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Kritik des Lobs

Kritik des Lobs

17.02.2007

Ein Mann erzählt, dass manche Leute Kinder haben, die alles dürfen. Die quatschen dazwischen, malen nette Bilder, aber eben auch nur ganz normale Krikelkrakel-Bilder. Werden von ihren Eltern aber ganz dolle gelobt. Weil die Eltern mindestens so infantil sind wie ihre Pänz. Dabei wird das Lob dadurch wertvoll, dass es eine rare Währung ist. Donnerwetter! Da hat mal einer richtig nachgedacht!

Der Mensch, der uns diese Top-News bringt, heißt Christian Nürnberger, ist Ehemann von ZDF-Kullerauge Petra Gerster, mit der zusammen er die Marianne & Michael gibt, die am laufenden Meter lebenspraktische Schriften zu Allerweltsthemen mit subjektive Ansichten und Erfahrungen ins Objektiv-Allgemein wendende Aussagen ("Dabei mixt das Ehepaar Gerster/Nürnberger in bewährter Journalisten-Manier persönliche Erfahrungen und Erkenntnisse der Wissenschaft." Amazon) von hohem Zustimmungsfaktor, schlichtem Anforderungsprofil und begrenztem Novitätenfaktor raushauen:
Der Mensch will schließlich seine Meinungen bestätigt finden.

Bei dem gehobenen Kaffeekranzgeplauder zwischen Buchdeckeln, wird der Erziehungsnotstand ausgerufen (Grenzen setzen! Weniger Fernsehen! Mehr draußen spielen! Gemeinschaftssinn! Musikinstrumente lernen!) und mit lebensphilosophischem Schwung und Mut zur Einfacheit gegen verquaste Verkopftheit mehr "Mut zur Erziehung" propagiert.

Nun hat Nürnberger das SZ-Magazin auf zwei Seiten mit sich vollgemacht, einem Text, der vielen Müttern auf Spielplätzen ein Schleudertrauma verursachen dürfte, so sehr wird genickt werden, weil die ausgebreiteten Ansichten so konventionell, die humoristisch überzeichneten Alltagsbeobachtungen so bieder-schlicht und darum anschlussfähig weil nachvollziehbar und volten-frei sind. Max Goldt für Amica und Brigitte-Leserinnen.

Man könnte diese Art Papier gewordene Einfachheit ignorieren, schlummerte unter den schlichten Ansichten über das Leben nicht eine reaktionäre Haltung, die Ahnungslosigkeit (Pädagogen werden zitiert, wenn es passt, sind aber offenbar nicht verstanden) mit praktischer Erfahrung (2 Kinder!) kompensiert und die Faustregeln, unter denen offensichtlich die empirischen Kinder zu leiden haben, ins Allgemeine gewendet werden.
Hier wird ein reaktionäres Menschen- und Gesellschaftsbild deutlich, dass einem Angst und Bange werden kann. Mit holzschnittartig, klobiger "Basta!"-Rhetorik, wird alles vom Tisch gewischt, was nicht in die Welt der praktischen Erfahrung passt und unter der Rubrik "verkopft, intellektuell, theoretisch, heia-popeia" verbucht.

Man hört mehr als deutlich eine Kritik an, vom Autor offenbar als anomische Auswüchse pseudo-demokratischer Praktiken erlebten Strukturen, die zu ungunsten althergebrachter Großvätertugenden (Pünktlichkeit! Ordentlichkeit! Sauberkeit! Auswendig lernen! Leistung!) die gesamte Gesellschaft deformiert zu haben scheinen und somit auch für größeres Elend, als nur für einen Nachmittag mit anderen Eltern und deren als verzogen erlebten Blagen, verantwortlich sind:

"Wie sonst soll ich mir erklären, dass der Handwerker, der gepfuscht hat, sich majestätsbeleidigt fühlt, wenn ich mich über seinen Pfusch beschwere? Warum schneiden deutsche Autos bei den jährlichen Pannentests des ADAC regelmäßig um so viel schlechter ab als japanische Autos? Hängt es vielleicht damit zusammen, dass in der japanischen Erziehung gedrillt und gezwiebelt wird, während hierzulande viel Wert auf die kreative Entfaltung, aber wenig Wert auf Genauigkeit gelegt wird? Vielleicht hat es auch etwas mit der Abschaffung des Faches Schönschreiben zu tun und der allenthalben vorhandenen Bereitschaft, Halbgares, Unfertiges und schlampig Hingerotztes zu akzeptieren."

Nicht zu überhören ist der tendenziell aggressive, keine alternativen Ansichten duldende Ton. Da sind wir dann auch bei der hochproblematischen Dimension dieser Strömung. Es ist hier eine Haltung am Werk, die für alle Fragen einfache Antworten hat. Da die Erziehungstheorie der Gersters, Buebs u.a. Eigenschaften, Haltungen und Techniken (Disziplin, Gehorsam, Folgsamkeit, Ordentlichkeit...) ins Zentrum erzieherischen Handelns rücken und zum Ziel desselben erklären, die im pädagogischen Prozess lediglich Satellitenfunktion haben, die das pädagogische Geschäft (das Gespräch, das Handeln und Arbeiten in der Gruppe, etc.) zum Ziele der (nie abschließbaren) Erreichung der pädagogischen Anstrengungen (Mündigkeit des Subjekts) erst ermöglichen sollen, sind sie recht flott und seitenstark mit Hinweisen zur Hand. Wie sich Ordnung, Disziplin, Sauberkeit usw. herstellen lässt, lässt sich leicht operationalisieren, beschreiben und also herstellen. Wie aber ist es mit Mündigkeit? Bueb & Co meinen allen Ernstes, dass sich dies von alleine einstelle. Wer aber Befehl und Gehorsam ins Zentrum seines pädagogischen Handelns stellt und meint, dass hieraus automatisch demokratische Subjekte hervorgehen, hat nichts verstanden.

Erziehung ein hochkompliziertes Geschäft, das von nichtauflösbaren Widersprüchen durchzogen ist, die Immanuel Kant auf die noch heute gültige Formel gebracht hat: Wie erreiche ich Freiheit bei dem Zwange? Man kann nicht jenseits von demokratischen Strukturen zur Demokratie erziehen. Das bedeutet nicht, dass man mit einem 5jährigen eine parlamentarische Diskussion über die Schlafenszeiten und den Fernsehkonsum führen muss. Im Umkehrschluss aber Miteinander-Reden zu diskreditieren und einen Kanon von Bauernregeln zu verkünden, heißt das Kind mit dem sprichwörtlichen Bade auszuschütten.

Das Wirken von Nürnberger/Gerster reiht sich ein in Äußerungsformen eines zuletzt immer stärkeren konservativen (wie geistig schlichten) Backslashs, der vorgestrige Attitüden (Sei es die Wiederauferstehung eines Bildungs- oder Literaturkanons, die Wiederkehr von Konzepten wie Disziplin, die Satellitenfunktionen erzieherischer Prozesse - wie eben Folgsamkeit, Respekt vor Autoritäten - zum Hauptzweck einer dadurch zu Drill und Abrichtung degenerierten Pädagogik machen.) in einem gestellten Trotz zum Vortrag bringt (Ähnlich wie die BILD seinerzeit eine Kampagne lancierte, in der "Entmachtet Bild!" von angeblichen Bossen gefordert wurde, die die in der Werbekampagne lancierte aufklärerische Bedeutung des "Blut- und Sperma-Blattes" -Henscheid- fürchteten) und dadurch künstlich die gestische Situation erzeugt, in der eine spießbürgerliche Attitüde als eigentliches Revoluzzertum ausgegeben wird:
Revolutionär ist nicht die alleinerziehende Mutter, die beruflich erfolgreich ist. Nein, die wirkliche Revoluzzerin ist die Hausfrau und Mutter, die dem Druck der kalten, alle sozialen Bindungen auflösenden Moderne und ihren Heralden der kalten, coolen Medienwelt ihr aufopferungswilliges Muttersein entgegenhält. Als würde auch nur eine alleinerziehende, berufstätige Mutter mit ihrem Lebensentwurf  oder eine Gesetzgebung, die für diese Bevölkerungsgruppe Bedingungen schafft, die es ermöglichen, Kinder zu haben, den Lebensentwurf nicht berufstägiger Mütter entwerten.
Man darf gespannt  sein, wann die Wiedereinführung des Mutterkreuzes gefordert wird.

Die Urheber dieser behaupteten Kampagne gegen die Mutter, sind aber dankenswerter Weise alles andere als unklar. Eva Hermann hat es uns erläutert: Wir verdanken das Übergewicht an Titelstorys über One-Night-Stands, Single und Karriere-Frauen den coolen, Single-Medienfrauen in den Chefredaktionen. Die allerdings an Weihnachten dann auch bei zuviel Weißwein, Harry Connick Jr. alleine über ihrem I-Pod wegdösen.

Unangenehm schrill ist der Ton, in dem all dies vorgetragen wird.

Lesen Sie den ganzen Artikel Ein Bild von einem Kind in der Online-Ausgabe des SZ-Magazins

Beachten Sie zu dem Thema auch den hervorragend geschriebenen Artikel Weniger Disziplin bitte! in der Online-Ausgabe der Zeit

Beachten Sie zu dem Thema auch die Rezension zu Stark für das Leben von Jürgen Kaube in der FAZ:
"Der Traktat ist das, was man "zusammengeschrieben" nennt. Ganze Kapitel füllen sich mit Zitaten, solchen mit und solchen ohne Anführungszeichen. Dazwischen stehen Meinungen und Home-Storys. Denn die Mühe, zu den Originalquellen zurückzugehen, um gegebenenfalls zu prüfen, zu vergleichen und zu analysieren, was die Presse, ein Referat oder ein Buch ihnen zutrug, wurde nicht investiert."

              

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