Schock wie diesem Amoklauf groß ist.
Die vorhersehbaren Wortmeldungen erhalten die Illusion aufrecht, dass die Gesellschaft einer solchen Tat gewachsen ist und angemessen auf sie reagieren kann. Sie haben daher auch eine tröstende Funktion. Das Geschnatter im Internet, ein Gemisch aus Wahrem, Halbwahrem und Falschmeldungen, erfüllt dieselbe Aufgabe.
Denn eines kann die Infogesellschaft auch nach einer unfassbaren Tat wie dieser niemals tun: schweigen."

Der ganze Kommentar Klageweiber des Infozeitalters in der Online-Ausgabe der Financial Times Deutschland.

              

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