
Die Misere im Ernährungs- und Gesundheitsbereich ist nicht neu. Nur lehrt die Logik der medialen Aufmerksamkeitsökonomie, dass es in Deutschland immer den aufrüttelnden "Pisa-Effekt" einer schockierenden Studie braucht, um ein Thema auf die Tagesordnung zu setzen - bis die nächste Studie, der nächste Knut, der nächste S-Bahn-Überfall kommt. Heute aber beherrschen also Gesundheit und Ernährung die Schlagzeilen.
Heute stellte Horst Seehofer, Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV), in Berlin die zweite nationale Verzehrstudie vor. Ca. 20.000 Bürgerinnen und Bürger zwischen 14-und 80 Jahren wurden dabei zu ihrem aktuellen Lebensmittelverzehr, ihren Ernährungsgewohnheiten befragt.
Ergebnis: Mehr als die Hälfte der Deutschen ist zu dick: Zwei Drittel der Männer und 51 Prozent der Frauen sind übergewichtig. Nicht nur ein privates Problem der Betroffenen: Mit steigendem Gewicht nehmen auch die Gesundheitsprobleme wie z.B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes zu, die sich in Kosten des Gesundheitssystems niederschlagen.
Entsprechend werden nun Forderungen laut, Ernährungskunde stärker in den Schulen zu verankern. So forderte der parlamentarische Staatssekretär beim Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Gerd Müller ein Schulfach "Ernährungs- und Verbraucherbildung" in Deutschland. "Das notwendige Ernährungswissen wird Kindern heute vielfach in den Familien nicht mehr vermittelt." Die Konsequenz sei eine dramatische Zunahme von Fehlernährung und Übergewicht. "Die Kultusminister sind aufgefordert, die Ernährungsbildung mit einem eigenen Schulfach in den Unterricht zu integrieren", so Müller. (Die Welt)
Powerpoint statt Kochen
Immer weniger Jugendliche können kochen oder lernen es in ihren Familien. Es gibt keine ausgewiesene Gesundheitserziehung, bei der Ernährungs- und Lebensmittelkunde im Biologieunterricht und der Sportunterricht einander ergänzen.
Ein hausgemachtes Problem: Oft genug sind es Fächer wie Sport (oder auch Musik), die einer Schulorganisation zum Opfer fallen, die sich zunehmend dem Druck ausgesetzt sieht, ausschlißelich vermeintlich "arbeitsmarktrelevante Kompetenzen" zu vermitteln. Tatsächlich muss die Frage gestellt werden, warum es eine öffentliche Aufgabe sein muss, Kindern Kochen beizubringen und sie zu körperlicher Bewegung anzuhalten, während sie zu Hause mit Chips und Pommes vor der Playstation erstarren.
Arm = dick?
Aber es gibt auch eine soziale Komponente beim Ernährungsverhalten und Gesundheitsbewusstsein. Die Verzehrstudie "stellt auch einen deutlichen Zusammenhang zwischen Schulbildung und Ernährungswissen fest.", so das Verbraucherministerium. So sind 70 Prozent der Hauptschüler zu dick, während nur halb so viele Übergewichtige unter Menschen mit Abitur gebe.
Die Gründe für den Zusammenhang zwischen Übergewicht und sozialer Schicht sind vielseitig: "Die Kinder aus dem Prekariat ernähren sich falsch: zu fett, zu viel, zu beiläufig. Das gemeinsame Mittag- oder Abendessen in der Familie lernt der Nachwuchs häufig überhaupt nicht mehr kennen. Man isst stattdessen, wann immer man Hunger hat, und das, was gerade greifbar ist. Und das in der Kindheit erlernte Verhalten ändert sich im Alter nicht mehr." (FAZ)
"optik ist das hauptkriterium sagt dir dein medium"
Im Schatten der pommesgerundeten Bäuche fällt aber auch ein Ergebnis auf: Zehn Prozent der 17-jährigen Mädchen untergewichtig. Das Jugendliche in der Pubertät sich an den medial vermittelten Vorbildern und Schönheitsidealen von Models, Film- und Popstars orientieren, ist nicht neu. Zum Zusammenhang medial vermittelter Rollenbilder und dem Effekt auf pubertäre Persönlichkeiten im Umbruch haben die Fantastischen 4 in ihrem Track "individuell aber schnell" 1992 alles gesagt:
"diese strategie liefert illusionen satt
und beschreibt einen zustand den die realität nicht hat
und zwar die ganze gegend ist voll mit geilen leibern
doch bist du grad nicht angesagt dann kriegste keine leider
dazu musst du schon was leisten nicht so sein wie die meisten
musstn geilen body haben und gewichte reissen
raus aus den klamotten und rein in das solarium
optik ist das hauptkriterium sagt dir dein medium.
freizügigkeit ist positiv doch eile mit weile
aufklärung statt verklärung ist die eine seite der medaille
ich liebe den konsum un die medienvernetzung
doch nach meiner einschätzung führt das auch zur medialen versexung
jetzt stell ich mir mal vor ich wär in der pubertät
es wär noch nicht viel los mit meiner individualität
meine verschärfte umgebung die würde mich entnerven
die normalheit meines körpers vielleicht aus der bahn werfen
vielleicht käm ich auf dumme gedanken weil ich mich hässlich find
weil die leute im musikvideo halt doch die schönsten sind"
Vermutlich sind es dieselben Kräfte, die stark gegen Drogen, Alkohol, politischen Extremismus, Mobbing oder andere Gefahren des Lebens machen: Akzeptanz im sozialen Umfeld von Familie und Freundeskreis, und die Möglichkeit, in der geschützten Arena von Schule, Peergroup oder Schülerjob alternatives Rollenverhalten zu üben.
Der Schule allein alle erzierherischen und sozialisatorischen Aufgaben zu überantworten, überfordert die Einrichtung, wie dies auch ihren Einflussbereich überschätzt. Aber im Zusammenspiel mit den anderen wichtigen Sozialisationsinstanzen wird auch die Schule ihren Beitrag leisten können und müssen.
Feed me better
Auch Großbritannien kennt das Problem einer übergwichtigen Bevölkerung, schlechter Ernährung und dicker Schüler. Um das Problem übergewichtiger Kinder in den Griff zu bekommen, wurde das Nationalgericht "Fish'n Chips" vom Schulspeiseplan gestrichen. Im Rahmen einer nationalen Gesundheits- und Ernährungskampagne wird nun stattdessen auf ausgewogene Ernährung gesetzt.
Starkoch Jamie Oliver hatte 2005 Alarm geschlagen. Er zeigt nicht nur die oft unappetitlichen Zutaten der Lieblingsmahlzeiten britischer Schüler wie Chicken Nuggets, und zeigte leckere Alternativen zu einfallslosen Fertiggerichten auf. Nur 60 Cent geben manche Schulen derzeit pro Essen aus, zu wenig für eine nahrhafte Mahlzeit findet Oliver.
Die britische Regierung reagierte auf Olivers Initiative "Feed me better", für die der er mehr als 270.000 Unterschriften sammeln konnte und stellte 417 Millionen Euro für die Verbesserung der Schulkost bereit. Schulküchen wurden umgebaut und Trainingskurse für Kantinenpersonal durchgeführt. Statt Automaten mit Süßigkeiten und zuckerhaltigen Limonaden gibt es nun Salatbars und Wasserspender.
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J.F. Kennedy