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Österliche Gedanken zur Wiederauferstehung aus dem Kleiderschrank

reticon-Report von Ralf Kellershohn -- [17.04.2006]

Es gibt diese Unterteilung in unserem Kleiderschrank, die die Klamotten in drei Sorten unterscheidet: Die geliebten, neuen, schicken Sachen, die man wie ein Diadem spazieren trägt, weil man meint, dass sie die eigenen Vorzüge ebenso unterstreichen, wie sie Nachteile (drittes Bein, Medizinball unterm Pullover) verschwinden lassen.

Dann die ehemals geliebten, nicht mehr neuen Sachen, die einfach nur im Schrank liegen, zu Schlafkleidung oder Maler-/Renovierungsklamotten degradiert werden und die Retro-Klamotten, die aus diesem Status der Vergessenheit und Geringschätzung reaktiviert, zur zweiten Haut werden. Sie sind wie ältere Leute, die nicht mehr im Rat Race mitlaufen müssen. Sie müssen niemandem mehr etwas beweisen, haben ihre Meriten schon erworben und gewinnen durch langen Atem.

Das Neue ist v.a. schnell alt. Die alten Klamotten liegen im Schrank und wissen, dass den Hot Shots, den Stars im Kleiderschrank, bald der Glanz abhanden kommt. In der immer schnelleren Konjunkturfolge der Primer inter Toga sind. Dann schlägt die Stunde der alten Bekannten. Der alte Kapuzenpulli (a.k.a. "Eumel"), das olle T-Shirt.

Man zieht es über, wenn man am Wochenende einen Dress braucht, der einen bedeckt, aber nicht "unter" der Woche (warum eigentlich "unter"?) gebraucht wird, so dass man dieses Kleidungsstück, das T-Shirt die Jeans unbesorgt vollschwitzen und -kleckern kann. So verhalten sich die Stars des Kleiderschranks zu den stillen Clothings der zweiten Reihe wie die Schauspieler in Hollywood: Stars wie Tom Cruise und Julia Roberts mögen sich der besonderen Aufmerksamkeit gewiss sein; die Stars der zweiten Reihe, wie Tom Sizemore, Steve Morse, Phillip Seymour Hoffman, Phillip Baker Hall, usw. sind allerdings in jedem 2. Film präsent und uns somit vertrauter, näher als die entrückten Heroen der Leinwand. Diese verehren wir, aber sie sind uns auch fremd, wie wir sie auch fürchten, weil sie uns in ihrer Perfektion und Makellosigkeit immer auch der Spiegel unserer Gewöhnlichkeit vorhalten. So schätzen wir insgeheim eher die 2. Reihe, weil sie uns ein OK-Gefühl gibt.

So ist es auch mit Klamotten. Zwar werden die Könige der Kleiderbügel besonders gepflegt und sorgsam behandelt. Die alten Recken, Fetzenjeans, Gammel-T-Shirts, die schon einiges gesehen haben, mit uns durch einiges hindurch gegangen sind, sind uns vertrauter, näher, weil sie uns in unserer ganzen Unverstellten Echtheit kennen: Schwitzen, Kleckern, abwischen. Sie sind wir alte Songs, die vor Jahren zentrale Punkte unseres Selbstverständnisses formulierten, dann aber ihrer Eingängigkeit und also dem Vergessen zum Opfer fielen (bzw. der Eingängikeit neuer Songs) und wenn man sie Jahre später wieder hört, ein angenehmes Wiedersehensgefühl bereiten.

In der Evolution des Kleiderschranks durchlaufen alle Exponate diesen Zyklus. Das kann beim Klamottenkauf schon melancholisch stimmen, weil man dem gerade noch hymnisch als die Antwort auf die Frage nach DEM textilen Fuckability-Booster für die anstehende Partysaison begrüßten Oberteil, schon seinen Wertigkeitsverfall ansieht. In allem Glanz  kündigt sich bereits das Welken an. Miau!

Eine Freundin hat ein T-Shirt mit langen Ärmeln, das sie als Schlaf-Shirt benutzt. Vor mehr als 10 Jahren hatte sie dieses Shirt bei ihrer mündlichen Abiturprüfung an! DAS muss man sich mal reinziehen - vom Kleidungsstück, das als angemessen genug für die, zu dem Zeitpunkt, wichtigste Prüfung bewertet wurde, zum egalsten! Aber nicht egal im Sinne von Geringschätzung. Vielmehr will man nachts, im Bett v.a. etwas anhaben, das warm ist, weich, ein derartiges Wohlgefühl erzeugt, dass man sich so sicher und aufgehoben fühlt, dass man die äußeren Alarm-Systeme beruhigt runterfährt. Das kann nicht jedes Shirt!


Wenn wir uns aufbrezeln und schick machen, bewegen wir uns, als balancierten wir ein Glas Wasser auf dem Kopf. Wir tragen die Kleidung. Im wahrsten SInne des Wortes. Wir tragen sie spazieren und sind dabei not ourselves. Wir nutzen sie um anzuzeigen, was wir gerne sein wollen, als was wir gerne wahrgenommen werden wollen.

Aber was wir WIRKLICH sind, wie wir uns WIRKLICH bewegen, ohne Restriktionen eines enggeschnittenen Rocks, eines teuren Hemds - das weiß nur die Fetzen-Jeans, das Schlabber-Shirt, der Maler-Pulli, die Garten-Jacke, das Outfit, das wir am Sonntag, am Feiertag tragen.  Wenn wir zum Büro fahren, auf eine Party gehen, uns zum Kino verabreden - für all diese Gelegenheit haben wir mehr oder weniger bewusst ausformulierte Dresscodes, in denen niedergelegt ist, was wir von uns selbst denken, in welcher sozialen Preisklasse wir uns einstufen, was wir an dem jeweiligen sozialen Ort erreichen wollen, wie wir wahrgenommen werden wollen. Je nach Rolle, die wir ausfüllen, wählen wir eine Verkleidung. Was wir aber wirklich sind, wenn wir uns all der unterstellten Erwartungen, der sozialen Bezüge, Normen und Rollenkonventionen entledigen - das weiß nur das Feiertagsoutfit.



Wir erwarten keinen Besuch, müssen nirgendwo hin - also wählen wir das, was uns das angenehmste Gefühl vermittelt. Den Schlabberpulli, die vom Hund zerkauten Hausschuhe, die Lieblingsjeans.
So eine Jeans ist meine feel-good-(at-home)-Fetzenjeans. Bald ist sie aufgelöst und ich muss in meinem Kleiderschrank nach einem Nachfolger suchen.

Die Jeans ist tot.

Lang lebe die Jeans!

 

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