
Das SZ-Magazin widmet sich einer der am meisten besuchten deutschsprachigen Internetseiten: Spiegel-Online. "Früher sahen wir Tagesschau, heute gehen wir ins Internet und klicken auf Spiegel Online. Die Internetseite ist zur neuen Medienmacht geworden: bunt, modern und ein ständiges Spektakel."
Böse Zungen behaupten, der Spiegel habe sich unter der Führung des Herrenreiters Stefan Aust zu einer Mischung aus schlechtgemachter Gala und Stern auf schlechterem Papier mit wesentlich mehr Werbung entwickelt. Von den Titeln kläffen allwöchentlich Knallerthemen wie "Die macht des SEX - wie Hormone uns bestimmen" oder "Fettes Deutschland. "
Gemäß der Einsicht, dass das Gegenteil von Liebe nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit ist, ist der Spiegel heute eines unter vielen Blättern, dass von vielen nur noch als Gewöhnung abonniert und gelesen wird und auf die Selbstaufhebung durch Belanglosigkeit zielstrebig hinarbeitet. War der Spiegel zu Augsteins Zeiten für seine gründliche Recherche, scharfen Analysen des politischen Betriebs geschätzt, gefürchtet bzw. von einem Pfälzer ignoriert, sind die nicht selten von einem Konsortium aus 5 - 8 Personen zu verantwortenden 20 Seiten langen Politbetrachtungen v.a. öde. Inhaltlich ohne neue Erkenntnis, sprachlich überschaubar.
Dabei teilt der Spiegel diese Entwicklung mit vielen anderen Zeitungen und Magazinen. Wirklich originell gedacht und ebenso geschrieben wird eher im Sport-Teil, als im Politikteil.
Da ist Spiegel Online nur die Fortsetzung der Belanglosigkeit mit digitalen Mitteln. Oder?
"Der gesellschaftliche Erfolg von Journalismus, hat der Soziologe Niklas Luhmann geschrieben, bemesse sich an der »Durchsetzung der Akzeptanz von Themen«. Wendet man diese Definition auf Spiegel Online an, dann handelt es sich in der Tat um eine sehr erfolgreiche Publika-tion: Die auf der Einstiegsseite in sechs bis acht rote Hauptschlagzeilen gemeißelte Verdichtung der Nachrichtenlage gilt inzwischen einem Millionenpublikum als adäquates Abbild des Weltgeschehens."
Vor allen Dingen erfüllt Spiegel Online ein internetrelevantes Kriterium: Bewegung und Veränderung.
"Die Spiegel Online-Seite war fast immer die erste: die erste mit einem Forum beim Online-Dienst CompuServe, die erste mit eigenständigen Online-Inhalten, das führende Angebot im Markt. Diese Position wurde immer weiter ausgebaut. Als Spitzenreiter genoss Spiegel Online die klassischen Netzwerkeffekte sich selbst verstärkender Aufmerksamkeit."
Spiegel Online zweitverwertet den Perlentaucher, hat eine Satire-Abteilung eingerichtet und sich dafür immer Ex-Titanic-Chefredakteur Martin Sonneborn geholt, seid Konrad Lischka in der Rubrik Netzwelt schreibt, orgeln dort die gut geschriebenen und kenntnisreichen Geschichten durch. Video Nachrichten von Reuters wurden eingebunden, Mathias Matussek quakt höchstselbst in die Webcam, das Internet-TV-Format Ehrensenf aus dem Belgischen Viertel in Köln bereichert das Angebot.
Zwar haben Kreti und Pleti Spiegel Online als Startseite ihres Browsers eingerichtet und schauen immer wieder im Laufe des Tages auf die Webseite. Jedoch erreicht Spiegel Online seine permanente Aktualität und hohen Nachrichtendurchfluss durch eine offensichtlich laxere Einstellung zur Qualität. So kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass gerade bei aktuellen Ereignissen, eine Schar Volontäre auf Red Bull sich nachts Artikel zusammengooglen, nur um als Erste mit einem Artikel zu einem Amoklauf, Erdbeben oder Seitensprung aufzutreten. Auch scheut Spiegel Online nicht vor dem Boulevard zurück. Entscheidungsführend ist hier die Einsicht, dass auch die Studienrätin in der Süddeutschen Zeitung morgens zuerst den "Panorama" Teil mit den "Mann beißt Hund"-Geschichten (bzw. Schlafwandler stürzt aus 4. Stock, bricht sich alle Knochen und schläft weiter), und DARIN die "Leute"-Sektion mit BrangelinaParisHiltonDieterBohlenKateMiddletonBritneySpears-Stories.
So ist Spiegel Online v.a. bunt, "häufig zu lärmend" oder "manchmal zu überdreht".
"Jeder journalistische Stil hat seine spezifische Grammatik des Aussagbaren, sein Schema der Weltvermittlung. Story-Journalismus kann dabei zu einer Masche degenerieren, die vor allem sich selbst dient und recht wenig der Sache. Im Kern stellt sich die Frage der Angemessenheit: Kann Spiegel Online sein Millionenpublikum verantwortungsvoll und meinungsbildend informieren? Oder entführt die Site ihre Leser vor allem in ein Gag-Universum mit hohem Erregungs- und Zerstreuungswert – wenn Gabriele Pauli zur »Latex-Landrätin«, Horst Seehofer zum »Superstar« und Heiligendamm zum »Klima-Showdown« wird, damit die Zeilen besser flutschen?"
Lesen Sie den ganzen Artikel Spiegel verkehrt in der Online Ausgabe des, wie immer, famosen SZ-Magazins
Augustinus