
In der Zeit widmet sich Matthias Altenburg dem conservative Backlash in der Bildungsdiskussion. Die wird nicht selten auf einem altväterlichen Niveau geführt: Die jungen Leute bräuchten v.a. Werte, Grenzen, Vorbilder und überhaupt Tischmanieren.
Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass in Deutschland mit einzelnen Themen versucht wird, die Grenze dessen, was maintreamtauglich, konsens- und zustimmungsfähig ist, langsam verschoben wird. Im Windschatten der Fußball-WM wurde der Versuch gestartet, Fahnenschwenkerei, Nationalhymne und das Gröhlen des eigenen Ländernamens wahlweise als normales Verhalten (dessen permanentes Annoncieren eben von deren Abwesenheit kündet) bzw. besoffensein mit schwarzrotgold auf der Backe als Zivilcourage (In der Mitte der Gesellschaft angekommen; die Bürgergesellschaft erobert sich ihre Symbole zurück) auszulegen.
Man fühlt sich an den Greenpeace-Werbespot erinnert, in dem ein Frosch in einem Topf Wasser sitzt, der langsam erwärmt wird, was der Frosch aufgrund des langsamen Temperaturansteigs nicht merkt, so dass er im Topf sitzen bleibt, bis er verbrüht.
In Analagie könnte man den Eindruck bekommen, dass die Temperatur der allgemeingesellschaftlichen Debatte mal unauffälliger mal demonstrativer sukzessive erhöht wird. Da macht dann ein Martin Walser einen Vorstoß (Drohroutine, Moralkeule) und versucht, die Pflöcke des Sagbaren weiter vorzuschieben und das verschnarchte Publikum, dass nur die einschläfernde Dramaturgie von Festveranstaltungen und die vom medialen Konsens zertifizierten Granden abklatschen kann, ist nicht zu einem eigenen Urteil in der Lage, bzw. ist bereits so weit auf den neuen Kurs eingeschwenkt, dass jeder, der auch nur den Hinweis gibt, dass es bestimmte Dinge gibt, die sich für Deutschland verbieten, als wahlweise. Der dernier cri des gesellschaftlichen/politischen Haltung und Meinungslautsprecherei ist ge-fake-te Provokation. Man versucht sich in rückwärtsgewandten Ansichten zu übertrumpfen. Das penetrante Annoncieren und Bejahen eines neuen Konservativismus und Spießertums, das so tut, als sei gerade dies die echte Rebellion und Courage bleibt doch was es ist: Nach Gratifikation, Profitmaximierung jenseits der Frage von überegordneten und auch, ja, moralischen, allgemeingesellschaftlichen Zielen, Idealen und sich daraus ableitenden Verpflichtungen.
Die Wiederkehr das Großväterlichen (Leistung! Disziplin! Ordnung!) bildet nicht nur aber auch den Entwicklungs (oder - je nachdem, wie man das sieht - Degenerations-)prozess der ehemaligen Linken ab. Nachdem man sich gegen die Alten widersetzt, alternative Lebensentwürfe ausprobiert hat und nun selber mit Kindern und Audi-Kombi in der Eigenheim-Biographie mit Golden Retreiver angekommen ist, findet man die altbackenen Rezepte gar nicht mehr so schlecht.
"In Österreich zog man angesichts des Falls Natascha Kampusch bereits das gesamte öffentliche Schulwesen in Zweifel. Da habe man auf der einen Seite eine Frau, die acht Jahre lang eingesperrt und ohne Kontakt zur Schule gewesen, aber eloquent und gebildet sei, während es andererseits eine steigende Zahl von Schulabgängern gebe, die nahezu kommunikationsunfähig seien. Grund genug, die herrschende schulische Erziehung gründlich infrage zu stellen.
Je verzwickter die Lage, desto eher ist man bereit, auch den abwegigsten Lösungsvorschlägen Gehör zu schenken. Zum medialen Verblödungszusammenhang gehören die Glücksversprechen einer Kaste von schlaudummen Heilsbringern. Mal heißen sie Julius Hackethal, mal Peter Hartz, mal Eva Herman. Mal sollen wir »fleischlos glücklich« werden, mal auf Kupferplatten schlafen, mal unsere Krankheiten im Eigenurin ertränken. Je simpler die Thesen, desto heftiger der Wellenschlag.
Der neueste Katastrophenmanager heißt Bernhard Bueb, war dreißig Jahre lang Leiter der Internatsschule Schloss Salem und präsentiert ein Traktat, mit dem er den Geist der 68er endgültig aus den deutschen Klassenzimmern exorzieren will: Lob der Disziplin heißt sein Werk, das schon kurz nach Erscheinen einen kollektiven Erlösungsseufzer unter den ratlosen Erziehern hervorgerufen hat. Und auch die Journaille schlägt mit den Flügeln vor Begeisterung angesichts des "erfrischenden Tabubruchs". Kaum eine Zeitung, kaum ein Sender, in der Bueb seine schmalen Thesen nicht immer wieder aufs Neue zum Besten geben darf. Flankiert von Bild,FAZ und Spiegel, soll "Deutschlands strengster Lehrer" in den Schulen für »Recht und Ordnung« sorgen. Gerade noch wurde anlässlich der Fußball-WM der angeblich entspannte Patriotismus gefeiert – in dessen Gefolge die NPD nun im Osten ihre Wahlsiege feiert –, schon sollen die Hacken zusammengeschlagen werden.
Bueb fordert »Strenge, Härte, Disziplin«. Mehr noch: "die vorbehaltlose Anerkennung von Autorität und Disziplin". Denn: "Erziehung bedeutet immer Führung." Und: "Wer führt, erwartet Gefolgschaft." Natürlich will auch er nur das Beste für unsere Kinder: "Die Fürsorge gebietet manchmal Disziplin ohne Debatte." Gebetsmühlenhaft bläut er dem Publikum die wenigen Maximen seiner Kasernenhofpädagogik ein. Es ist, als wolle er die Prinzipien seiner Kindererziehung erst mal an den erwachsenen Lesern seines Buches exekutieren, indem er ihnen die Lektüre als Strafe auferlegt. [...]
Dass ein Hörfunkjournalist Bueb darauf hinweisen konnte, dass sein Buch, würde man nur wenige Passagen streichen, auch als das bildungspolitische Programm der NPD gelesen werden könne, dafür trägt der Autor die Verantwortung. Wenn er schreibt: »Die Nationalsozialisten waren Meister der Gemeinschaftserziehung, das darf man nicht verschweigen.« Oder wenn er sagt: »Gehorsam verlor in den letzten vierzig Jahren jedes Ansehen in der Pädagogik, aber nicht in der Armee.« Und man bekommt mehr als eine Ahnung, wofür er seine Schüler fit machen will, wenn er feststellt: »Soziale Tugenden, die Menschen für Extremsituationen qualifizieren, wie sie der Krieg mit sich bringt, bedürfen der Übung wie andere Tugenden auch."
Lesen Sie den ganzen Artikel Weniger Disziplin bitte in der Online-Ausgabe der Zeit
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Stanislaw J. Lec