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Denunziatorischer Stil und Infamie

Denunziatorischer Stil und Infamie

18.01.2008

Dank Web 2.0 gerät das deutsche Feuilleton in Wallung. ZEIT-Feuilleton-Chef Jens Jessen hatte in seinem Videoblog den Vorfall des brutalen Überfalls zweier ausländischer Jugendlicher in der Münchener U-Bahn auf einen Rentner kommentiert. Diese hatte kurz zuvor aufgefordert, in der Bahn die Zigaretten auszumachen. Jessen fragt, ob die Tat nicht die eruptive Reaktion auf ein allgemeines deutsches Blockwart-Klima sei.

Seitdem sein Kommentar online ist, sieht er sich massiven Anfeindungen ausgesetzt, die sowohl von den üblichen Verdächtigen wie dem denunziatorisch-verhöhenden Blog Politcally Incorrect, der notorischen Bild-Zeitung und dem spätestens seit der Dauerberichterstattung um Tom Cruise sich im völligen freien Fall befindlichen Frank Schirrmacher geführt werden. Jessen sieht in Deutschland ein "Spießer-Problem". Ohne die Tat rechtfertigen zu wollen, die Jessen von notorischen Kriminellen mit Migrationshintergrund verübt sieht und eben nicht von Migranten mit notorischem Migrationshintergrund, macht Jessen in Deutschland ein Klima permanenter Kontrolle und Zurechtweisung aus, unter dem insbesondere Ausländer - aber auch Deutsche zu leiden hätten: "Man fragt sich doch, ob dieser Rentner, der sich das Rauchen in der U-Bahn verbeten hat und damit den Auslöser gegeben hat zu einer zweifellos nicht entschuldbaren Tat, eben sicher nur in der Kette einer unendlichen Masse von Gängelungen, blöden Ermahnungen, Anquatschungen zu sehen ist, die der Ausländer, namentlich der Jugendliche, hier ständig zu erleiden hat." (Die Zeit)

In seiner schriftlichen Antwort auf wütende Kommentare wiederholt Jessen seine Frage, ob das von ihm skizzierte Spießer-Problem "eine Erklärung für einen Fonds von Gereiztheit [sei], an dem eben nicht nur sich abschottende Ausländermilieus, sondern auch die missgünstige deutsche Mehrheitsgesellschaft ihren Anteil hat."

jessen2.jpgHätte Jessen seinen Kommentar lediglich in dem "knalligen Jugendmagazin aus Hamburg mit seinen pointierten 14-Seiten Artikeln", wie Harald Schmidt in seinen kabarettistischen Frühzeiten DIE ZEIT nannte, geschrieben - nur wenige hätten diesen wohl bemerkt.

Das er sich aber in einem Video zeigt, und mit seinem Kleidungsstil, dem besonderen, nach der guten Formulierung tastenden Sprachduktus präsentiert, gibt dem ganzen Vorgang und insbesondere den Reaktionen eine ganz besondere Note. So wird aus Jessen bei der Bild, "der feine Kultur-Chef", in anderen Beiträgen wird auf das im Hintergrund sichtbare Portrait Lenins abgehoben und Jessen als Linksfaschist denunziert.

Die Süddeutsche Zeitung kommentiert:

"Die Debatte über das Gewaltpotential ausländischer Jugendlicher bleibt weiter zu führen. Dass es in Deutschland jene Atmosphäre aggressiver Intoleranz gibt, von der Jens Jessen in seinem Videoblog spricht, ist durch die Reaktionen zahlreicher Deutscher auf diesen Blog erwiesen."

Lesen Sie den ganzen Kommentar "Durchgeknallter Dschungeltarzan" in der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung

"Atmosphäre der Intoleranz" Der Kommentar von Jens Jessen seinem ZEIT-Videoblog,

Der feine Kultur-Chef der Zeit verhöhnt verprügelten Rentner
in der Online-Ausgabe der Bild

Post von Wagner in der Online-Ausgabe der Bild

Bild hetzt gegen "Zeit"-Feuilletonchef
in der Online-Ausgabe der taz

Jungmänner auf Feindfahrt schirrmachert die FAZ, was die Süddeutsche wiederum kommentiert: "Frank Schirrmacher spitzt die Debatte mit seiner Reaktion auf den Videoblog von Jens Jessen unnötig zu."

Bild soll für geklauten FAZ-Artikel zahlen bei Bildblog

Zum Thema auch den Kommentar im Perlentaucher

Das Feuilleton greift zu den Keulen in der Online-Ausgabe der Welt

"Erschrocken"
Jens Jessen antwortet in der Zeit auf die Reaktionen auf seinen Videoblock

Der Spiegel fasst die Debatte übersichtlich zusammen

Widerlich und Totalitär in der Online Ausgabe der FAZ 

              

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