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"...sehr enttäuscht..." Leserbrief an das SZ-Magazin [update]

reticon-Report von Ralf Kellershohn -- [20.10.2007]

[Update, 28. Oktober 2007 Keine BILD-Methoden] Am Samstag, 20. Oktober schrieben wir einen Leserbrief (s.u.) aus Anlass des Artikels "Düstere Aussichten" über das Webformular des SZ-Magazins an dasselbige. Bereits am Montag, 22. Oktober schrieb Johannes Waechter, Redakteur des SZ-Magazins, zurück. In seinem Antwort wies er unseren Vorwurf der "Unsaubereiten im journalistischen Arbeiten" und "Bild-Methoden" "entschieden" zurück und stellte dar:

"Unser Mitarbeiter Nicol Ljubic hat zweimal lange mit Marco Bülow gesprochen und auf Basis von Herrn Bülows Aussagen den vorliegenden Text geschrieben. Dieser wurde Herrn Bülow in Gänze zur Autorisierung vorgelegt. Herr Bülow hat noch einige Änderungen vorgenommen, darauf haben wir den Text unter seinem Namen gedruckt, mit dem kleingedruckten Hinweis auf den "Ghostwriter". Wenn Sie das entsprechende SZ-Magazin 41/07 noch einmal zur Hand nehmen, finden Sie neben dem Foto von Peer Steinbrück auf S. 30 am Rand die Worte "Protokoll: Nicol Ljubic". Damit haben wir im Heft bekannt gegeben, wie der Text zustande kam, und unserer Sorgfaltspflicht genüge getan.
Das Protokoll ist im übrigen eine gängige und formal nicht zu beanstandende journalistische Praxis, die von allen großen Zeitungen und Magazinen angewendet wird.
Streiten ließe sich somit allenfalls über die Überschrift und den Vorspann des Artikels. Ich gebe zu, dass die Verwendung des Wortes "Denkverbote" im Nachhinein kritikwürdig erscheint. Ich halte dies jedoch für ein Detail.
Entscheidend für die Beurteilung der Geschichte "Düstere Aussichten" scheint mir zu sein, dass Herr Bülow weiterhin zu 100 Prozent hinter den im Text getroffenen Aussagen steht."

Dass Herr Bülow der Text zur Autorisierung vorlag, war dessen Stellungnahme auf seiner Webseite, die er als Antwort auf eine direkte Mail auch jetzt noch verschickt, nicht zu entnehmen. Marco Bülow hat seine mehrseitige Stellungnahme, in der der Hinweis, dass ihm der Artikel zur Freigabe und Korrektur vorlag, mittlerweile von seiner Internetseite entfernt.

Recht hat Herr Waechter mit seinem Hinweis, das man zunächst nachfragen möge, bevor man mit Schuldzuweisungen hausieren geht. Nun fehlte das kleine Detail, dass Herrn Bülow der Text zur Prüfung vorlag, in seiner Stellungnahme. Wir mussten bei deren Lektüre davon ausgehen, dass ein Politiker interviewt worden ist und ein Journalist dessen Aussagen in tagebuchartiger Ich-Form verschriftlicht und ohne dessen Kenntnis oder Zustimmung unter dessen Namen veröffentlich hatte.
Richtig ist, dass dies allein alles nicht reicht und wir uns beim SZ-Magazin hätten rückversichern können und sollen. Wir haben denn auch unseren Vorwurf der Bild-Methoden zurückzunehmen und tun dies hiermit auch ausdrücklich.

Fazit des Vorgangs: Demnächst direkt miteinander reden. Herr Bülow hätte deutlich machen können, dass ihm der Artikel durchaus zur Freigabe vorlag (Hatte er Angst vor der eigenen Courage bekommen, dass er sich in so deutlicher Weise abgrenzt?). Das SZ-Magazin hätte die Ko-Autorenschaft in der Online-Ausgabe kenntlich machen können (bzw. könnte das überhaupt mal machen, denn auch heute, 19. Januar 2008 fehlt der Hinweis) und wir hätten nicht wie eine enttäuschte Geliebte reagieren müssen, wobei die Heftigkeit unserer Reaktion als umgekehrte Maßzahl unserer Zustimmung zum SZ-Magazin zu lesen ist.

Hätte, könnte, sollte.

Rundherum positiv bleibt die Erfahrung, dass das Internet einen schnellen und unmittelbaren Diskurs über diesen Vorgang ermöglicht (hat), wie er vor 20 Jahren so nicht denkbar gewesen wäre. Und dit is och juut so.

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Sehr geehrte Damen und Herren vom SZ-Magazin,

seit Jahren bin ich begeisterter Leser des SZ-Magazins, dass mit seinen ungewöhnlichen Bildstrecken, den redaktionellen Beiträgen zwischen hervorragend geschriebenen Reportagen und Artikeln und (humoristischen) Miniaturen (Geschmischtes Doppel, Das Prinzip) und dem häufig hochironischen Ton grandios ist. Allein die Galerie der Titelbilder würde ich mir als Katalog wünschen.

SZ-Magazin Nr. 41 Auch vom Heft 41 vom 11. Oktober war ich begeistert. Insbesondere der Artikel "Düstere Aussichten" des SPD-Bundestagsabgeordnetem Marco Bülow über die ernüchternde bis frustrierenden Alltag eines Bundestagsabgeordneten zwischen dem Ideal einer an Gewissenshaltungen und politischen Grundvorstellungen orientierten Arbeit und der Realität von Fraktionszwang und Anpassung, hat mir enorm imponiert.

Ich fragte mich, wie es wohl Herrn Bülow ergehen müsse, nachdem dieser Artikel erschienen ist. Immerhin berichtet er aus dem inneren der Fraktion, dass Finanzminister Steinbrück Abgeordnete, die aus der Fraktionsdisziplin ausscheren und dafür Gewissensgründe geltend machen, als "Heulsusen" bezeichnet habe, dass "Abweichler" geschnitten oder zur Individualbehandlung in das Büro des Fraktionsvorsitzenden bestellt würden.

Also wollte ich Herrn Bülow eine E-Mail schreiben und ihm meinen Glückwunsch für den Artikel und seine aufrechte Haltung schreiben und recherchierte auf seiner Webseite eine Kontaktadresse. Auf der Webseite fand ich eine Stellungnahme von Herrn Bülow zu dem SZ-Artikel.

In dieser Stellungnahme berichtete Herr Bülow von Methoden, die zu diesem Artikel in dieser Erscheinungsform geführt haben, die mich, gelinde gesagt, erstaunt und empört haben, hätte ich Verfahren der Überspitzung, Nichtinkenntnissetzung und Zuschreibung von der Bild-Zeitung, nicht aber vom SZ-Magazin erwartet.

Laut Herrn Bülows Aussagen, wurde zweimal ein Gespräch mit ihm geführt, aus dem ein Journalist den vorliegenden Artikel entwickelt hat. Jedoch wurde der Artikel mit "von Marco Bülow" überschrieben, als handle es sich um einen Text aus der Feder von Herrn Bülow, was aber offensichtlich nicht der Fall ist. Auch der tagebuchartige Stil des Textes verstärkt den Eindruck, dass Herr Bülow hier persönlich geschrieben habe.

Die Überschrift (wie auch die Verwendung des Fotos) sind, laut Aussage von Herrn Bülow nicht mit ihm abgesprochen worden.

Herr Bülow berichtet, dass er im gesamten Gespräch nicht vom Fraktionszwang bezüglich der Afghanistan-Abstimmung und schon gar nicht von irgendwelchen Denkverboten gesprochen habe. Dies liest sich im Artikel des SZ-Magazins völlig anders.

Zwar haben Sie, wie Herr Bülow berichtet, auf seine Beschwerde hin die Überschrift des Artikels durch den Zusatz des Wortes "fast" in der Aussage leicht geändert: "Vor der "Afghanistan-Abstimmung verrät der SPD-Mann Marco Bülow, was Bundestagsmitglieder wirklich zu sagen haben: fast nichts." (Hervorhebung RK).

Jedoch trägt der Artikel auch in der Online-Ausgabe immer noch in der Autorenzeile den Namen von Herrn Bülow. Wie können Sie dies rechtfertigen? Ist das der Stil des SZ-Magazins? Muss ich als Leser nun in Zukunft davon ausgehen, dass die Artikel im SZ-Magazin nicht notwendig von den angegebenen Autoren stammen, dass die berichteten Inhalte so nicht der Wirklichkeit entsprechen, dass Interviews nicht notwendig in der abgedruckten Form stattgefunden haben?

Ich finde es bedauerlich, dass die Entscheidungsträger des SZ-Magzins offenbar BILD-Methoden nicht scheuen, um grelle publizistische Effekte zu erzielen.

Nähern Sie sich ihren Gesprächspartnern immer mit einem bereits im Vorfeld vorliegenden Effekt als Ziel ihrer Arbeit im Kopf, ohne dass sie ihr Gegenüber über dieses von Ihnen verfolgte Ziel aufklären, damit dieser entscheiden kann, ob er an dem Vorgang der Herstellung dieses Effektes sich beteiligen möchte?

Mag sein, dass man in Journalistenschulen beigebogen bekommt, dass man klar, pointiert, kräftig im Urteil, deutlich berichten müsse. Scheinbar geht man in Redaktionen davon aus, es mit einem geistig minderbemittelten Publikum zu tun zu haben, dass angesichts einer komplexen Wirklichkeit den "ordnenden" also vereinfachenden Zugriff publizistischer Zurichtung, Verarbeitung, Aufbereitung und Darstellung benötige.
Dass dies aber dazu führt, dass Wirklichkeit in das Prokrustesbett eines reduktionistischen journalistischen Prinzips zu zwingen, halte ich für äußerst unangemessen.
Vom SZ-Magazin, von der Süddeutschen Zeitung hätte ich das nicht erwartet.

Bedauerlich finde ich, dass sie mit diesen Methoden dem negativen Bild des Journalismus zuarbeiten, das besagt, dass Journalisten nicht daran interessiert sind, etwas über Wirklichkeit zu erfahren und diese darzustellen und zu vermitteln, sondern immer schon ein Bild und Urteil im Kopf haben und letztlich die Wirklichkeit diesen Bildern und Urteilen angleichen. Damit ist letztlich das mehr oder weniger limitierte Weltbild und Auffassungsvermögen des berichtenden Journalisten das Kriterium für den Grad der Verstümmelung, Verzerrung und Veränderung des dargestellten Sachverhalts.

Es wäre schön, wenn Sie in Zukunft die tatsächliche Urheberschaft von Artikeln und am Besten auch das Geschmacks-, Bewertungs- und Rezeptionsprofil der dahinter stehenden Autoren sichtbar machen könnten. So wäre doch z.B. denkbar, dass alle Autoren einen online einsehbaren Fragebogen ausfüllen, in dem sie ihre Präferenzen und Urteile zu einer Bandbreite von Sachverhalten dokumentieren.
Dann könnte sich das Publikum wenigstens die Art und Weise der Verzerrung aussuchen, der sie sich aussetzen möchte.

Sehr enttäuscht,

Ihr

Ralf Kellershohn

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