Im Jahr 2007 erklärte das Time-Magazine den Leser zur Person des Jahres. Es ist das "Mitmach-Web", das Web 2.0, welches
mit seinen immer neuen Programmen und Nutzungsformen, die den Leser zum Nutzer
und ultimativ zur Hybridform des Prosumers (teils Produzent, teils Konsument) umformt. In
Foren, Kommentarfunktionen und Online-Abstimmungen drängt sich das
amoprhe Publikum als virtueller Schwarm steuernd in die Regulierungsprinzipien des Medienkreislaufs. Im Prinzip Link, Tag und Trackback spiegelt sich die immer stärkere
Bedeutung der Einflussnahmemöglichkeiten eines virtuell rückgekoppelten
Publikums, das via Blogs und YouTube gleich selbst zum
Erzeuger und Star werden kann.
"You are the record company"
Ein
neues Beispiel einer alternativen Organisationsform eines Kulturbereichs, namentlich der Musikindustrie, durch internetvermittelte Usereinbindung ist die Webplattform
"Selleaband". Sellaband (von englisch "sell a Band") ist eine
webvermittelte plebiszitäre Plattenfirma, bei der Besucher in unbekannte Bands und Musiker investieren können. Online kann die Musik angehört und der Künstler per Mausklick mit 10$ unterstützt werden.
Sobald ein Künstler einer solchen Internet-Auktion 50.000$ zusammen hat,
geht es ins Plattenstudio, wo eine professionelle Aufnahme erstellt
wird.
Vom Crowdsourcing zu Crowdfunding
Die Besucher, die "Believer" (im Unterschied zu den Artists) haben von der ganzen Veranstaltung die persönliche Befriedigung "ihrem Künstler" geholfen zu haben und
erhalten eine Limited Edition der produzierten CD. Und es gibt auch etwas zu verdienen. Wie bei fast allen Internet-Modellen, basiert auch hier das Geschäftsmodell auf Werbung: Die 2006 gegründete Webseite teilt die
Einnahmen aus Werbung und Musikverkauf zwischen Künstlern, Believern
und Seitenbetreibern geteilt. So verbindet Sellaband die Dimensionen des Empfehlungsmarketings mit denen
des Kleinstkredits.
Dieses Prinzip des Crowdfundings ist bereits aus anderen Sparten, wie der Filmbranche bekannt. Es ist das Internet, dass solche Verläufe ermöglicht: Eine Internetseite oder ein Blog ist schnell aufgesetzt. Einmal in die richtigen Kommunikationskanäle eingespeist, kann jede/r Kreative seine/ihre Idee ventilieren und darauf hoffen, dass er/sie UnterstützerInnen findet. Ein Prinzip nach dem auch Nicholas Negroponte seine OLPC-Initiative, in deren Rahmen das 100-Dollar-Laptop entsteht, aufsetzt.
"It's up to you"
Der Aufstieg des Internets als Ausgangspunkt verschiedenster Angriffe auf den etablierten popkulutrellen Verwertungsbetrieb ist mit dem Niedergang einer nach den industriellen Produktionsprinzipien der 90er Jahre arbeitenden Medienindustrie verbunden, die sich seit Jahren unfähig zeigt, innovative Antworten auf die Herausforderung des Internets zu finden.
Das
sich beim Rock'n Roll in seiner organiserten Form der Plattenlabel, Konzertindustrie und Musiksender das "Prinzip
Rebellion" entlang der Verwertungskette vom T-Shirt und anderem
Merchandising bis zum Radio oder Werbejingle verliert, war immer ein
inhärenter Widerspruch der Branche - mit dem sie allerdings gewinnsteigernd umgegangen ist, in dem Protest und Aufruhr auf Platten gepresst, T-Shirts und Magazine gedruckt, Musikvideos und Filme ausgeleuchtet wurde.
Erst mit der Entstehung und Weiterentwicklung der digitalen Reporduktionstechnik und mehr noch dem Aufkommen von Filesharing und solcher Flagschiffe wie Napster entstand eine
Gegenöffentlichkeit, die sich nicht nur auf rebellische Gesten beschränkt. Zunehmend liegen immer mächtigere Instrumente in den Händen der Fans.
Kreativtod im Klonlabor
Auf der Kehrseite reagieren die Plattenkonzerne mit Stagnation und Rückzugsgefechten. Innovationen kommen nicht aus Plattenfirmen, die als Unternehmen mit Blick auf den sicheren
wirtschaftlichen Erfolg agieren. Wer will sich das Risiko einer langfristigen
Bindung an einen kapriziösen Künstler leisten?
Andererseits müssen Plattenfirmen die Erfahrung machen, beim Versuch
der Herstellung und Reproduktion von Erfolg den Kreativtod im
Klon-Labor der Casting-"Bands" zu sterben. Erfolg lässt sich 2008 eben
nicht mehr derart planvoll konzipieren.
Konsequenterweise gehen manche Künstler den Plattenfirmen von der Fahne, gründen ein eigenes Label oder gehen, wie die britische Band Radiohead gleich völlig neue Wege: Sie stellte ihr neues Album In Rainbows im Internet komplett zum Download zur Verfügung. Den Fans wurde freigestellt, soviel für den Download zu zahlen, wie sie wollten.
Das Internet rückt Fans und Künstler näher zusammen. Da bleibt kaum noch Platz für Marketingstrategen, BWL-Absolventen und CEOs, wenn neue Bands gleich über das Internet gehen und als Erstes ein Profil bei MySpace
aufsetzen, und ihre Musik in last.fm und ihre Videos in YouTube laden.
Die Arctic Monkeys nutzten MySpace, um ihre Musik bekannt zu machen. Aimee Mann verlegt ihre Musik selber, nachdem ihre Plattenfirma sie jahrelang
nicht unterstützte, verschuldete sie sich, um die Rechte an den eigenen
Songs zurück und sich aus dem Vertrag freizukaufen und schwor sich -
nie mehr Plattenfirma! Nachdem sie den erfolgreichen Soundtack zum Film
Magnolia beigesteuert hat, konnte die Songschreiberin die Früchte für
ihre Hartnäckigkeit einsammeln.
Prince stieß die Industrie vor den Kopf, als er im vergangenen Juli sein neues Album kostenlos der britischen Zeitung Mail on Sunday beilegte. Musiker und Bands wie Tiger Hifi oder Meral5 warten darauf, über MySpace entdeckt und zum nächsten großen Ding zu werden.
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Woody Allen