
Schirrmacher benutzt die FAZ, um direkt per Artikel oder mittelbar durch das Renommee der Zeitung seine Idole oder auch nur eigene Bücher zu bewerben: Tom Cruise, das Methusalem-Komplott und nun Jonathan Littell.
Die FAZ hat am vergangenen Wochenende mit dem Vorabdruck der deutschen Übersetzung des in Frankreich mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten und mehr als 800.000 mal verkauften Romans "Die Wohlgesinnten" begonnen. Der Roman macht nicht allein aufgrund seiner Ausmaße (1381 Seiten) Furore. Die Zeitung „Le Monde“ vergleicht Littell mit Tolstoi, Jorge
Semprún pries „Les Bienveillantes“ als „Roman des Jahrhunderts“ - eine Einschätzung, die Schirrmacher nicht teilt.
Das Unerhörte an dem Roman ist, dass er aus der Perspektive des reuelosen, homosexuellen SS-Mannes Maximilian Aue erzählt wird, der im Krieg an der Perfektionierung und Umsetzung des Holocaust beteiligt ist:
"brutale Beschreibungen der Massaker wechseln mit sonderbar
kitschigen Naturschilderungen, und über allem und auf fast jeder
zweiten Seite: Behördenprosa, Amtsbewegungen zwischen RSHA und AOK,
zwischen SS und OKW. Die bürokratische Prosa, von Littell verwendet wie
Thomas Mann im "Faustus" die Zwölftonmusik, entmündigt den Täter noch
in der Lebensbeichte; er leidet, um ein Wort über den Kommandanten von
Auschwitz zu variieren, unter den sachlichen Schwierigkeiten der
Behördenkonkurrenz, nicht aber unter den unmenschlichen Zumutungen
seines Auftrags. Genauso, sagt Littell, sagen die Quellen, genauso ist
so einer: Er fotografiert den Elbrus im Sonnenaufgang, und am Abend
fotografiert er die ermordeten Juden." (FAZ)
Die Presse kommentiert: "Littell fügt sich in Frankreich in eine altbekannte unbändige Mode:
Alles, was mit SS oder Nazis zu tun hat, wird ungeheuer lustvoll
rezipiert."
Die FAZ begleitet den Vorabdruck der deutschen Übersetzung des Romans durch einen eigens eingerichteten virtuellen Diskussionsraum , der "nicht nur die
tägliche Folge des Fortsetzungsromans im Internet präsentiert, sondern
den Text auch als Audiodatei und als Video Stream verfügbar macht,
gelesen von dem Schauspieler Christian Berkel. Es ist ein Forum für
unsere Leser, der Ort, an dem sie über das Buch diskutieren und
miteinander ins Gespräch kommen können." (FAZ)
Das Buch als Wirtschaftsobjekt und Blockbuster
Der Tagesspiegel beschreibt das Getöse um den Roman als einen v.a. ökonomisch motivierten Vorgang. Der Berlin-Verlag hat - für die Dimensionen der Buchbranche - dermaßen viel für das Buch bezahlt, dass es zum Erfolg verdammt ist: "Allein um den Vorschuss von 500 000 Euro an Jonathan Littell
einzuspielen, muss der Verlag bei einem Verkaufspreis von 36 Euro und
einem geschätzten Autorenanteil von zehn Prozent rund 150 000 Exemplare
im Hardcover verkaufen. Ein Vielfaches davon muss später das
Taschenbuch absetzen: Bei einem Umfang von fast 1400 Seiten sind auch
die Herstellungs- und Übersetzungskosten exorbitant. Was insgesamt
wiederum ein Marketing erfordert, dessen Budget mit Sicherheit im
sechsstelligen Bereich liegt. Verglichen mit dem Kino mögen dies
lächerliche Summen sein, doch die daraus entstehenden Zwänge verlagern
das Buchgeschäft in Richtung Entertainment-Industrie." (Tagesspiegel)
Solchermaßen braucht der Berlin-Verlag die Debatte um das Buch, das Event, um das knapp verteilte Gut der Aufmerksamkeit zum besseren Verkauf dieses Blockbuster zu bewirtschaften. Dabei geht der Verlag einen recht sicheren Weg: Der Erfolg in Frankreich und das auch in Deutschland gern immer wieder gern rezipierte Thema des Nationalsozialismus, lassen es nicht unwahrscheinlich erscheinen, dass die Rechnung aufgehen wird.
Die FAZ wiederum, die mit Grass' SS-Geständnis und dessen veröffentlichten Briefen, der Walser-Ranicki-Debatte, dem Crossmarketing der Ergebnisse von Schirrmachers Vielschreiberei in Bild und Spiegel und der leidigen Tom-Cruiserei sich immer wieder ins Gespräch bringt und als Agenda-Setter versucht, nimmt die Vorlage dankend an, um sich an die AlbertSpeerspitze einer Debatte zu setzen, die zu allererst in der FAZ stattfindet.
Zum Thema auch:
Stanistaw Jerzy Lec