Das Kabelfernsehen verschont uns nicht, von den verschiedensten Weltmeisterschaften zu berichten: So kennt man die Motorsäge-Meisterschaften, die offiziellen Weltmeisterschaften im Hochheben schwerer Steine durch bärtige Männer und Schönheits-Konkurrenzen junger Damen in nassen T-Shirts.
Nicht weniger absurd hört sich vielleicht eine Weltmeisterschaft im Debattieren der Schüler an. Diese findet momentan in Stuttgart statt.
Schüler aus aller Welt stellen sich dem Streit in Rede und Gegenrede und trainieren dabei ihre rednerischen und argumentativen Kompetenzen. In den angelsächsischen Ländern ist Debattieren selbstverständlicher Teil der Ausbildung an Schule und Hochschule, in Deutschland führt es noch ein Schattendasein.
In Stuttgart sind sie alle da: Teams aus aller Welt, von Südafrika bis Schottland, von Neuseeland bis Kanada. Insgesamt stehen 29 Nationen im Wettbewerb. Die World Schools haben damit mehr teilnehmende Nationen als die Fußballweltmeisterschaft 2006 - und nicht weniger Niveau.
In der Mensa des Geschwister-Scholl-Gymnasiums in Tübingen, wo die letzte von acht Vorrunden stattfindet, ist wildes Durcheinander, irgendwie eine Mischung zwischen Klassenausflug und Sitzungspause bei den Vereinten Nationen. Die Schüler tragen Anzüge, was bei manchen einen Endruck von Seriosität, bei anderen von Erstkommunion vermittelt.
Alle versuchen sich im lockeren Small-Talk, die Mentalitätsunterschiede zeigen sich deutlich. Die Schotten lassen gerne auch mal Kraftausdrücke fallen ("Fucking wankers"), was die Asiaten mit betretenem Lächeln quittieren. Es kann aber nichts darüber wegtäuschen: So kurz vor der Themenvergabe sind alle angespannt.
Nach der Bekanntgabe des Themas bleibt den Teams eine Stunde zur Vorbereitung, dann geht es los. Sobald die Organisatorin Ellen Butzko vom Seminar für Schulpädagogik in Tübingen das Thema verkündet, strömt alles nervös in die Vorbereitungsrunden.
Das Thema der Debatte "This House condems the influence of the music industry on the youth" - Dieses Haus verurteilt den Einfluss der Musikindustrie auf die Jugend.
Die Formel "This house..." orientiert sich -wie der gesamte Ablauf des Debattierens- an den Gepflogenheiten des britischen Unterhauses.
Im Raum 120 treffen sich in der letzten der acht Vorrunden die Teams aus Kuwait und Indonesien. Beide sind große Favoriten für den Einzug ins Finale. Jedes Team besteht aus drei Schülern, die in achtminütigen Reden ihren Standpunkt vertreten und während dieser Zeit auch auf Zwischenfragen reagieren müssen.
Vor dem Beginn der Debatte tritt ein kanadischer Juror nach vorne und erklärt eloquent die Kriterien der Bewertung: Um Punkte zu erreichen, muss der Auftritt, aber auch die Argumentation, überzeugen.
Hierfür sollten Fakten gebracht werden, aber vor allem gilt es, dem Gegner sehr genau zuzuhören, um seine Punkte präzise widerlegen zu können.
Der Juror rechtfertigt noch einmal, dass den Teams zugewiesen wird, für welche Seite sie zu sprechen haben. Man könne einiges dabei lernen, auch einmal einen Standpunkt zu vertreten, der nicht der eigene ist: "To argue another man's point of view is to understand another man." Den Standpunkt eines anderen zu vertreten heißt, ihn zu verstehen.
Die erste Rednerin vom indonesischen Team beginnt. Sie steht auf der Regierungsseite, muss also Pro argumentieren. Sie verurteilt den Einfluss der Musikindustrie und beruft sich darauf, dass die Jugendlichen sich mit den Künstlern identifizieren, ihre Kleidung nachahmen und wohl auch deren Verhalten.
Ihre Rede ist in sauberem Englisch gehalten, klar gegliedert uns ansprechend vorgetragen. Kaum vorstellbar, dass diese souveräne Frau am Redepult eigentlich ein Mädchen von 16 Jahren ist.
Die kuwaitische Seite verlegt sich in ihren Reden daraufhin vor allem auf eine legalistische Argumentation; es gebe zwar eine negative Beeinflussung, die werde aber durch Gesetze zum Schutz der Jugend weitgehend verhindert.
Die Rechtsbrüche, die durchaus vorkämen könne man nicht der Musikindustrie anlasten. Außerdem, so die zweite Rednerin der Opposition aus Kuwait, gäbe es auch positive Einflüsse durch Popmusik, zum Beispiel bei Benefiz-Konzerten wie Band Aid.
Diese Argumentationslinie verursacht spürbare Unruhe auf der indonesischen Seite: Schnell haben sie erkannt, dass sich der Streitpunkt zu verschieben droht. Die Opposition hat ja die Möglichkeit zugegeben, dass sich Popmusik negativ auf Jugendliche auswirkt, die Frage nach der moralischen Verurteilung droht zur Frage nach den gesetzlichen Maßnahmen zu werden.
Der letzte indonesische Redner aber schafft es, die Kurve noch zu bekommen. Er sagt, dass im Zeitalter des Internet Verkaufsbeschränkungen für Minderjährige keine taugliches Instrument sind, eine reine Legalargumentation also nicht ausreichend ist.
Das Urteil der Juroren fällt eindeutig aus, die Debatte geht an die Indonesier. Die Kuwaitis tragen es mit Fassung. Aber als die Schüler den Saal verlassen, muss der betreuende Lehrer die enttäuschten Schüler doch mit väterlichen Gesten trösten.
Indonesien schaffte es jedoch bis ins Achtelfinale, wo sie den Engländern unterlagen, die wiederum im Halbfinale sich den Australiern geschlagen geben mussten.
Diese treten nun am Freitag, 20.Februar im großen Finale gegen Südafrika an. Das vorbereitete Thema, die sogenannte "motion" lautet "This House believes that the world is facing a clash of civilisations." - "Dieses Haus glaubt, dass der Welt ein Zusammprall der Zivilisationen bevorsteht."
Weitere Informationen zur aktuellen Meisterschaft
www.schoolsdebate.de
Informationen zum Debattieren an Schulen
Informationen zum Debattieren an Hochschulen
www.debating.net/flynn/colmmain.htm
www.vdch.de
www.streitkultur.net
Leonardo Boff