
Wann wird in Artikeln über Computerspiele eigentlich der Satz unmöglich geworden sein, dass "mittlerweile die Computerspielindustrie mehr Umsatz macht, als die Filmwirtschaft"? Das wird wohl noch einige Weile dauern. So wird uns diese, seit mittlerweile zehn Jahren in der Berichterstattung über Computerspiele beharrlich als staunenswerte Erkenntnis herumgereichte Ansage auch in den Artikeln aus Anlass der Game Convention in Leipzig serviert. Gähn.
Wenn sich ehemalige Magisterstudenten im Feuilleton mit Computerspielen beschäftigen, dauert es zumeist nicht lang bis Begriffe und Formulierungen wie "schöne (alternativ: wunderbare) neue Welt", "hacken", "Multimedia-(Hochleistungs-)Rechner", "Killerspiel" (Wahlweise: „Ballerspiel“) oder das ewige "daddeln" fallen und Namen wie "Homo Ludens (oder: Huizinga)", Kracauer (Die Errettung der Wirklichkeit"), Benjamin ("Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit") abgerufen und Analysen unter Rückgriff auf, an den Medienerfahrung dieser schreibenden Journalistengeneration gewachsenen Kategorien -und das sind zumeist als äußerste Medienkompetenz: Kinofilme, die jedoch mit literaturwissenschaftlichem Blick gelesen oder mit philosophischem Blick gesehen werden- gedrechselt werden. Wie z.B. die FAZ:
"Heidegger wäre eine Spielkonsole nicht in die Seinshütte gekommen. Im Zeugzusammenhang von Kabelsalat und Displays, Funktionstasten und Steuerknüppeln hätte der Philosoph nur die Auswüchse höchster Seinsvergessenheit erkannt. Seit es Computerspiele gibt, stehen sie unter dem Generalverdacht leerer Zeitfresserei, gelten als billige Surrogatwelten, bevölkert von minderwertigen Daseinsformen. Daß es in den Konsolen vor prallem Leben wimmelt, daß die animierten Charaktere längst beseelte Wesen sind, davon dringt immer noch wenig an die Außenwelt." (Lesen Sie den ganzen Artikel "Unsere Welt im Zugriff der Konsole" in der Online Ausgabe der FAZ)
Das jedem Massenmedien-Kurzschluss ein zusammenge-O-tonten Titel beihechelnde Boulevard Magazin "SPIEGEL" (In der Katholizismus-Ausgabe Nr.33 erklären uns die notorischen Statement-Promis, wie sie es mit der Religion halten. Darunter die ewige BRIGITTE-Ikea-TCM-Rotlocke Alexa Hennig von Lange. Schreibt sie eigentlich noch etwas, oder bekommt sie nur noch Kinder, schirmherrt zu jeder ansatzweise wohltätigen Aktion und O-tont zu jeder ihr hingeworfenen Schlagzeile?) beglückt uns mit einem alliterativ überschriebenem Artikel ("Kulturkampf im Kinderzimmer") aus dem Phrasen-Basis-Kit, den seit Erfurt jeder Journalist, der über Computerspiele schreibt, parat haben muss:
Fraggen, Baller(Killer-)spiele, LAN (-party), Netzwerk, Medienwirkungsforschung, Prof. Dr. Jürgen Fritz/Prof. Dr. Werner Glogauer (Wie sagt Yoda so richtig: "Immer zu zweit sie sind"), US Armee, (Killer-)Konditionierung, Game over (handschriftliche Notiz: für Artikelschluss aufbewahren!), Mods, Patches, Cheat, Level, digital, zocken, Clan, usw.
Texte über Computerspiele scheinen aus rorschachtestreflexartig hergestellten Verbindungen zu bestehen: Wenn von "DIE SIMS" die Rede ist muss erstens der Begriff "Puppenstube" oder "Puppenstubenwelt" fallen und zweitens erwähnt werden, dass es "das am meisten verkaufte Computerspiel aller Zeiten" ist.

Wenn es um Ego-Shooter geht muss das Wort Killer, Ballern oder Terminator fallen: "Der Spieler schlüpft in die Rolle eines Terminators" (Rambo" funktioniert schon lange nicht mehr als Begriff. Bzw. Rambo verwendet der Journalist an sich lieber in Zusammenhang mit Artikeln über Schulhofprügeleien, Autobahnraser, toughe Typen aus Politik, Sport und Kultur).
Auch wenn sie nicht ausdrücklich hingeschrieben werden - bei Artikeln über Computerspiele hört man förmlich das sich über die eigene Formulierschalkhaftigkeit freudig räuspernde "Höhöhö", die gedachten Anführungsstriche, wenn ein Autor vom "digitalen (wahlweise: virtuellem") Lagerfeuer" schreibt, um das sich die jungen Spieler, pardon: GAMER oder "Gamer" sammeln. "Bin ich nicht ein Essayist, ein moderner Montesquieu, ein töfter Tucholsky, ein krasser Karl Krauss? Habe ich wider Erwarten meiner Eltern meine Studienzeit, zahlreichen Kino-Gänge, CD-Käufe und WG-Gesprächsstandards mit 34 doch noch in eine hippe berufliche Existenz gewendet?" POP LITERAT! POP LITERAT! Blinkt die rote Lampe.
Der coole Netz- und Gamer-Experte schreibt Begriffe wie Gamer natürlich eben nicht in Anführungsstriche. Dies ist ein Terminus Technicus und gehört zu seinem normalen, seine Kompetenz und Themenvertrautheit und Szeneintegration anzeigenden Sprachgebrauch. Ebenso verwendet er eher umgangssprachliche Begriffe wie zocken oder ballern ebenso ohne Anführungsstriche und selbstverständlich wie seine Seriösität signalisierende und für den Rezeptions-, Einordnungs- und Bewertungsapparat der Alten (der älteren Kollegen, der Eltern, der Politiker und all derjenigen, die die Zugangsquotierung zu den Futterstellen, den redaktionellen Aufträgen, den Festanstellungen regulieren) anschlussfähige Begriffe wie Wachstumsindustrie (der z.B. ökonomischer und also adulter daherkommt als Spieleindustrie, der eher für Artikel in der BRIGITTE reserviert bleibt).
Es ließe sich sicher eine Routine programmieren, die aus den o.g. Vokabeln und Standardfloskeln per Knopfdruck immer neue Artikel permutiert. Dann bliebe auch mehr Zeit zum Zocken.
Gute Bücher zur Computerspielekultur sind nach wie vor u.a.
Konrad Lischka "Spielplatz Computer. Kultur, Geschichte und Ästhetik des Computerspiels"
Mathias Mertens, Tobias O. Meißner "Wir waren Space Invaders"
Claus Pias "Computer Spiel Welten"
Lesen Sie auch das reticon-Interview "...einmal schwein sein.." mit der Pädagogin und Computerspieleforscherin Tanja Witting zu den SIMS.
Lesen Sie auch das reticon-Interview "Die SIMS als Text" mit der Medienwissenschaftlerin Susanne Eichner.
Wolfgang Funke