
Wie der Spiegel berichtet, macht nach dem Wirtschaftsministerium nun auch das Familienministerium mit der Vermischung von PR und Journalismus Schlagzeilen. Allerdings liegt hier der Fall im Unterschied zum Vorgang des Wirtschaftsministeriums - hier war Redaktionen nahegelegt worden, positiv über Aktivitäten des Ministeriums zu berichten und dafür der Kauf von Anzeigen in Aussicht gestellt worden - anders.
"[...] die Werbekampagne für das neue Elterngeld bestand nicht nur aus Anzeigen, Fernsehspots und Plakaten mit dem niedlichen Spruch: "Krabbeln lerne ich bei Mama, laufen dann bei Papa". Nach Recherchen der ARD-Sendung "Report Mainz" hat das Ministerium die Einführung des Elterngelds auch mit sendefertigen Radiobeiträgen und druckreifen Zeitungsartikeln begleitet. Diese waren gespickt mit O-Tönen von begeisterten Vätern und Müttern - und natürlich der Ministerin selbst. Die rundum optimistischen Beiträge wurden kleinen Radiosendern und Lokalzeitungen angeboten und dort häufig eins zu eins ins Programm übernommen. [...]
Das Anrüchige: Den Hörern und Lesern wird der Eindruck vermittelt, es handele sich um Berichte unabhängiger Journalisten. In Wahrheit aber stammt jedes Wort aus der Tastatur eines vom Ministerium bezahlten Öffentlichkeitsarbeiters" (Quelle: Spiegel)
In der Tat anrüchig. Allerdings weniger für das Ministerium, als vielmehr für die Sender und Zeitungen, die mit immer kleineren Redaktionen ihrem Publikum journalistische Arbeit vortäuschen und ihr Programm mit komplett vorproduziertem Material bestreiten, ohne dass das Publikum darüber in Kenntnis gesetzt wird.
Interessengruppen machen sich dies zu Nutze, lassen sich von PR-Agenturen Strategien und Kampagnen konzipieren und entwickeln komplett produziertes Print-, Audio und TV-Material, mit dem sie die Redaktionen versorgen. Odersie gründen objektiv auftretende "Forschungsinstitute". Diese erstellen "Studien" , deren Ergebnisse dann in den Medien ventiliert werden. Sie platzieren "ihre" Multiplikatoren als Experten in Fernsehsendungen. So wird ein Meinungs- und Deutungsklima erzeugt, bestimmte Themen gesetzt, Interpretationsformen von Sachverhalten mehrheitsfähig gemacht, Gegen-PR gemacht, um widerstrebende Positionen und die Glaubwürdigkeit (Wie man es z.B. im Rahmen der durch den Dokumentarfilm "An inconvenient truth" von EX-US-Vizepräsident Al Gore verstärkten Umweltdebatte beobachten kann, bei der es massive Gegen-PR gibt, die die Glaubwürdigkeit der Prognosen anzweifelt und mit wissenschaftlichen Gegengutachten bekämpft.) zu untergraben und reale Politik gemacht. Ob es um die Sicherheit von Kernenergie, Dosenpfand, Mindestlöhne, oder das Image von bestimmten Berufsgruppen geht.
In dem Film THANK YOU FOR SMOKING, in dessen Zentrum der Lobbyist und Spin Doctor Nick Naylor steht, der für die Tabakindustrie PR betreibt, unterhält die Tabaklobby eine "Academy of Tobacco Studies". An dieser "Akademie" arbeitet ein deutscher Wissenschaftler an Studien, um die Unschädlichkeit des Rauchens nachzuweisen, bzw. - und darum geht es bei Stimmungs- und Meinungsmache - wenigstens einen gewissen "reasonable doubt" an der gegenläufigen Meinung zur Untergrabung der Gegenposition zu produzieren. Nick Naylor ist von dem Wissenschaftler begeistert "This guy is a genius - he could disprove gravity!"
"Wissenschaftler haben herausgefunden, das Rauchen doch nicht schädlich ist. Gezeichnet Dr. Marlboro." (Otto Waalkes)
So hat die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (Vvbw) den "Aktionsrat Bildung" gegründet. "Das gemeinsame Interesse liegt vor allem darin, auf Basis der umfassenden Expertisen die gegenwärtige Situation im deutschen Bildungssystem zu bewerten." In Wortwahl (umfassende Expertise! Expertengremium! Studie!) und Vorgehen (z.B. mit Hinzuziehung Objektivität und Seriösität signalisierender Personen und Institutionen wie Universitäten, Professoren usw.)
Nur das die entscheidende Frage ist, welche Faktoren erhoben werden und basierend auf welchen Grundbewertungen diese dann interpretiert werden, um zu "objektiven" Aussagen, wie über die Leistungsfähigkeit des Schulsystems zu kommen. Dem Aktionsrat Bildung, der gar nicht mal sonderlich verdeckt als Sprachrohr des vbw agiert ist es im März diesen Jahres gelungen, mit den Ergebnissen seiner Studie immerhin auf den Titel der größten meinungsbildunden, überregionalen Tageszeitung zu kommen.
Auch die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft schafft es mit ihren Studien immer wieder in die Medien. So berichtete die Tagesschau brav von den Ergebnissen des im Auftrag der arbeitgeberfreundlichen Lobbygruppe erstellten Bildungsrankings und ließ den Hinweis weg, wer der Auftraggeber dieser Erhebung ist. Dabei lernt ein jeder schon in der Mittelstufe bei der Analyse von Argumenten und Reden immer zu fragen "Wer spricht?", um die Argumente, das, was weggelassen wird, die Bewertungen einordnen und kritisch bewerten bzw. Bewertungen überhaupt als Bewertungen erkennen zu können.
Besonders ärgerlich ist allerdings, dass auf dem immer schärfer umkämpften Pressemarkt die journalistische Arbeit, die zu allererst in kritischer Recherche besteht, auf der Strecke bleibt. In dem Bedürfnis die Zeitungen, TV-Sendungen und v.a. auch Internetportale täglich mit attraktiv aufbereitetem Material (Artikel mit Fotostrecke, Podcast, Video-Beitrag usw.) zu gestalten, scheint die Schwelle der kritischen Nachfrage niedriger zu sein. Wenn es zudem darum geht, dass mit einem journalistischen Angebot - wie z.B. einem Internetportal - Geld verdient werden soll (z.B. über Anzeigen), wird es besonders schwierig, wie der Fall des Bundeswirtschaftsministeriums zeigt.
Hier hat allerdings das Publikum die Möglichkeit entsprechend zu reagieren. Der Wert einer Zeitung, eines Senders liegt in dessen Fähigkeit, im Auftrag des und für das Publikum Informationen zu sichten, prüfen, einzuordnen und bewerten. Wer seine journalistische Seele an die PR verkauft, verspielt damit nur den wichtigsten Kredit, auf dem auch das Anzeigengeschäft baut - das Vertrauen des Publikums.
Lesen Sie den ganzen Artikel Gratis-Reklame für die Ministerin in der Online-Ausgabe der Spiegel
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