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radio aporee maps – die akustische Weltkarte

reticon-Report von Ralf Kellershohn -- [16.09.2009]

Seit es das Internet gibt, entstehen permanent neue Programme. Eine Form neuer Anwendungen sind sogenannte „Mash Up“s. Dabei wird eine existierende Anwendung modifiziert, um deren Grundfunktion in einem neuen Rahmen für einen neuen Zweck zu nutzen.

Ein Beispiel dafür ist „radio aporee ::: maps“. Das Non-Profit-Projekt ermöglicht Usern, selbst angefertigte Tonaufnahmen aus Natur und Umwelt auf eine angepasste Version von Google Maps hoch zu laden und zu verschlagworten. Auf diese Weise entsteht eine Weltkarte akustischer Orte.

Kein "Google Streethear"

Wie bei Google Maps können über ein Eingabefenster gezielt Orte gesucht werden oder mittels der Navigation in die Karte eingezoomt und hin- und hergefahren werden. Rote Punkte markieren Orte, zu denen bereits Audios hochgeladen wurden und zur Verfügung stehen. Klickt man einen roten Punkt an, spielt die Webseite den zu diesem Ort hochgeladenen Sound ab. Zudem erscheinen weitere Erläuterungen zu der Aufnahme, sofern diese von der Person, die die Aufnahme hochgeladen hat, eingegeben wurden. Sounds können auch nach Schlüsselbegriffen gesucht, in endloser Folge per Zufallsgenerator abgespielt werden u.v.m.

Die Aufnahmen werden direkt über die radio aporee ::: maps hochgeladen: Über ein Eingabefenster kann ein bestimmter Ort gesucht und angeklickt werden. Daraufhin öffnet sich ein einfacher Upload-Dialog. Die Audio-Datei wird auf dem eigenen Rechner angewählt und hochgeladen. Der User wird gebeten, eine E-Mail-Adresse anzugeben, an die nach einer Prüfung der Sounds ein Link geschickt wird. Über diesen wird die Aufnahme auf den Maps freigegeben. In einem einfachen Editor können die Aufnahmen mit Zusatzinformationen versehen werden.

screenshot von http://aporee.org/maps
Rote, pulsierende Punkte markieren Orte, an denen Sounds hochgeladen sind.
Man kann direkt nach Orten und Sounds suchen oder über die Karte scrollen.


Und wozu das Ganze? Dem Erfinder und Betreiber des Projekts, Udo Noll, geht es nicht darum, eine Art „Google Streethear“ zu erzeugen. Während das Projekt „Streetview“ des kalifornischen Suchmaschinenbetreibers mit inventarischem Vollständigkeitswahn angetreten ist, die Welt, „so, wie sie ist“, abzubilden, zu speichern und verfügbar zu machen, weist der Kölner Medienkünstler im Gespräch mit reticon schon die Vorstellung von der Objektivität der Welt zurück.

Die Aufnahmen spiegeln die individuell unterschiedlichen Zugänge zur Welt wieder.“, so Udo Noll. Natürlich gebe es Aufnahmen, die den Charakter „akustischer Postkarten“ hätten: Das Geläut von Big Ben oder der in den Bahnhof einfahrende Orientexpress. Aber es seien v.a. die Kleinigkeiten und „unerhörten Dinge“, die auf den Aporee-Maps vorherrschten. Ungewöhnliche Geräusche von Orten, Dingen und Vorgängen, denen normalerweise kaum Aufmerksamkeit geschenkt wird.

opera aperta

Die Aporee-Maps bieten den Geräuschen eine Bühne, auf der sie wie durch ein akustisches Vergrößerungsglas erscheinen.“, erklärt Udo Noll. Durch die dekontextualisierte Präsentation werde aus dem Hören ein Hin-Hören, ein Lauschen.

Das Spannende an diesem Vorgang ist, dass durch die Überlagerung zweier Medien von vermeintlicher Exaktheit – der Karte und der digitalen Aufzeichnung – eine neue Unschärfe und dadurch Freiheit entsteht.“ Der Nutzer höre Geräusche, wie z.B. das zirpende Klackern einer flackernden Neonröhre in einem Hotelzimmer in Laos, – und versuche diese zu dechiffrieren, verknüpft diese mit seinen Erfahrungen. Dadurch werde ein Prozess in Gang gesetzt, der aus der reinen Rezeption eine Kreation mache, erklärt Udo Noll.

Um dieses Moment der vom Nutzer in die Geräusche hineingetragenen Interpretation zu verstärken, hat der zwischen Köln und Berlin pendelnde Klangnetzwerker die Aporee-Maps noch mit weiteren Funktionen ausgestattet: So können beispielsweise bis zu drei Geräusche vom User parallel gemixt werden. Dies ermöglicht abenteuerlichste akustische Gleichzeitigkeiten, wenn etwa Fußstapfen durch den Schnee im nördlichsten Finnland mit dem Geräusch einer Fritteuse in Bankok und dem Röcheln einer Kaffeemaschine in Buenos Aires gemischt werden. Die sich einstellenden Hörerlebnisse  bekommen dadurch die Qualität experimenteller Hörspiele – und der Nutzer wird wieder zum Gestalter.

radio aporee ::: maps
Im Mix-Modus können bis zu 3 Aufnahmen gleichzeitig abgespielt und zu einem
gemeinsamen neuen Klangbild vermischt werden.


Aber nicht nur über den Computer können Sounds hochgeladen werden. Das Telefon spielt eine wichtige Rolle: Zum Einen können Sounds via Telefon hochgeladen werden. Das Projekt hat eine Festnetznummer, über die Nachrichten hinterlassen werden können, die automatisch mit dem Ort verlinkt werden, von dem der Anruf kam.

Mit einem Internet- und GPS-fähigen Mobiltelefon kann man akustische Wanderungen entlang der Aporee-Sounds machen: „Die Webseite lokalisiert den Ort des Anrufers und spielt die jeweils nächstgelegenen Sounds ab und mischt je nach Bewegungsrichtung die nächstnäheren Sounds ein.“, erklärt Udo Noll. So ergibt sich eine Art kontinuierliche, akustische Erfahrungsreise, bei der sich die Orte, an denen sich die Hörer physikalisch aufhalten mit dem Sound der Aporee-Maps überlagern – „als bekäme man eine akustische Flaschenpost von einem anderen Zeitort“, schmunzelt Noll.

radio aporee ::: maps ist ein fortlaufendes, zweckfreies Experiment, das Brückenschläge zwischen Hörspiel, Klangkunst und Internet versucht. Kein Wunder, dass schon BBC und Deutschlandfunk Interesse zeigten, deutet sich hier doch eine neue Form an, Radio und Internet auf eine andere Art zu verbinden, als lediglich produzierte Sendungen online nachzuhören und Programmhinweise zu lesen.
Aber Udo Noll wacht sorgsam über „sein Baby“. Sein Ziel ist nicht, aus den Aporee:Maps ein Produkt zu machen, sondern immer den Freiraum zu haben, interessanten Ideen nachzugehen und neue Entwicklungen auszuprobieren.

Eine Leidenschaft, die zunehmend Anhänger findet: Seit dem Start von radio aporee ::: maps 2007 wurden mehr als 4800 Aufnahmen von über 3600 Orten hochgeladen.

Im Rahmen des Kölner Architekturfestivals "plan09" präsentiert der Kunstraum 22 radio aporee ::: maps zwischen dem 26. Spetember und 2. Oktober mit einer klingenden Fensterinstallation und einem vielfältigen Programm.

Weitere Informationen

http://aporee.org/maps

www.plan-project.com

"Neurosen der Präzision" - aporee-Betreiber Udo Noll im Gespräch mit reticon

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