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Gemeinsam einsam - studiVZ, mySpace, Xing

Gemeinsam einsam - studiVZ, mySpace, Xing

05.01.2007

Bild: www.sxc.huIm Aufmacherartikel "Kapitaler Freundeskreis" im Feuilleton der SZ schreibt Alex Rühle aus Anlass des Verkaufs eines weiteren social-software-Portals, des umstrittenen Web-Portals studiVZ, über die reale soziale Verarmung des Menschen unter den Bedingungen eines digital simulierten, globalen Freundeskreises.

Während immer weniger Menschen sich in Vereinen tummeln, sondern alleine kegeln gehen (So der Titel des Buches des amerikanischen Soziologen, Robert D. Putnam)

In dem Artikel geht es um das Phänomen, dass das Angebot solcher Portale wie MySpace, openBC (jetzt Xing) oder studiVZ in der durch die Nutzer selbst eingebrachten Kontakten, den Verknüpfungstätigkeiten der Nutzer und den sich daraus ergebenden (sozialen) Netzen besteht. Die Nutzer melden sich bei den Portalen an, weil sie sich Kontakte (sei es zur zur Freizeitbeschäftigung,  flirten oder um Geschäftskontakte zu knüpfen) erhoffen und erst dadurch erreichen die Portale ihr Funktion.

Daher ist der Erfolg solcher Portale v.a. daran gebunden, dass sich genügend Menschen in ihnen registrieren. Hat man erstmal Masse erreicht, ist es (zunächst) belanglos, ob ein solches Portal sinnvolle Angebote oder tatsächliche Innovationen bietet. Die Masse zählt. Das macht die Portale für Konzerne interessant.

Denn diese Portal sind v.a. eine virtuelle Infrastruktur, um

a) präzis definierte Konsum(sub)gruppen zu sammeln (nur Studis, nur Profs, nur ...), die dann von einem Unternehmen gezielt bewirtschaftet (mit Werbung, Angeboten etc.) werden kann und

b) soziale Netze und die privaten Interessen, das Freizeitverhalten konsumistische Disposition und das ganz reale Konsumverhalten der in ihnen sich bewegenden Akteure abzubilden, erfassen, verwalten und zu verknüpfen (und erst durch die Verknüpfung belangloser Einzeldaten wie Bildungsabschluss, Einkommen, Musikgeschmack und sonstigem Freizeitverhalten entsteht bedeutsame Information)

Alex Rühle setzt den Schwerpunkt seines Artikels allerdings weniger auf die Frage, weshalb die Menschen derart sorglos mit ihren Daten umgehen und was die Konzerne damit anfangen, als vielmehr  auf die soziologisch interessante Beobachtung, dass diese Form der kategorialen (Selbst)Erfassung etwas über den Zustand des Sozialen aussagt.

Einerseits sind die Möglichkeiten solcher Portale und anderer Netzangebote segensreich, weil durch das Netz Menschen mit ähnlich gelagerten Interessen (schneller)  zusammenkommen, als unter normalen Bedingungen - es ist wahrscheinlicher schnell Gesinnungsgenossen zu finden, nachdem man in einem Web-Formular bestimmte Interessen kategorial erfasst hat und sich über das Netz mit  zusammkommt, die ähnliche Angaben gemacht haben, als das man durch den kontinuierlichen Besuch in der Eckkneipe durch Zufall jemanden trifft, mit dem man auf einer Wellenlänge liegt.

Reale Vereine aufzusuchen ist mit einem erheblicheren Aufwand, Verabredungen nach Zeitungsannoncen sind mit evtl. peinlichen (weil sozial verbindlicheren) Situationen verbunden (weil man mehr Hemmungen hat, sich aus einer face-to-face-Situation zurückzuziehen, als eine digital vermittelte Kommunikation abzubrechen.), als der Gang zum heimischen PC.

Andererseits führt diese Form der digital organisierten Präzisierung, Kategorisierung auch zu einer Atomisierung des Sozialen und berichtet somit auch etwas über die Vereinzelung in der Moderne.

So nah man sich in den digitalen Korridoren kommt, so wird in ihnen die Unersetzbarkeit der realen sozialen Begegnung deutlich. Sicher kann man sich mit seiner Internetbekanntschaft treffen, einen Diskussionspartner aus einem Forum besuchen. Aber wie wahrscheinlich ist es, dass eine intensive, auf ein gemeinsames Interesse an einer bestimmten Musikrichtung gründende virtuelle Beziehung auch in der Wirklichkeit trägt?

Das Freundschaften mit Menschen am anderen Ende der Welt, auch wenn man sich hin und wieder mal trifft, die Qualität entwickeln, die wir mit sozialen Beziehungen verbinden? Kann man diese Freunde anrufen, wenn man jemanden braucht, der beim Umzug hilft? Mit dem man sich ad hoc zum Bier trifft, um über Ärger auf der Arbeit zu reden? Können die digitalen Prothesen von Chat, Forum, Mail bis zu WebCam und Skype das Soziale abbilden und das Bedürfnis des Menschen nach Kommunikation, Gemeinschaft und Nähe befriedigen?

Betrachten wir das Beispiel der Politik: Obwohl die Verhältnisse immer komplexe und scheinbar kaum mehr steuerbar erscheinen, treffen sich Staats- und Konzernchefs immer noch persönlich. Warum? Weil die unmittelbare, direkte, persönliche Begegnung durch nichts zu ersetzen ist.

Das Beispiel der "Freundschaft" von Gerhard Schröder und Vladimir Putin zeigt, wie die Erfahrung der  persönlichen Begegnung wirkt. Über alle Fakten, Berichte und Hinweise zu Demokratiedefiziten, und Menschrechtsverletzungen hinweg war für Schröder Putin ein "lupenreiner Demokrat". Die gemeinsamen Saunabesuche von Helmut Kohl und Boris Jelzin sind Legende. Menschen müssen einander begegnen, in die Augen schauen, anfassen, um sich einen Eindruck zu verschaffen.

Letztlich stellen die Lebensläufe und Bewerbungsschreiben immer nur die Eintrittskarte zum Bewerbungsgespräch dar. Wer in der direkten Begegnung nicht überzeugt oder vom Gesprächspartner als nicht passend empfunden wird, bekommt den Job nicht.

Alex Rühle berichtet, dass Putnams Studie "Making Democracy Work" untersuchte, warum in Italien der Norden so viel mehr als der Süden prosperiere. Der Grund liegt Putnam zufolge in dem im Norden feststellbaren höheren "sozialen Kapital", definiert durch "soziales Vertrauen, durch das Gefühl der wechselseitigen Hilfsbereitschaft" und messbar in der Verbreitung freiwiliiger Zusammenschlüsse wie Vereine, Chor, Parteien, etc.

Dieses Bedürfnis nach realen, belastbaren Beziehungen, die sich in realen Akten der wechselseitigen Versicherung des Vertrauens immer wieder bestätigen, aktualisieren und erneuern ist durch Virtualisierung nicht zu ersetzen. Alex Rühle spürt dieses Bedürfnis in Webangeboten auf, die "das kindliche Betteln um Beliebtheit schon im Namen tragen wie magst-du-mich.de, sei-mein-freund.de oder du-gehoerst-zu-meinen-freunden.de"

Das Netz kann mit all seinen prothetischen sozialen Interaktionsmöglichkeiten (Mail, Form, Chat, Blog, Kommentarfunktionen, social Software etc.) Menschen zusammmenbringen, es kann eine intensive und dichte Kommunikation ermöglichen - es ersetzt aber eben nichts das persönliche Gespräch, die durch reale Akte in der realen direkten Interaktion erzeugte und sich ihrer selbst versichernde soziale Beziehung.

Weitere Artikel zum Thema:
Lesen Sie den ganzen Artikel Kapitaler Freundeskreis in der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung

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Zur Kritik an studiVZ der Eintrag in Wikipedia

Soziales Kapital bei wikipedia
Niedergang des sozialen Kapitals in der Online-Ausgabe der Zeit
Rezension Making Democracy Work (engl. PDF)

              

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