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OECD Bildungsbericht. Dicker Mann - was nun?

reticon-Report von Ralf Kellershohn -- [18.09.2007]

Es ist ein altbekanntes Stück: Eine Studie erscheint, die in irgendeiner Form die Mängel, ja das Scheitern des deutschen Bildungssystems belegt. Politiker erklären daraufhin in wohltemperiertem Pressemitteilungssprech, dass man die Hinweise ernst nehme, es viel zu tun gebe, man aber auf einem guten Weg sei - dazu werden dann einige Zahlen, Projekt- und Programmtitel zitiert, die zuvor eifrige Beamte und Referenten als Belege für die Minister zusammenschreiben mussten.

Dann rauschen einige Tage Kommentare durch die Zeitungen. Wenn eine Studie (Pisa, abgehängtes Prekariat) oder ein Ereignis (Rütli), die geeignet sind, eine Aussage über das Bildungssystem zuzulassen, den Normalwert der gegenwärtig gängigen Aufmerksamkeitsschermgrenze überschreitet, gibt es vielleicht einige Wochen Artikel, Sondersendungen im Fernsehen oder sogar einen eilig einberufenen Gipfel (Migration), runden Tisch (Medien und Gewalt, Teuro) oder eine Expertenkomission.

Bundesbildungs-, pardon: FORSCHUNGSminsterin Schavan kündigte denn auch prompt einen "Bildungsherbst" mit einer "intensiven Debatte über Fakten und Strategien" an. Na, Mazeltov

Bild: www.sxc.hu Mit all dem ist nach der Veröffentlichung des neuerlichen Berichts "Bildung auf einen Blick" (Education at a glance) 2007 der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) nicht zu rechnen. Sicher werden die Kommunikationsroutinen reflexhaft abgespult. Verbände räuspern sich, Zeitungen machen Themenschwerpunkte, die Anne-Will-Redaktion zimmert schon an der Gesprächsrunde für kommenden Sonntag (Anmoderationsvorschlag: "Bill Gates hat es getan, Heike Makatsch und Günther Jauch ebenfalls. Sie alle brachen das Studium vorzeitig ab – und sind nun erfolgreicher denn je. Die Hoffnung, dass aus all den Studienabbrechern in Deutschland Schauspieler, Fernsehmoderatoren oder Firmengründer werden kann die Bundesbildungsministerin nicht beruhigen..."). Aber es ist eine Debatte, die wieder mal nur in der kleinen Blase der publizistischen Öffentlichkeit stattfindet. Die Karawane zieht weiter.

Zu sehr haben sich die Deutschen mittlerweile an die Botschaft gewöhnt, dass das Bildungssystem schlecht und ungerecht sei, dass jeder für sein Fortkommen selbst zu sorgen habe, man am besten ab dem 7. Lebensjahr ein Parallelleben als Praktikant aufbaut, um als 24jähriger Mensch mit mehreren Studienabschlüssen, langjähriger Berufserfahrung und alternativen Stationen im Lebenslauf (Ehrenamt, Ausland, Musikinstrument) dann doch in der seriellen befristeten Beschäftigung zu veröden und sich dann noch anhören zu dürfen, dass man sich gefälligst fortzupflanzen und niederzulassen habe, dabei aber bitte schön flexibel bleiben möge.

Das Publikum hat sich seit dem Ende der Ära Kohl defätistische Mahnungen und Abreibungen anhören dürfen und die Rede von der allumfassenden Rückständigkeit an all jenen Bereichen, in denen man besonders hervorragend zu sein sich bislang rühmte - Wirtschaft, Bildung, Fußball - verinnerlicht.

Insbesondere Wirtschaftslobbyisten nahmen die ohnehin für Schwermut und Selbstzerfleischung anfälligen Deutschen unter das Trommelfeuer von Horror-Diagnosen und Gardinenpredigten von Reformstau, enger zu schnallenden Gürteln und Reformunfähigkeit, um die Bevölkerung für die Annahme eine arbeitgeberfreundliche Agenda sturmreif zu schießen, die - das ist die Ironie der Geschichte - ausgerechnet von der Sozialdemokratie in Angriff genommen wurde.

Wie ein weichgeprügelter Preisboxer in der zehnten Runde steht der deutsche Michel "punch drunk" in der Ecke, bereit jede noch so unsoziale Maßnahme, die mit modernistisch aufgeforsteter Sprache (innovativ, transparent, flexibel) verkauft wird, hinzunehmen, unfähig die Arme zur Abwehr zu heben, zu den geringsten Gesten des Aufbegehrens nicht mehr bereit, sondern letargisch Siemens-Skandale hinnehmend, sich nach der privatistischen Ruhe des Heims, dem geordneten Leben sehnend, in Depression, Anomie, Parteienfrust und Anfälligkeit für Radikalismen verfallend.

Und jetzt also wieder mal die Bildung. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Bildungssystem in Deutschland wie ein steuerloser Kahn vor sich hindümpelt. Dies hat das Vorankommen aufgrund der sehr guten Ausgangsverfassung einige ganze Zeit nicht beeinträchtigt, wird jedoch mittlerweile an allen Ecken und Enden bemerkbar: Nicht integrierte Migrantenkinder, starke soziale Abhängigkeit des Bildungserfolgs, eine permanent steigende Zahl von Schulabbrechern, Lehrstellenanwärter, die kaum lesen und schreiben können - Rütli, Erfurt, Hildesheim heißen die Leuchttürme der Gewalt in Schulen, des Versagens, der Bankrotterklärung und Kapitulation.
Während die politische Administration sich in der Verwaltung des Stillstands ergeht, verbarrikadiert sich das kleiner werdende akademische Milieu in Privatschulen und sanierten Altbauwohnungen und baut den Kulturkapitalvorsprung weiter aus.

Deutschland hat die Hausaufgaben der vergangenen Jahre nicht erledigt und versäumt, Weichen zu stellen, tätig zu werden. Scheinbar ist der "Tanker Deutschland" mit seinem Geflecht aus Parteien, Ministerialbürokratie, Verbänden und föderalen Körperschaften zu unflexibel, um reagieren zu können, zu träge, um in irgendeiner Form überhaupt tätig zu werden.

Staunend und neidvoll blickt der "dicke Mann Deutschland" über den Zaun und sieht den schlanken beweglichen Nachbarn beim Sport zu und seufzt "Ja ... wenn ich schlanker wäre, würde ich auch so schön auf und ab springen...aber so fett, wie ich bin, wird das ja nie was... was ich alles machen müsste, um nur annähernd so beweglich und schlank zu werden" und nimmt dies als Rechtfertigung liegen zu bleiben und weiter Chips und Pommes zu essen.

Die kleineren, wendigeren Gesellschaften der Niederlanden, Finnland, Schweiz oder der zentralisierter organisierten Nachbarn Frankreich und England scheinen eher in der Lage zu sein, konzise Entscheidungen, die nicht in dem Versuch der Berücksichtigung breitester Interessengruppen verwässern und in Wirkungslosigkeit sich auflösen, zu treffen und in spürbaren Abständen umzusetzen.

In Deutschland gibt es v.a. eine eingespielte Routine des politisch-publizistischen Apparates, die den Eindruck der Simulation von politischen Handeln erzeugt und nicht vielmehr als Pressemitteilungsphrasen und wohltemperiertes "einerseitsandererseits...bereits auf einem guten Weg...Herausforderungen bleiben ...insgesamt aber gut aufgestellt.." zu bieten hat.
Bei der Veröffentlichung des OECD-Bildungsberichtes 2006 erklärte die damalige Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Ute Erdsiek-Rave (SPD), "dass sich unsere Bildungspolitik in die richtige Richtung entwickelt".

In dem Bericht war beklagt worden, dass die Anteil der Ausgaben für die Bildung am Bruttoszialprodukt in Deutschland signifikant unterdurchschnittlich sind, dass die Abhängigkeit des Bildungserfolgs von der sozialen Herkunft nirgends so stark sei wie in Deutschland, dass die Integration der Migranten nicht gelingt usw.

Nur in der auf Sieger-Botschaften gepolten Kommunikations-Logik des Politbetriebes (bei der selbst die desaströseste Wahlniederlage durch Bezug auf einen noch so entfernt gelegenen Referenzpunkt in einen Sieg umgedeutet wird) erschließt sich, wie unter solchen Umständen von einer Entwicklung in die richtige Richtung, einer guten Aufstellung oder der Befindlichkeit auf einem guten Weg die Rede sein kann.

Sicher ist auch eine Ministerin Gefangene des gewaltigen bürokratischen Apparates, dem sie vorsteht und Opfer ihres Terminkalenders, der ihr allerhand Durchschneiden roter Bänder, Händeschütteln und das Drücken roter Knöpfe abverlangt. Aber können und wollen wir uns dem fatalistisch ergeben? Wollen wir weiter auf der Couch liegen bleiben und nur davon träumen, unsere Zehenspitzen wieder berühren zu können?

Falls Deutschland nicht bald die Chips zur Seite legt und sich von der Couch erhebt, wird es nicht viel Mühe machen, schon jetzt die Schlagzeilen des OECD-Bildungsberichte der nächsten Jahre vorherzusagen.

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