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Softskills: Musiker als Vorbild?

reticon-Report von Dorothee Ragg -- [21.06.2004]reticon-Report

Seit Jahren stehen zwei Themen im Mittelpunkt der Debatten, die mit PISA, IGLU etc. wieder angefacht wurden: Auf der einen Seite geht es um die harten Qualifikationen (oft auch Skills genannt) und auf der anderen Seite spielen die so genannten Soft-Skills eine Rolle.

Unter Soft-Skills versteht man Teamfähigkeit, Umgang mit Menschen und Entscheidungen, gelegentlich werden  sie auch unter dem Begriff emotionale Intelligenz (EQ) zusammengefasst.

Doch wie vermittelt man diese weichen Qualifikationen?

In dem folgenden Artikel geht es um Projektarbeit, in deren Verlauf Manager durch das Kennenlernen von Probenarbeit mit einem Orchester Soft-Skills erwerben.

Obwohl die heutige Arbeitswelt hierarchisch strukturiert ist, hat sich als Form der Zusammenarbeit innerhalb dieser Strukturen die Teamarbeit durchgesetzt.

Diese Form beinhaltet eine große Eigenverantwortlichkeit des Einzelnen, gleichzeitig gibt es einen oder mehrere, der oder die die Zusammenarbeit koordinier(t)en und Entscheidungen in letzter Instanz fäll(t)en.

Dies mag daher kommen, dass sich durch gegenseitige Inspiration produktiver und kreativer arbeiten lässt. Hinzu kommt, im Unterschied zu früher, der erhöhte Bildungsstand des Einzelnen und eine viel weitergehende Spezifizierung.

Heutige Strukturen setzen voraus, da manche Vorgänge kompliziert und komplex sind, dass es Fachleute gibt, die sich damit auseinandersetzen. Eine Folge dieser Veränderungen ist das Vorhandensein von Spezialisten, die auf einer gleichberechtigten Basis zusammen arbeiten. Trotz allem gibt es auf der anderen Seite immer noch die Ebene des oder der Vorgesetzten.

Auch wenn es vielleicht erst auf den 2. Blick auffällt: im Bereich der Musik gibt es innerhalb von Orchestern eine vergleichbare Form der gleichberechtigten Zusammenarbeit innerhalb einer hierarchischen Struktur. Im Orchester hat sich jedoch die Art der Struktur nicht in den letzten Jahrzehnten geändert. Die Wichtigkeit der Teamarbeit, auf die ich im Laufe dieses Textes eingehen möchte, sind hier schon immer vorhanden gewesen.

In der Probenarbeit, die immer dem Konzert vorausgeht, präsentiert der Dirigent seine Interpretation der Werke dem Orchester. Er gibt Tempo, Dynamik, Phrasierung usw. vor. D.h. er legt die wichtigsten musikalischen Grundideen fest, aber es ist die Aufgabe der einzelnen Musiker die Interpretation um zu setzen.

Sie müssen die musikalische Auslegung in die Tat umsetzen, somit selbst empfinden. Auch bei eigentlich simplen Dingen, wie dem gemeinsamen Einsetzen nach Pausen, gibt es die Verantwortung des Einzelnen. Es darf nicht passieren, dass alle aufeinander warten, aus Angst zu früh ein zu setzen, sondern jeder muss für sich den Impuls aufnehmen, der vom Dirigent ausgeht und selber initiativ werden.

Diese nonverbale Kommunikation, die immer innerhalb eines Orchesters stattfindet, gibt es in ähnlicher Form auch im Bereich des Mangaments.

Sowohl in den USA (Orpheus Chamber Orchestra) als auch in Deutschland (Kammerphilhamonie Bremen) gibt es neuerdings Ansätze in Seminaren Topmanager an die Arbeit mit einem Orchester heran zu führen.

An Hand der Erfahrungen mit dem Orchester sollen die Manager lernen, die Kommunikation mit ihren Mitarbeitern zu verbessern, und ein Gefühl dafür bekommen, wie wahre Hochleistungsteams entstehen. Der so genannte Saiten-Wechsel gibt den Managern einen sicherlich spannenden Einblick in einen meist vollkommen fremden Bereich, als auch die Möglichkeit sich selber auf ungewohntem Terrain aus zu probieren. Trotz aller Unterschiedlichkeit gibt es strukturelle Gemeinsamkeiten wie Philharmonie-Geschäftsführer Albert Schmitt […][sagt]: Sowohl im Orchester als auch in einer Firma arbeiten hoch qualifizierte Einzelkönner in einem Team, und hier wie dort müssen Solisten und Diven ihren Geltungsdrang zurückschrauben, um ein gemeinsames Werk zu schaffen, das die Kunden überzeugt.

Nun könnte man kritisch hinterfragen, ob das Konzept erfolgreich sein kann, dass Manager ausgerechnet auf dem Gebiet der Musik, das doch wesentlich anderen Regeln folgt, Erfahrungen sammeln.            Vielleicht fällt die Einsicht einfacher, wenn man sich erst einmal die Gemeinsamkeiten vor Augen führt. Sowohl in einer Firma als auch im Orchester geht es im günstigsten Fall vornehmlich um die Sache, d.h. alle Anstrengungen dienen dazu in der Wirtschaft ein Produkt und im Orchester eine musikalische Idee gemeinsam zu gestalten und zu entwickeln. In beiden Bereichen geht es nicht ohne das "Tutti", wie es in der Musik heißt, bzw. das Team, das jeweils aber nicht unabhängig und frei agieren kann, sondern immer von Leitern, führenden Personen abhängig ist. Vergleichbar ist auch die mitgebrachte Kompetenz, keiner fängt bei Punkt Null an, sondern alle bringen einen reichen Erfahrungsschatz mit, müssen aber andererseits respektieren, dass sie auch mal zurückstecken und sich einordnen müssen. Der auffälligste Unterschied ist sicherlich das Emotionale in der Musik, dass in der Wirtschaft nicht in der Art und Weise vorkommt. Selbst wenn z.B. Produktentwickler natürlich auch emotional mit ihrem Produkt verbunden sind, geht es doch letztendlich immer um Wirtschaftlichkeit und Profit. Dieser Bereich ist in der Musik im Grunde genommen vollkommen ausgeklammert. (Selbst wenn das eine oder andere Konzertprogramm so zusammengestellt wird, dass es möglichst viele Zuhörer anspricht, geht es doch im Kulturbereich selten um die Wirtschaftlichkeit. Kultur ist auch immer auf Sponsoring angewiesen und trägt sich in den seltensten Fällen selber.)

Vielleicht ist der positive Lerneffekt, den das Zusammentreffen von Managern und Orchestern beinhaltet, darauf zurück zu führen, dass die im vorangehenden aufgeführten Ähnlichkeiten in der Struktur sich in einem völlig anderen Gewand verbergen.

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