Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) hat bei der Prognos AG, Basel eine Studie über die Bedingungen des zukünftigen Bildungssystems durchführen lassen. Redaktionell verantwortet wird die Studie von Dieter Lenzen von der FU Berlin. Das Ergebnis ist unter dem Titel "Bildung neu denken! Das Zukunftsprojekt" jetzt zugänglich.
"Meine Meinung ist die: Jeder Mensch ohne Ausnahme, hat in jedem Stande als Mensch eine zweifache Bestimmung: eine für den Himmel, die Ewigkeit; die andere für die Erde, seinen Beruf.
(...) Die irdische Bestimmung des Menschen gestalte sich nach der Lage in welcher er geboren ist, nach den Verhältnissen, in welchen er sich befindet, nach den Anlagen und Fähigkeiten die ihm verliehen sind, und nach den Neigungen, in welchen er einen bestimmten Beruf wählt. Für diesen Beruf soll und muss er geweckt, belehrt und gebildet werden, so dass er alle Kenntnisse und technischen Fertigkeiten besitze, und (...) das wisse, was er wissen muss, um seines Berufes froh und Andern nützlich werden zu können.
Man erzeigt aber ihm und der menschlichen Gesellschaft keine Wohlthat, wenn man über die Grenzen seines Standes und Berufes hinaus ihn belehrt, und ihm Kenntnisse beibringt, die er nicht braucht, und Ansprüche und Bedürfnisse anregt und weckt, welche zu befriedigen seine Lage nicht gestattet.
Alles kann der Mensch doch nicht lernen, dazu ist des Wissenswürdigen zu viel, und das Leben zu kurz. Jeder lerne nur gründlich und ganz, was er für seinen Beruf wissen muss. Das Mehr ist für den Lebenszweck nicht förderlich, sondern störend und hinderlich. Es nimmt und verdrängt die Ruhe, Gelassenheit und Beschränktheit, die alle mechanischen Berufsarten, wenn sie gelingen sollen, verlangen und voraussetzen.
Das Wissen über die Grenzen des Standes und Berufes hinaus macht vorlaut, anmaßend, raisonirsüchtig. Es führt auf den unglücklichen Standpunkt der Vergleichung und macht, geweckt von dem Gefühl, gleicher Menschenrechte, unbillig im Urtheil und missvergnügt die Stimmung. Statt sich behaglich in seinen Grenzen abzuschließen, erweitern sich dann die Kreise der Wünsche und das Leben wird unstät und unruhig. Man vermisst, was man nicht hat, und genießt nicht, was man hat.
(...) Die Cultur der Intelligenz nach allen Richtungen durch Volksschulen ist nicht zu tadeln; aber sie darf nicht das höchste, nicht das letzte Ziel sein. Auf Tüchtigkeit im Berufe, Charakter und Leben, darauf, darauf allein, kommt zuletzt alles an"
Das vorstehende Zitat stammt aus der Rede "Über Volksbildung und Schule" Wilhelm III aus dem Jahr 1840 und beschreibt punktgenau die Bezugspunkte der Studie "Bildung neu denken! Das Zukunftsprojekt" von der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft vbw.
Die Studie zeichnet einen Zustandsbericht und stellt Forderungen auf, wie das Bildungswesen zu verändern sei. In allem scheint nicht nur ein beschränkter Bildungsbegriff, sondern v.a. ein reduziertes Menschenbild und ein hochbedenkliches Politik- und Staatsverständnis durch.
In der Bestandsaufnahme begegnen uns die Begriffe die "die Wirtschaft" sofort hyperventiliert, wenn man sie des nachts aus dem Schlaf reißt: Bürokratisierung Deregulierung, Dezentralisierung, Privatisierung, Leistungsanreize, Wettbewerb, Wettbewerbsfähigkeit, Leistungselite. Aber sehen wir genauer hin:
"Das Bildungssystem ist durch Bürokratisierung, Verrechtlichung, Überreguliuerung und unnötigen Staatseingriff gekennzeichnet." (S.2)
Es "fehlt an Möglichkeit und Bereitschaft individueller Verantwortungsübernahme durch den Einzelnen" (ebd.), Leistungsanreizen, Leistungs- und Wettbewerbsbereitsschaft. Die Leistungselite sei zu klein, "Lernziele, Unterrichtsinhalte und Lehrmethoden befinden sich nicht auf dem neuesten Stand der Forschung" (ebd.) und sind modernisierungsbedürftig.
Ferner würden Lern- und Arbeitszeit verschwendet, die Finanzierung des Bildungssektors sei unzureichend und insgesamt sei das Bildungssystem reformunfähig, weil "mächtige Interessengruppen Veränderungen blockieren" (ebd.)
Schon in dieser Zustandsanalyse wird deutlich worauf die Studie hinauslaufen wird: eine stärkere Orientierung des Bildungswesens an den Anforderungen der Arbeitswelt. Folglich: "Entrümpelung" und Straffung des Curriculums. Unnötiges Orientierungswissen raus, notwendiges Handlungswissen rein: Satz des Pythagoras nur noch für angehende Ingenieure, für den Rest Buchhaltung, Bilanz- und Rechnungswesen statt Kurvendiskussion, die niemand, der nicht Physik studiert, benötigt. Systemadministration statt Musik und Kunstunterricht.
"Das Bildungsverständnis des deutschen Bildungssystems ist revisionsbedürftig im Hinblick auf mehr Verbindlichkeit, mehr Standardisierung, eine stärkere Vermittlung personaler (Schlüssel-)Qualifikationen und eine deutlichere Orientierung an der Arbeits- und Berufswelt" (ebd.)
Leben wird in dieser Studie als Berufsleben gedacht, Menschsein als Berufstätigkeit. Bildung ist Berufsbildung. Bildung, die nicht auf Arbeit und Beruf (das "wirkliche" Leben im Gegensatz zum nicht-wirklichen vergeistigenden Theorie) bezogen ist, ist chimärisch ätherisches Hybridwissen:
"Bildung darf nicht im leeren Raum stattfinden, sondern muss sich am Vollzug des Lebens, der Arbeit und des Berufes orientieren." (S.5) "In allgemeiner und arbeitsorientiert Bildung müssen unternehmerische Qualifikationen vermittelt werden (...) Unternehmerische Qualifikationen sind mit Schlüsselqualifikationen teilweise kongruent." (S.11)
Wilhelm III hat es nicht anders formuliert:"Die Cultur der Intelligenz nach allen Richtungen durch Volksschulen ist nicht zu tadeln; aber sie darf nicht das höchste, nicht das letzte Ziel sein. Auf Tüchtigkeit im Berufe, Charakter und Leben, darauf, darauf allein, kommt zuletzt alles an"
Wenn Leben Berufsleben ist, wenn Menschsein Berufstätigsein ist und Bildung den Menschen darauf vorbereiten soll und die Eigenschaften, die man zum Bestehen im Arbeitsleben braucht, die berühmten Schlüsselqualifikationen mit den "unternehmerischen Qualifikationen" in eins fallen, ist es nur logisch, dass "die Wirtschaft" das Bildungssystem am Besten gleich komplett selbst organisiert. So wird die Stärkung des Engagements "der Wirtschaft" im Bildungsbereich gefordert.
"Dies bezieht sich auf die Bildungsinhalte, die Gestaltung von Bildungsmodulen, bis hin zu Gründung von Beschäftigungsgesellschaften, die gleichzeitig für berufliche Ausbildungsarbeit sowie Arbeitskräftevermittlung und -bereitstellung zuständig sein können" (S.7)
Willkommen in den Vereinigten Staaten von Siemens & CO, wo man am BMW-Gymnasium sein Abitur macht. Dort wird keine Zeit mit Musik, Lyrik oder Philosophie vertan, sondern Deutsch als Rechtschreibung, Mathematik als Bilanz- und Rechungswesen, Physik als Maschinenbau und Informatik als WORD-können betreibt. Solchermaßen vorgebildet wird dann an der Deutsche-Bank-Universität studiert.
Wenn am Ende die Menschen als Arbeiter von den Unternehmen aus den Bildungsinstitutionen übernommen werden, das Kompetenzprofil der ehemaligen Schüler aber nicht den Anforderungen und Bedürfnissen der unternehmen entspricht, ist es das Beste, wenn die Unternehmen gleich das Bildungswesen übernehmen; und wenn man schon dabei ist, sollen sie auch gleich die berufliche Weiter- und Fortbildung ebenso wie die Arbeitsvermittlung organisieren. Alles aus einer Hand: "bis hin zu Gründung von Beschäftigungsgesellschaften, die gleichzeitig für berufliche Ausbildungsarbeit sowie Arbeitskräftevermittlung und -bereitstellung zuständig sein können."(S.7)
Die Totalität der Leitvorstellung von Leben als knappe Ressource zur Komplettierung eines Sets von Eigenschaften und Kompetenzen zur kompetetiven Berufsperson offenbart sich auf allen Ebenen der Konzeption.
So sollen "Schulferien und andere lernfreie Zeiten für zusätzlichen Unterricht verwendet werden" (S.16) Von der Wiege bis zur Bahre, in jeder Minute muss gelernt werden und zwar kein chimärisches Wissen, das nicht nutzbar ist und nur das Gemüt in fruchtlose Unruhe versetzt, sondern kurz- oder langfristig berufsbiographisch nutzbares Wissen. Auch die Eltern werden in diesen Prozess eingebunden: "Für Eltern werden Qualifizierungsmaßnahmen vorgehalten, die es ihnen erlauben, ihren Kindern erziehend, beratend und lehrend zur Seite zu stehen."[Man fragt sich, was dem Wirtschaftsverband für die Eltern vorschwebt, die es nicht als ihre elterliche Pflicht betrachten, ihren Nachwuchs auch in der Freizeit und in den Ferien zu unterweisen, sondern die auf so etwas wie ein kindliches Recht auf einen zweckfreien Schonraum pochen. Soll ein Credit-Point System für Eltern eingeführt werden, das die Fortbildungsanstrengungen der Eltern verrechnet und belohnt und den Eltern, die ihre Kleinen nicht unterweisen, ihre Kinder in den Ferien weggenommen und den Familien zugeführt werden, die die Zeit vorbildlich zur Schulung nutzen?] (S.14) Berufsbildung findet eben immer und überall statt.
Bildung ist gemäß dieser Studie an den konkreten Anforderungen des Berufslebens orientierte Wissensvermittlung einerseits und Charakterunterweisung und zur Entwicklung einer Persönlichkeit andererseits die Respekt vor den Alten, Achtung vor dem Bestehenden und den Traditionen pflegt.
Es gibt nach wie vor eine Allgemeinbildung. Sie hat die Aufgabe, diese charakterlichen Dispositive (Respekt Traditionsverbundenheit, Sitte usw.) zu entwickeln:
"Ziele und Inhalte auch des allgemein bildenden Systems sind an der Tradition und den längerfristigen Beständen an Wissen und Werten der europäischen Kultur zu orientieren. Ebenso bedeutsam ist aber eine konsequente Arbeits- und Berufsorientierung des Lernens. Der Gegensatz zwischen allgemeiner und beruflicher Bildung ist überholt. Allgemeinbildung im Sinne personaler Kompetenzen kann auch durch arbeitsbezogene bzw. berufliche Bildung erworben werden." (S.11)
Eben: nichts bildet so sehr wie Arbeit. Das, was man für das Leben wissen muss -und darum geht es ja- kann man auch so nebenbei lernen. Der Glaube an an die alleinseligmachende Kraft der Arbeit, der Wunsch, durch Arbeit und Alleinausrichtung des Bildungswesens auf Fügsamkeit die staatliche Ordnung zu stabilisieren, scheint ein spezifisch deutsches Steckenpferd.
"Man erzeigt aber ihm (dem Menschen, RK) und der menschlichen Gesellschaft keine Wohlthat, wenn man über die Grenzen seines Standes und Berufes hinaus ihn belehrt, und ihm Kenntnisse beibringt, die er nicht braucht, und Ansprüche und Bedürfnisse anregt und weckt, welche zu befriedigen seine Lage nicht gestattet.
Alles kann der Mensch doch nicht lernen, dazu ist des Wissenwürdigen zu viel, und das Leben zu kurz. Jeder lerne nur gründlich und ganz, was er für seinen Beruf wissen muss. Das Mehr ist für den Lebenszweck nicht förderlich, sondern störend und hinderlich. Es nimmt und verdrängt die Ruhe, Gelassenheit und Beschränktheit, die alle mechanischen Berufsarten, wenn sie gelingen sollen, verlangen und voraussetzen.
(...) Die Cultur der Intelligenz nach allen Richtungen durch Volksschulen ist nicht zu tadeln; aber sie darf nicht das höchste, nicht das letzte Ziel sein. Auf Tüchtigkeit im Berufe, Charakter und Leben, darauf, darauf allein, kommt zuletzt alles an
Die utilitaristischen Verkürzungen geschehen vor dem Hintergrund eines ganz bestimmten Politik- und Gesellschaftsverständnis und Menschenbild:
"Das deutsche Bildungswesen vernachlässigt seine wichtige soziale Stabilisierungsfunktion, die es neben der Vermittlung von Kritikfähigkeit und Veränderungsbereitschaft auch besitzen muss." (S.3)
Reform, Kritik, Veränderung werden in der vorliegenden Studie v.a. verstanden als ökonomische Reform, Kritik und Veränderung mit Blick auf Produktivitätssteigerung. Mit Blick auf Steigerung der Leistungsfähigkeit der Wirtschaft, sind Verbände, wie der vbw zu progressivsten Forderungen (was die Lehr- und Lernforderungen anbelangt) bereit. Das Ganze steht aber unisono neben einem konservativ, rückwärtsgewandten Menschenbild.
Das Bildungswesen wird als Apparatur verstanden, in der die Menschen v.a. als Arbeiter/Berufstätige betrachtet, mit den technischen Kompetenzen ausgestattet werden, die zu ihrer Verwendungsfähigkeit im Produktionsprozess nötig sind. Bildung ist die Technik mit der bestimmte pädagogische Effekte beim Objekt, dem Menschen, erzielt werden. Dabei zielt das Konzept auf Vermittlung bestimmter Kompetenzen und Eigenschaften, die den Menschen in Stand setzen, einen Beruf auszuüben und sich fortlaufend weiterzubilden und auf Erzeugung eines bestimmten Bewusstseins, dass sich ausschließlich auf dieses Projekt konzentriert und alle anderen Fragen, die den engen Kreis der eigenen beruflichen Anschlussfähigkeit übersteigen, ausblendet und anderen überlässt.
Das gewünschte Bewusstsein des "Individuums der Zukunft" weist den bekannten Eigenschaftskatalog der vielgenannten "Schlüsselkompetenzen" auf: eine protestantische Arbeitsethik mit Fleiss, Sparsamkeit, Genussverzichts- und "Ungewissheitstoleranz" und dazu eine ganze Palette anderer Eigenschaften: "Durchsetzungsbereitschaft, Kompromissfähigkeit, Selbstverwirklichungsmotiv, Leistungsmotiv, Selbstwirksamkeitserwartung, Unabhängigkeitsstreben, Stressresistenz, emotionale Stabilität, Optimismus, Unkonventionalität/Kreativität, Problemlöseorientierung, Risikobereitschaft und Selbstorganisationsfähigkeit" (S.10/11)
Dieses Charakter und Persönlichkeitsprofil sichert die Leistungsfähigkeit und Anpassungsbereitschaft der Trägerpersönlichkeit. Bemerkenswert ist, dass Faktoren wie "emotionale Stabilität" oder die "ausgeglichene Persönlichkeit" für ein erfolgreiches Funktionieren im Produktionsprozess als bedeutsam erachtet werden und vom Bildungssystem direkt hergestellt werden sollen.
Wenn die knappe Zeit in der individuellen (Berufs)Biographieplanung sinnvoll auf die Erstellung eines dichten Kompetenzprofils verwendet werden soll, kann man sich den Luxus einer "Sturm und Drang" Phase, eine juvenile Zeit des Suchens, Zweifelns nicht leisten. Vielmehr gilt es stressresistent, emotional stabil und organisiert am Dauerprojekt der vollendet einsatzfähigen Persönlichkeit zu arbeiten.
Wie umfassend und total das Konzept ist, dass den ganzen Menschen für den Beruf in Dienst nimmt zeigt nicht nur, dass emotionale Stabilität und die ausgeglichene Persönlichkeit als bedeutsam erachtet werden, damit Ausfälle im Ausbildungs- und Produktionsprozess vermieden werden, sondern das "Körpererziehung und motorische Koordinationsfähigkeit" (S.11) ausdrücklich in das Bildungskonzept eingeschrieben sind: nur der kann ein kontinuierlich guter Arbeiter sein, der weder Depressionen oder Melancholie kennt, noch durch ungesunden Lebenswandel zu Krankheit neigt, sondern frei von Leidenschaften allein orientiert am Erfolg sich an der eigenen Wirksamkeit erfreut (ohne darin exzessiv zu werden: Respekt vor den Traditionen, den Alten soll verhindern, dass die nachwachsenden Leistungs- und Selbstverbesserungsmaschinen, auf die Idee kommen könnten, sich über die Alten zu erheben und deren Leistung gering zu schätzen): Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper, eine gesunde Wirtschaft durch gesunde Arbeiter. Kraft durch Freude.
Damit die permanente Analyse bestehender Strukturen und Entwicklung von Verbesserung und Anpassung sich lediglich auf die individuelle berufsbiographische Seite beziehen und nicht auf gesellschaftliche oder politischen Feldern wirksam wird, ist es, laut der Studie, notwendig, dass das Bildungssystem entsprechende Einstellungen vermittelt. Sie sollen verhindern, dass sich die Morlocks von morgen etwa in "mächtigen Interessengruppen" organisieren und gegen die bestehende Ordnung engelen-kefern:
"Das deutsche Bildungswesen vernachlässigt seine wichtige soziale Stabilisierungsfunktion, die es neben der Vermittlung von Kritikfähigkeit und Veränderungsbereitschaft auch besitzen muss." (S.3)
Kritik gegen bestehende gesellschaftliche oder staatliche Ordnung ist keine gewünschte Eigenschaft. Die Arbeitsbiene, die der vbw sich wünscht und die das Bildungswesen hervorbringen soll, verfügt auf der persönlichen Seite über die nötigen Techniken, Kompetenzen und das entsprechende Fachwissen, um am Produktionsprozess teilzunehmen, die Anforderungen desselben zu validieren und sich selbst permanent anzupassen, ist aber gesellschaftlich an Stabilisierung interessiert, traditions- gemeinwesenorientiert und verzichtsbereit.
Es ist bemerkenswert, wie hier Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit und -bereitschaft als Pflicht des Einzelnen gegenüber der Gesellschaft formuliert wird, aber auf der Anspruchsseite des Einzelnen eine kommunistisch-klösterlich demütige Verzichtspersönlichkeit gefordert wird.
Gewünscht ist eine Persönlichkeit. Diese soll durch den Bildungsprozess hergestellt werden. An dieser neuen Persönlichkeit, die als Betriebssystem ein handlungs- und entscheidungsmotivierendes Dispositiv fährt, das die bestehende Ordnung nicht in Frage stellt, an der Wahrung von Tradition und Sitte interessiert ist, sind die prozessualen (Selbständiges Lernen) und konkreten Fähigkeiten (Fachwissen) aufgehängt: das "Individuum der Zukunft" ist als permanente Selbstevaluations- und -lernmaschine für die Berufswelt der Zukunft gerüstet und konzentriert sich ausschließlich auf berufliche Fortbildung als auf die Bedingungen, unter denen es lebt und arbeitet.
Das "Individuum der Zukunft" ist leistungsfähig und -bereit und unpolitisch. Es ehrt die Tradition und die Alten und stellt Erreichtes nicht in Frage. Es ist physisch gesund und kräftig, emotional stabil und ausgeglichen, leidenschaftslos und regierbar. Gesellschaft als Fabrik, Staat als Maschine, der Mensch als Funktion. Eine solche Gesellschaftsordnung mit hochleistungsfähigen Individuen, deren Individualität sich nicht politisch auswirkt, was das Gesamt um so effizienter und steuerbarer macht, ist in der Fernsehserie STAR TREK: The next Generation/ Raumschiff Enterprise: Die nächste Generation zu besichtigen: Die BORG.
Mit Blick auf das berufliche Kompetenz- und Wissensprofil ist das "Individuum der Zukunft" hoch innovativ, mit Blick auf die gesellschaftspolitischen Bedingungen, unter denen es arbeitet, ist es konservativ und vertraut auf Tradition, Sitte und erkennt die bestehende Ordnung als beste aller Welten an. Dieses Bewusstsein soll durch das Bildungswesen hervorgebracht werden. Z.B. durch aktive Einbindung "der Ältesten", die den Grundschulunterricht übernehmen und die Sicherung des Erreichten, den Respekt vor den geschaffenen Werten, die Achtung vor den Älteren garantieren.
Solchermaßen wird deutlich, dass vom Bildungswesen in Deutschland nicht nur die Vermittlung utilitaristischen Wissens und Kompetenzen erwartet wird, sondern das es auch unmittelbar charakterlich auf die Menschen einwirken soll: das Staatswesen soll nicht fundamental kritisiert werden, sondern im Gegenteil v.a. durch das Bildungswesen stabilisiert werden. Ein Bildungswesen, das kritische Individuen hervorbringt, die politisieren, anstatt Schlüsselkompetenzen zu entwickeln, erfüllt nicht seinen Zweck. "Das Wissen über die Grenzen des Standes und Berufes hinaus macht vorlaut, anmaßend, raisonirsüchtig."
Respekt vor den Älteren und den Traditionen sollen vermittelt werden. "Das Bildungssystem muss sicherstellen, dass Kinder und Jugendliche Anerkennung und Respekt vor den Lebensleistung der älteren Generation lernen" (S.9) Das "Individuum der Zukunft" soll seine revolutionäre Energien allein auf die Optimierung des Produktionsprozesses konzentrieren.
Damit die Haltung, die permanent alle Prozesse und Strukturen validiert und neudefiniert sich lediglich innerhalb bestehender Strukturen der Berufswelt produktiv entfaltet und nicht die bestehende Ordnung unterminiert wünscht man sich "eine ausgeglichene Identität" (S.5). Zuviel Allgemeinbildung, die die konkreten Anforderungen des Alltags übersteigt, beunruhigt offenbar und lenkt vom wesentlichen des "wirklichen Lebens" ab:
"Alles kann der Mensch doch nicht lernen, dazu ist des Wissenwürdigen zu viel, und das Leben zu kurz. Jeder lerne nur gründlich und ganz, was er für seinen Beruf wissen muss. Das Mehr ist für den Lebenszweck nicht förderlich, sondern störend und hinderlich. Es nimmt und verdrängt die Ruhe, Gelassenheit und Beschränktheit, die alle mechanischen Berufsarten, wenn sie gelingen sollen, verlangen und voraussetzen. Das Wissen über die Grenzen des Standes und Berufes hinaus macht vorlaut, anmaßend, raisonirsüchtig.
(...) Statt sich behaglich in seinen Grenzen abzuschließen, erweitern sich dann die Kreise der Wünsche und das Leben wird unstät und unruhig. Man vermißt, was man nicht hat, und genießt nicht, was man hat."
Offenbar sind sich die Autoren der Studie und Wilhelm III einig, dass Bildung v.a. die Vermittlung eines begrenzten Wissens ist, welches die Möglichkeiten und Anforderungen des Hier und Jetzt nicht überschreitet. Bildung als Berufsbildung -und überhaupt Arbeit- wirken gesellschaftlich und politisch stabilisierend und darin begründen das Glück des Menschen, während abstrakte Allgemeinbildung nur seelische Unruhe stiftet.
Daher sollen die Kinder schon im Alter von vier Jahren (nach zuvor ergangenen Leistungsscreenings) eingeschult, dort dann von den "Ältesten" unterwiesen werden (womit sie schon früh den Respekt vor den Alten lernen und die Kontinuität der Tradition und Werte gewährleistet wird) und früh in den Arbeitsprozess entlassen werden. Wer den ganzen Tag arbeitet ist abends zu müde um systemumwerfende Absichten zu verfolgen und erfreut sich lieber am Kabelfernsehen.
Man möge weltoffen sein aber "zugleich in der Lage sein, Verbindlichkeiten und Verpflichtungen einzugehen" (ebd.), die aus dem sozialen Umfeld, Tradition und den spezifischen Regionalität resultieren. Weltoffenheit ist nur mit Blick auf die Akkumulation von wettbewerbs- und leistungsrelevanten Wissen interessant und gefordert. Politisch wird Hermetismus, Nationalismus und Regionalismus gepflegt: mir san mir.
Bemerkenswert ist zudem, dass das "Individuum der Zukunft" bei aller Wettbewerbsorientierung und individueller Leistungsbereitschaft, dennoch als gütiger St. Martin gedacht wird:
"Das Individuum der Zukunft handelt gemeinschaftsorientiert, d.h. kompetent, verantwortungsvoll und in erheblichem Maße auch unter Verzicht auf eigenen Nutzen." (S.5)
So stehen in der Studie Empfehlungen und Forderung einer Liberalisierung und Privatisierung des Bildungswesens unmittelbar neben sozialistischen Forderungen wie der eines zivilen Pflichtjahrs (because IT builds Character?) und der, dass das Bildungssystem sicherstellen muss, "dass der herrschende Jugendlichkeitskult durch ein neues Bild der Lebensalter abgelöst wird." (S.9)
Überhaupt die Alten: diese sollen nicht einfach aus dem Arbeitsprozess ausscheiden, sondern ihre Erfahrung weiterhin einbringen und den nachrückenden Generationen an ihren Arbeitsplätzen beratend zur Seite stehen. Die Krönung ist die Wiederbelebung einer Praxis, die der alte Fritz in Preußen zur Versorgung seiner Invaliden einrichtete: die Alten sollen in die Schulen gehen und unterrichten. So schwer kann das ja nicht sein, den Kleinsten Lesen und Schreiben (und Manieren! Gerade sitzen, Füße still halten! Nicht die Nase hochziehen! Üb immer Treu und Redlichkeit!) "Auch die Angehörigen ältester Generationen können bei Berücksichtigung ihrer gesundheitlichen Konstitution wichtige Funktionen für die Jüngsten Übernehmen, beispielsweise bei der Alphabetisierung in der Grundschule." (S.9)
Die 80-90jährigen können den Kleinsten Lesen, Schreiben und Manieren beibringen, während die 60-70jährigen weiter arbeiten oder die nachrückenden Generationen an ihren Arbeitsplätzen begleiten, z.B. als "Paten".
Das der Studie zu Grunde liegende Konzept versteht den Menschen als Produkt des Bildungssystems, welches ein Arm des Staates ist. Der Mensch wird hier zur Funktion des Staates. Der Staat wird nicht von den Menschen als Bürgern hervorgebracht, sondern der Staat (re)produziert sich in seinen Bürgern. Folglich kann es nicht sein, dass der Staat ein Bildungssystem unterhält, aus dem systemkritische Individuen hervorgehen, die -wie undankbar!- sich gegen die Hand wenden, die sie gefördert hat.
Die zu Grunde gelegte Logik, der gemäß das Bildungswesen organisiert wird und der Staat handeln soll, ist die ökonomische Rationalität, die absolut und als naturgesetzliche Evidenz gesetzt wird. In den Köpfen der Autoren dieser Studie ist die Entwicklung einer kritischen, politischen Vernunft der Individuen zu vernachlässigen. "Das Wissen über die Grenzen des Standes und Berufes hinaus macht vorlaut, anmaßend, raisonirsüchtig."
Das jedoch mit ökonomischer Rationalität allein kein Gemeinwesen zu organisieren ist, scheint sogar den Autoren der Studie zu dämmern, weswegen sie die Indoktrination des Respekt vor den Alten und den Errungenschaften vorangegangener Generationen ebenso implementiert wissen wollen wie Verzichtsbereitschaft und Gemeinwesenorientierung.
Totalitär ist dieses Konzept, weil es ein umfassendes System entwirft, dass den Menschen von Kindesbeinen an bearbeitet und auf Entwicklung eines gewünschten Bewusstsein hinwirkt.
Antidemokratisch ist dieses Konzept, weil es den öffentlichen Gebrauch der Vernunft durch die Bürger als staatsgefährdend interpretiert und die bestehende staatliche Ordnung als vernünftig postuliert. Nicht der Staat hat sich an den Bürgern und dem öffentlichen Diskurs zu prüfen, sondern der Bürger muss seine "Anschlussfähigkeit" an die ökonomischen Systeme optimieren. Der Mensch ist nicht Bürger, sondern Arbeiter.
Ideologisch ist dieses Konzept, weil so getan wird, als sei "das Gemeinwesen" Nutznießer einer solchermaßen verfassten Gesellschaft von leistungs- und verzichtsbereiten Individuen und nicht sehr individuell benennbare Konzerne und deren Führung. Aber die ökonomische Rationalität der Konzerne und Unternehmen und das Gemeinwohl des Staates fallen ja, gemäß diesem Konzept, ohnehin zusammen.
Mit einem derartigen Bildungsbegriff und Menschenbild ist kein demokratischer Staat zu machen, der immer auf die Diskursfähigkeit und den öffentlichen Gebrauch der Vernunft seiner Bürger angewiesen ist und setzt.
Die Studie "Bildung neu denken! Das Zukunftsprojekt" ist im Verlag "Leske & Budrich" als Buch erschienen (ISBN: 3-8100-4110-6), Preis: 24,90 EUR
Eine Zusammenfassung der Studie finden Sie hier...
Im Rahmen der Ringvorlesung "Am Ende der Pädagogik. Zum gegenwärtigen Umgang mit Denktraditionen" an der Universität Münster hält Prof. Dr. Bernd Zymek am 12. Juli 2004 um 16 Uhr eine Vorlesung zum Thema: "Die Pädagogik nach dem Pyrrhussieg. Eine Analyse des Gutachtens der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V.: "Bildung neu denken! Das Zukunftsprojekt"
Weitere Informationen zur Ringvorlesung finden Sie hier...
Wilhelm III "Über Volksbildung und Schule" In: Michael Berthold u. Heinz-Herrmann Schepp: Die Schule in Staat und Gesellschaft. Dokumente zur deutschen Schulgeschichte im 19. Und 20. Jahrhundert. (=Quellen-sammlung zur Kulturgeschichte. Bd. 22) Göttingen/Zürich: Muster-Schmidt 1993. S.133-134
Als weiterführende Literatur könnte eine neue Lektüre der "Theorie der Bildung des Menschen" von Wilhelm von Humboldt lohnend sein.
Mark Twain
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