Während die journalistische Verarbeitung des Amoklaufs nach bekannten Muster routiniert abläuft und uns daher absehbar erkenntnisfrei zurücklassen wird, bevor wir die nächste Sau durchs Mediendorf treiben (erinnert sich noch jemand an die "Armuts-Debatte"?) widmet sich der Spiegel wie üblich der harten journalistischen Arbeit und informiert uns in einer unaufgeregten, dem Boulevard entgegengesetzten, allein an der Information interessierten Überschrift: "Amoklauf tötete sich mit Schuss in den Mund". Aha.
(Quelle: Screenshot Spiegel-Online)
Der 18-Jährige hat sich nicht das Leben genommen, umgebracht oder (wenn man es denn logistisch präziser haben will) erschossen. Nein, er hat sich in den Mund geschossen! Und zwar "mit einem 15-Millimeter-Vorderlader"!! Soso. Warum kein Interview mit der Putzfrau "Ich musste sein Gehirn aufwischen." bebildert mit Fotos vom Putzlappen?
Geht es dem Spiegel um diesen Eindruck einer coolen, auf logistische Details fixierten Informiertheit oder doch eher um den Schauer- und Gruseleffekt, den diese, auf die Vorstellung des in der Überschrift beschrieenen Anblicks abzielende Information bewirkt? Nur BILD würde weiter gehen und das Foto des toten Amokläufers bringen.
Es wird deutlich: Der Stil hat Methode. Spiegel-Online setzt immer wieder auf quotensteigernde, den Voyeurismus bedienende Effekte in Text und Bild, wie man es eigentlich nur vom Boulevard kennt (sei es, dass der Stern JEDES Thema mit einer nackten Frau auf dem Titel umsetzt, sei es, dass Bild immer im Zweifel für die Publikation votiert). So zeigte Spiegel-Online vor Monaten Bilder von der Leichenschändung in Falludscha.
So kann man nachhaltig Glaubwürdigkeit abbauen.
Siehe zu dem Thema auch:
Sonntags bei Spiegel-Online
Beachten Sie auch unseren Report:
Wieder Debatte um Computerspiele nach Amoklauf von Emsdetten
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