Der Amoklauf von Bastian B. in Emsdetten ist erschreckend - einen Tag nach der Tat werden allmählich der Umfang und die ersten Hintergründe deutlicher. 37 Verletzte, einige davon schwer und Bastian B. tötete sich selbst: so könnte ein erstes Fazit aussehen.
Auf der anderen Seite betreiben viele direkt Kaffeesatzleserei in eigener Sache. In den Blickpunkt rückten im Laufe des Tages immer mehr "die Computerspiele", bzw. wie Politiker sie mit spitzen Lippen nennen und Journalisten gerne nacherzählen „Killerspiele“. Zuerst hatten viele noch den Eindruck, dass Medien und Politik zurückhaltender agieren würden als zuletzt beim "Fall Erfurt".
Aber mit der Tagesschau sind dann die Reaktionen wieder auf demselben (leider niedrigen) Niveau angekommen: Bilder aus Counterstrike, Stoiber und Co. die "Killerspiele" verbieten wollen. Interviews mit Gamern und unterschiedlich argumentierenden Wissenschaftlern und Grafiken (Immer an die Leser denken!).
Richtig erschreckend ist dagegen das Schicksal Bastian B.'s wenn man genauer hinschaut. Der 18-Jährige hat viele Spuren im Netz hinterlassen. Bei manchen muss man sicherlich vorsichtig sein, ob es sich wirklich um den Amokschützen handelt, aber es ergibt sich aus vielen Einzelteilen so etwas wie ein trauriges Puzzle einer wahrscheinlich nicht unüblichen juvenilen Einsamkeit, die der Jugendliche durch die Bild- und Symbolwelten von Computerspielen und Filmen ikonographisch und habituell unterstützt in Richtung eskapistischer Fantasien von Allmacht und Stärke umwandelte.
In diesem Puzzle spielen Computerspiele (wenn überhaupt) nur eine äußerst nachrangige Rolle. Im Zentrum steht ein junger Mensch, der sich seit Jahren nicht mehr ernst genommen fühlte, der das Gefühl hatte, keinen Platz in der Gesellschaft finden zu können, nicht dazu zu gehören, der das Gefühl hatte, dass ihm die normalen, gesellschaftlich anerkannten Wege der Teilhabe verschlossen seien.
Die Bildwelten und der Habitus martialischer waffenstarrender Inszenierungen als Variationen überlegener Coolness (verstanden als über den Dingen stehende Souveränität eines von den Dingen und der Welt unbeeindruckten, weil handlungsfähigen, agierenden, den Wirrungen der Welt nicht ausgelieferten, sondern diese Welt selbst steuernden Subjekts) wie mancher sie aus Filmen wie „Matrix“ oder "Fight Club" beziehen mag (nicht wenige der Selbstinszenierungen von Bastian B. auf Fotos und Videos mit schwarzem Mantel und Sonnebrille erinnern stark an den Matrix-Stil), machen die von manchen Jugendlichen empfundene indifferente Leere darstellbar (Dabei ist schon auffällig, dass es v.a. männliche Jugendliche sind, die diese expressiven Gesten und Posen der Alleinstellung, und Inszenierungen ihrer selbst als "einsam aber groß, wissend, anderen, dem gesichtslosen amorphen Mob überlegen, vertraut mit ganz besonders tiefgründigen seelischen Abgründen wählen, während Mädchen tendenziell eher mit stillen bulimischen und selbstverletzenden Verhalten den Druck ableiten.). Welcher heute Erwachsene hat nicht bei Pink Floyds „The Wall“ gemeint, es würde um sein persönliches Schicksal gehen, als würde das ganz eigene Nicht-verstanden-werden, das Gefühl eigene Individualität gegen eine opake Maschinerie empfundenes System oder Logik besungen?
Im Zentrum von Bastian B.’s Geschichte steht eine Schule, die er und die ihn nicht mehr erreichte und die nicht über die Ressourcen und die Ausbildung verfügte, all die Vorzeichen der sich abzeichnenden Entwicklung zu erkennen. Bastian B.’s Leben organisierte sich zunehmend um reale "Militärspiele" mit Paintball-Waffen, Online-Waffenkäufen, Depression und Aktivitäten im Netz. Zwischendurch scheint die Idee einer Karriere bei der Bundeswehr so etwas wie "Hoffnung“ auf einen gesellschaftlich normierten Lebensweg zu vermitteln. Am Ende seiner Geschichte steht ein Gerichtstermin wegen unberechtigten Waffenbesitzes, der sicher den Traum von der Karriere bei der Bundeswehr zerstört hätte.
Doch einen Tag vor diesem Termin handelte Bastian B. selbst.
Die Politik und auch die berichterstattenden Medien machen es sich zu einfach, wenn Sie in gewalthaltigen Computerspielen die Ursache für Amokläufe gefunden zu haben glauben. Sie erliegen der allzu einfachen Analogie der Bildschirmwelten und der Bilder aus der wirklichen Welt. Bastian B. hat sich der ihm zugänglichen Bilder, Gesten, Inszenierungen bedient, um sein jugendliches Gefühl indifferenter Traurigkeit, sein Außenseitertum in einer an Filmen geschulten Stilisierung zu einer Selbstinterpretation als „besonders“, „Stark nur allein“ umzudeuten und gerade darin Ausdruck zu verleihen. Wer meint nun dadurch, dass man die Bilder verbietet und ausmerzt, die hier diesem am Ende (selbst)zerstörerischen und nihilistischen Gefühl die Form gaben, auch die sich darin ausdrückende jugendliche Verwirrung, Traurigkeit, Verzweiflung abschaffen zu können, der täuscht sich.
Gerade der Abschiedsbrief von Bastian B. weist mehr als deutlich darauf hin, dass hier in einem komplexen Zusammenhang viele Dinge zusammenkommen. Mit dem Verbot eines Puzzleteils erreicht man sicherlich nichts.
Traurig ist auch wieder einmal das Agieren der "Medien" – Am Beispiel des Amoklaufes von Emsdetten kann wieder einmal exemplarisch das routinierte Arbeiten der Maschinerie medialer Verarbeitung von Themen verfolgt werden: O-Töne von Augenzeugen, Polizei, Schulkameraden, dann – in einem nächsten Schritt - Politikern, Wissenschaftlern (pro und contra) und Online-Gamern. Bebildert wird das Ganze mit den immergleichen Screens von Counterstrike, Grafiken und Statistiken undundund.
Man fragt sich, warum man nicht die ganzen alten Interviews, Diskussionsrunden, Artikel aus der „Erfurt“-Zeit wiederauflegt. So wie es niemanden gestört hat, als die damalige Neujahrsansprache von Bundeskanzler Kohl verwechselt wurde, würde es nicht wirklich stören, die alten Beiträge von Spiegel TV bis Frontal 21 wieder zu sehen und zu lesen: Die Redundanz der medialen Verarbeitung, deren einzige Leistung „Aktualität“ ist, also in der Form, das die Beiträge, Artikel und Interviews aktuell hervorgebracht wurden, trägt zum Erkenntnisgewinn nichts bei, verunklart eher, als das sie aufklärt.
Der Mangel an Informationsgehalt wird ergänzt durch mangelhafte journalistische Qualität: Verweise auf die Quellen, die überall in Spiegel, SZ etc. zitiert werden, fehlen. Quellenangaben bei denen man sich wirklich selbst einen Eindruck machen kann, findet man dagegen in vielen Blogs - ein Armutszeugnis für die klassischen "Online-Medien". Insbesondere, da die Ermittlungsbehörden nach und nach die Webseiten von Bastian B. abschalten, auf seiner Webseite stay-different.de liegt inzwischen eine .htaccess Datei der Polizei NRW.
Ein letzter Satz zu Computerspielen: Dass CounterStrike unserer Meinung nach keine ursächliche Beziehung bei Amok-Läufen hat, erspart uns nicht eine kritische Diskussion in der Gesellschaft, welche Bilder wir Kindern und Jugendlichen präsentieren wollen. In der Diskussion um gewalthaltige Bilder geht es immer auch um die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen.
Aber wir verwahren uns gegen den bisher wissenschaftlich nicht bewiesenen Ursache-Wirkung-Zusammenhang des Konsums von gewalthaltiger Medien und real ausgeübter Gewalt.
Sicher haben diese Medien in solch tragischen Geschichten wie denen von Littleton, Erfurt und auch Emsdetten ihren Platz – aber man täuscht sich, wenn man meint, mit einem Bilderverbot die todessehnsüchtige Traurigkeit von Jugendlichen per Gesetz abschaffen zu können. Wir müssen daran arbeiten, ein gesellschaftliches Klima – im Großen wie im Kleinen – zu schaffen, dass nicht derartig vom Wettbewerbsprinzip durchwirkt ist, dass manche das Handtuch werfen, bevor sie überhaupt an den Start gegangen sind, das nicht von der permanenten Drohung des Herausfallens aus der Normalgesellschaft geprägt ist, ein Klima schaffen, dessen Hauptmerkmal nicht Sorge und Angst ist (die sich z.B. auch in einer stärkeren Neigung zu politischem extremen Ansichten auswirkt), sondern in dem die Botschaft lautet „Jeder ist wichtig, auf Dich können und wollen wir nicht verzichten.“
Es ist wahrscheinlich für die sich in der medialen Verarbeitung und in der politischen Dramaturgie formierenden Öffentlichkeit leichter, mit dieser Gesellschaftssphäre eigenen Mitteln zu reagieren (gesetzliche Regelungen fordern, an der Oberfläche bleibende öffentliche Debatten symbolisch führen – denn in den Zeitungen und Talkshows finden ja keine Debatten statt sondern Auftritte der immerselben „Experten“, die uns mit ihren bekannten Gesichtern beruhigen und mit ihren uns bekannten Standpunkten beruhigen), während das, was hier gefordert ist, von Öffentlichkeit nicht geleistet werden kann, weil es privat bleiben muss: Das Gespräch, die Geste zwischen Menschen.
[Letztes Update: 22.11., 13:20]
Wir aktualisieren die Linkliste fortlaufend, da leider an vielen Ecken im Netz momentan "Spuren beseitigt" werden. Es bewahrheitet sich allerdings: Was einmal im Netz steht, kriegt man so schnell nicht mehr gelöscht.
Weitere Informationen: Spuren im Netz
Beachten Sie zu dem Thema auch weitere Berichte bei reticon.de:
Weitere Informationen: Reviews
Kommentare