Simone Veil, geb. Jacob, wird 1927 in Nizza geboren und wächst, von ihren Eltern wohl behütet, mit ihren drei Geschwistern auf. Während des 2. Weltkriegs ändert sich jedoch ihr Leben dramatisch, obwohl es ihrer jüdischen Familie zunächst gelingt mit Hilfe von falschen Pässen unbehelligt in Nizza zu leben, fliegt die Tarnung 1944 auf und Simone wird mit einer ihrer Schwestern und der Mutter deportiert. Sowohl ihre Eltern als auch der Bruder überleben die Shoa nicht. Die Schilderung ihrer Kindheit und vor allem der Deportation und des Lebens in Konzentrationslagern ist sehr intensiv und nahegehend. Im Gegensatz zu dem späteren Abschnitt des Buches, indem es um die politische Laufbahn Veils geht, finden sich hier noch persönliche Erlebnisse und Einblicke in das private Leben. Je eingehender sich jedoch das Buch mit der politischen Karriere beschäftigt, desto mehr tritt das persönliche Umfeld in den Hintergrund, bzw. verschwindet komplett aus den Schilderungen. Ich möchte dies jedoch nicht als Kritik an dem Buch verstanden wissen. Der Titel "Die Autobiographie der großen Europäerin" ist insofern zutreffend, dass es mehr um die spannenden Kapitel der Entstehung einer gemeinsamen europäischen Politik geht, als um die persönlichen Befindlichkeiten der Autorin. Simone Veil heiratet früh, bekommt drei Kinder und ihr gelingt eine beispiellose Karriere: sie studiert Jura, wird Ministerin und schließlich die erste Präsidentin des Europäischen Parlaments. Die Einblicke in die politische Arbeit und das Zusammentreffen mit allen wichtigen Politikern der letzten Jahrzehnte sind äußerst spannend zu lesen. Wenn man auch nicht mit allen von Simone Veil geäußerten Meinungen einverstanden sein muss, (etwa die Beurteilung der Konflikte bei der Entstehung des Staates Israel, oder der Einschätzung der internationalen Rechtsprechung) so ist es jedoch sehr wohltuend auf klar formulierte Standpunkte zu treffen.
Ein unbedingter Lesetipp für alle politisch Interessierten und besonders für heutige Politiker, die sich dank Parteienkonformität und nächster Wahl nur so selten trauen, eine Meinung zu haben und sie auch noch zu vertreten. Interessant in dem Zusammenhang auch, dass Simone Veil außer einer sehr kurzen Episode nie Mitglied einer Partei war.
Vergil