
Christian Stöcker bei Spiegel-Online in einer sehr guten Replik auf die "Internetschelte", mit der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher die Welt beglückte.
Schirrmacher sieht im Netz der Netze die Gefahr für den Qualitätsjournalismus. Während ich mit einem Blick auf die Medienangebote der "Großen" dem ohne Probleme zustimmen könnte, da hier zu 80% Agenturjournalismus betrieben wird, meinte Schirrmacher das wohl weniger, sondern er bezog sich auf das "Schmuddelinternet" und darauf, dass Zeitung eine "Haltbarkeit" liefere, die das Internet nun einmal nicht habe.
Allein dieses Moment der Verzögerung, das Schirrmacher mit größerer Verweildauer (im Gegensatz zur Flüchtigkeit von Links und Webseiten) und damit auch mit längerfristig rückverfolgbarer Urheberschaft gleichsetzt (ohne dabei zu bedenken, dass Zeitungen schon am anderen Tag auf dem Weg in den Papiercontainer sind, während Inhalte, die einmal im Netz waren, praktisch daraus nicht mehr zu entfernen sind; zudem: auch wenn Zeitungen in Archiven verfügbar bleiben, dem einzelnen Nutzer nicht im Entferntesten so leicht zugänglich sind, wie Internetseite oder Online-Archive). Und selbst wenn es so wäre, dass Zeitungen eine höhere Halbwertzeit hätten als im Internet publizierte Texte (was nicht der Fall ist) - ist dies allein schon einQualitätsmerkmal?
"Die Tatsache, dass jemand einen Text schreibt, der über Nacht auf Papier gedruckt und am nächsten Morgen zum Leser nach Hause gefahren wird, steigert dieser Argumentation zufolge die journalistischen Vorzüge des Geschriebenen. Das Transportmedium gerät zum Qualitätsmerkmal." (Quelle: Spiegel-Online)
Stöcker, der zu denjenigen bei Spiegel-Online gehört, die sich immer wieder gekonnt mit Internetthemen, Computerspielen etc. auseinandersetzt, gibt eine Art Replik auf die Thesen Schirrmachers.
"Die Wahrheit ist: Das Internet ist als Überbringer von Nachrichten und Analysen wie geschaffen. Es ist das aufregendste journalistische Medium, das uns derzeit zur Verfügung steht. Weil es schnell sein kann, aber nicht muss. Weil es Querverweise und Verknüpfungen zu Originalquellen ermöglicht. Weil es Lesern einen schnellen Rückkanal bietet, über den sie Meinung äußern, auf Fehler hinweisen oder Fachwissen teilen können. Und weil es Texte eben länger am Leben hält als 24 Stunden. Keine Zeitung kann ihren Lesern gleichzeitig das eigene Archiv mitliefern, eine Internetpublikation schon. Redaktionen, die das nicht verstehen wollen, sind in der Tat bedroht durch das Netz. Alle anderen brauchen sich keine Sorgen zu machen.
Papier wird das Abendland nicht retten. Es ist exakt so geduldig wie Pixel - landet aber schneller auf dem Müll." (Quelle: Spiegel-Online)
Wirklich wunderbar auf den Punkt gebracht - und viele Redaktionen scheinen das noch nicht begriffen zu haben. Häufig wird das Internet mit der Print-Brille gesehen, Verlinkungen sind ein Risiko und nicht die Druckerschwärze des neuen Mediums. Aber das werden Journalisten auch noch lernen, sie sind spät dran, aber auch die Grafiker haben irgendwann begriffen, dass Grafik-Entwürfe im Bereich Web kein PDF sind, sondern xhtml und CSS - und zu einem Online-Artikel gehören Verlinkungen.
Lesen Sie den ganzen Artikel bei Spiegel-Online:
Das Internet ist an allem schuld
Genießen Sie die Vorteile des Internets und lesen Sie unmittelbar auch Auszüge aus Frank Schirrmachers Rede gleich an dieser Stelle in der Online Ausgabe der Süddeutschen Zeitung "Wir brauchen eine Debatte"
Wiglaf Droste