
In einem Artikel in SPIEGEL Online lesen wir vom Untergang des Abendlandes: Personalchefs bemängeln massive Mängel in der Allgemeinbildung von Hochschulabsolventen:
"42 Prozent der Befragten beschweren sich laut "Junge Karriere" darüber, dass das Wissensniveau der Hochschulabsolventen in den letzten Jahren erheblich gesunken sei. Von 100 Bewerbern entsprächen nur 36 den Wissensanforderungen der Firmen. Ganze zwei Prozent der Personalchefs gestehen ihren Bewerbern eine sehr gute Allgemeinbildung zu.
Besonders mau präsentieren sich die Bewerber laut "Junge Karriere"-Umfrage in Geschichte sowie in Kunst und Kultur: Null Prozent der befragten potenziellen Arbeitgeber vermerkten in diesen Themengebieten gute bis sehr gute Leistungen. Ganz anders das Bild in Informatik und bei den Fremdsprachen: Hier schnitten drei Viertel der Bewerber mit "gut" oder "sehr gut" ab."
Es zeigt sich, dass es bei einem Bewerbungsgespräch darauf ankommt, die Rudimente (gehört dieser geographische Fachbegriff für Ablagerungen im Flussbett auch zum "Allgemeinwissen"? Wie, zu wissen, wer "Tensing Norgay" ist, das Hochdruckgebiete rechtsdrehend sind und was die "Avogadro Konstante" bezeichnet?) "klassischer" Bildung zu beherrschen, die der Gesprächspartner auf der anderen Seite des Schreibtisches für maßgeblich hält (und selber noch im Kopf hat).
Es wäre einmal vorzuschlagen, die Personalchefs auf ihre Durchdringung mit Bildung zu testen: zu wissen, dass Heinrich Heine ein Dichter aus Düsseldorf war - ist das Bildung oder Jauch-Stichwort-Wissen. Es zeigt sich, dass die Definition dessen, was relevant ist, von Altherrenkatalogen wie Schwanitzens "Bildung" festgelegt wird.
Wenn aber die Gegenmaßnahme das unterschiedlose Auswendiglernen von Kulturfahrplänen ist, scheint fraglich, inwiefern dieses Konvolut sich zu einem Orientierungswissen fügen soll und nicht eher ein Palimpsest nicht zu unterscheidender Einzeldaten ohne Ordnungsrahmen ergibt.
"(...) mit ein bisschen Englisch und Textverarbeitung ist es offensichtlich nicht getan. Allgemeinwissen sei heute wichtiger denn je, sagt der Bochumer Psychologie-Dozent Rüdiger Hossiep: "Wie ein Filter ermöglicht es uns, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, Neues einzuordnen und nicht in der ständig wachsenden Informationsflut unterzugehen.
Der Psychologe hat eigens einen Wissenstest namens Bowit entwickelt, mit dem sich auf wissenschaftlicher Basis die Allgemeinbildung von Akademikern überprüfen lässt. Der Crashtest deckt insgesamt elf Sachgebiete ab, von Politik bis Mathematik, von Kunst bis Biologie."
Von Adorno (Aufgabe für Personalchefs: malen Sie Adorno, wofür steht das "W" in der Mitte des Namens, welchen Beruf hatte die Mutter Adornos, erläutern Sie den Grundgedanken der "Dialektik der Aufklärung") wissen wir, dass Bildung die persönliche Seite der Aneignung von Wissen ist. Es ist eben kein Sammelsurium angesammelter Informationen, sondern spiegelt die persönliche Aneignung von "Welt" wider. Wissen, das ohne Anbindung zur eigenen Lebensgeschichte angehäuft wird, bleibt fruchtlos.
"Das Wissen, das im Übermaße ohne Hunger, ja wider das Bedürfnis aufgenommen wird, wirkt jetzt nicht mehr als umgestaltendes, nach außen treibendes Motiv und bleibt in einer gewissen chaotischen Innenwelt verborgen […] Man sagt dann wohl, daß man den Inhalt habe und daß es nur an der Form fehle; aber bei allem Lebendigen ist dies ein ganz ungehöriger Gegensatz. Unsere moderne Bildung ist eben deshalb nichts lebendiges, weil sie ohne jenen Gegensatz sich gar nicht begreifen läßt, d.h. sie ist gar keine wirkliche Bildung, es bleibt in ihr bei dem Bildungs-Gedanken, bei dem Bildungs-Gefühl, es wird kein Bildungs-Entschluß daraus." (Friedrich Nietzsche, Zweite unzeitgemäße Betrachtung; zit. Volker Steenblock, Theorie der kulturellen Bildung. Zur Philosophie und Didaktik der Geisteswissenschaften. München 1999, S. 186.)
In dem mangelnden Wissen der Hochschulabsolventen erblicken wir die Entwicklung einer Gesellschaft, die in den Schulen nicht mehr so viel Wert auf das Auswendiglernen ("Zum Kampf der Wagen und Gesänge, der auf Korinthus' Landesenge, der Griechen Stämme froh vereint, zog Ibykus, der Götterfreund...") legt, sondern auf prozessuale Kompetenzen.
Eine Toilletenwandweisheit besagt, das Bildung das ist, was übrig bleibt, wenn man alles vergessen hat: die Personalchefs machen sich einen Spaß daraus, die Endmuränen (und das ist...?) ihrer Bildungsanstrengungen in der "Oberprima" zu bemühen und sich daran zu delektieren, das das Wenige, an das sie sich aus ihren Schulzeiten erinnern immer noch mehr ist, als der junge computergewandte Nachwuchs im Angebot hat. Es dient der Selbstvergewisserung gegenüber dem fremd bleibenden -v.a. technischen- Detailwissen der Moderne.
"...jaja...im Internet surfen können, aber Schillers "Räuber" nicht kennen..." Was aber das essentielle Thema von Schillers Räubern ist, warum es relevant sein könnte, Schillers Räuber zu kennen, wissen auch die Herren Personalchefs nicht. Ihnen dient Bildung als reiner Requisitenschatz zur Ausstattung eines geistreichen Auftretens.
Diese Jeopardy-Intellektuellen rekurrieren auf eine mit den Kontexten der ungeordneten Informationen assoziierten Qualität und machen diese für sich geltend: Goethe ist Bildung. Also ist derjenige, der die Lebensdaten und zwei, drei Werke Goethes nennen kann auch gebildet. Bildung ist hier eine bürgerliche Residualkategorie in einer bürgerlosen Epoche, eine Geste, der keine Haltung mehr entspricht.
Wer lediglich Daten, Fakten und Auswendiggelerntes zur Hand hat und keine Ergebnis persönlicher Bearbeitung der Gehalte, ist auch nicht gebildeter, als derjenige, der dieses Konversationsstichwortwissen konsequent bei Seite lässt, oder sich detailliert im Kosmos von "Star Trek" auskennt.
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