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Mündigkeit

reticon-Report von Ralf Kellershohn -- [22.07.2009]

In seiner Rede für den Abiturjahrgang 2009 an der Paul-Natorp-Oberschule in Berlin sinniert Literaturnobelpreisträger Günther Grass über ein oft beschworenes aber in der gesellschaftlich-politischen Praxis selten zu sichtendes Exemplar: den mündigen Bürger.

Dieser sei immer gefragt, gerade in krisenhaften Zeiten wie heute. Jedoch fehle der breite Aufschrei angesichts des derzeit reihenweise Offenbarwerdens des kriminellen Verhaltens einiger Wirtschafts-Akteure, der Bereitschaft  der Politik sich zum willfährigen Instrument von Lobbyinteressen machen zu lassen und himmelschreiender Ungerechtigkeiten (Grass erwähnt das eklatante Beispiel der Supermarktkassiererin, die wegen eines unterschlagenen Betrags von 1,30 Euro entlassen wurde).
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Es genügt nicht, Entscheidung und Verantwortung  zu delegieren. Der mündige Bürger ist aufgefordert, die Akteure, die in seinem Auftrag handeln zu überprüfen und den eigenen Interessen zuwiderlaufende Entwicklungen zu bemängeln und Änderungen einzufordern.

Dieses Einfordern einer angemessenen Umsetzung des politischen Willens darf aber eben nicht in der privaten Form des BILD-Autoaufklebers ("Benzinsteuer? Ich hab die Schnauze voll!"), der Generalpolitikerschelte am Stammtisch oder in der "italienischen Lösung" geschehen, bei der man sich innerlich vom Staat verabschiedet und ein Parallel-System aus Schwarzgeld und persönlichen Gefallen erzeugt, sondern in demokratisch-politischer Weise – im Rahmen öffentlichen Handelns.

"Weit lebensnotwendiger für den Erhalt der Demokratie sind und bleiben [...] mündige Bürger [...], die endlich begreifen, daß sie laut Verfassung der Souverän des Staates sind [...]", so Grass.

So fromm der Wunsch des alten Mannes ist: In dem gegenwärtigen System organisierter Dumpfheit, sind - entgegen aller Bekundungen - mündige Bürger weniger gefragt als fähige Personen.
Personen, die über "Skills" verfügen, also anwendungsbezogene, instrumentelle Fähigkeiten und nicht über grundlegende Fähigkeiten wie selbständiges Denken, kritisches Unterscheiden und Hinterfragen.

Es stellt sich jedem Einzelnen immer die Frage, ob man sich entweder an die herrschenden Bedingungen anpasst und innerhalb des existierenden Rahmens das Beste für sich herauszuholen versucht, oder man die Änderung der bestehenden Bedingungen für unumgänglich hält, da selbst bei aller Mobilisierung eigener Ressourcen, eine erfolgreiche individuelle Lösung unter den gegebenen Bedingungen nicht möglich ist.

Je weniger gute Bildungsabschlüsse, Praktika, eine flotte Ausbildung, Zusatzqualifikationen, Berufserfahrungen und ergänzende Engagements notwendig ein angemessenes Auskommen garantieren, desto mehr gilt der Imperativ der individuellen Anstrengung.

Weil sich immer mehr Bewerber im Wettbewerb um immer weniger Begehrens-Werte (Jobs, Vermögen, Partner, Status...) befinden, vervielfachen diese ihre Anstrengung.

Wie beim Computerspiel gilt es, auf jedem Level die maximalmögliche Punktzahl, Lebensenergie, Munition, größtmögliche Waffen usw. anzusammeln, um für das erfolgreiche Durchlaufen des nächsten Levels bestmöglich gerüstet zu sein.

In dieser Interpretation erscheinen dann die vielgescholtenen Computerspiele eben gar nicht mehr als unerklärliche atavistische Abweichung in einer ach so zivilen Gesellschaft.

Vielmehr wird deutlich, dass die Grundstrukturen sich gleichen: Das Computerspiel teilt sich in Level, auf denen in (wett)kampfartigen Situationen, mit anderen Spielern um die Ansammlung maximalstmöglicher Gratifikationen gerungen wird. Ziel ist, am Ende eines Spielniveaus bei der Bilanzierung zurückliegender Leistungen die Zugangsberechtigung zum nächsten Level erteilt zu bekommen und die bestmögliche Ausgangsbedingung für die Möglichkeit des erfolgreichen Bewältigens des nächsten Levels zu erreichen: Wer nur noch "20% Health" und kaum mehr "Ammo" hat, weiß, dass es sich kaum lohnt, mit einer derartig armseligen Ausstattung in das nächste Level zu gehen, in dem mächtigere Gegner und verlustreichere Auseinandersetzungen warten – an dessen Ende wieder nur die Zugangsberechtigungen für den Wettlauf auf dem nächst höheren Level um die nächst höheren Begehrens-Werte.

Die Konzentration auf die Entwicklung und Aneignung instrumenteller, am Markt nachgefragter Fähigkeiten und Attribute sowie deren Amalgierung in einem Lebenslauf, der als nahtlose Erfolgsstory funktioniert, ist das Ziel, auf das der Achiever von heute sich konzentriert.

Das Idealbild, das uns aus den Anforderungsprofilen in den Stellenanzeigen entgegenlacht, spiegelt eine Praxis selbst-bewusster Zurichtung und permanenten Arbeitens am autobiographischen Design, das sich am Prinzip des Projektils orientiert. Gesucht wird der stromlinienförmig Superstreber und Karrierist, der mit minimalem Widerstand die Umwelt durchdringt, die ihm ausschließlich Material ist, das nutzbringend ver- und in die biographische Erzählung eingearbeitet, als Hindernis umgangen oder gewaltsam durchdrungen wird.

Die auf Dauer gestellte Selbstevaluierung zum Zwecke der Verbesserung der Bedingungen der Bewegung durch den Wettbewerbsraum bringt zudem einen hochnervösen, tendenziell aggressiven komparativen Selbststress und komparativ gereizten Narzissmus hervor: Man überprüft und bewertet sich und seine Assets immer mit Blick auf „den Markt“ und nicht zuletzt die Mitbewerber, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wo man steht, ob man seine Anstrengungen intensivieren, seine Strategie ändern muss oder sich zurücklehnen kann.

So auch dies eine Parallele zum Computerspiel: Wenn alle sich im Rennen um knapper werdende Begehrens-Werte befinden, wird der Nächste zum Wettbewerber und damit zum Gegner, der einem die limitierten Spiel-Plätze, auf denen die Wettkämpfe um die limitierten Preise ausgetragen werden, streitig macht.

Solchermaßen ist der Hinweis auf einen so antiquierte Vorstellung wie „Mündigkeit“  als das Ziel pädagogischer Prozesse wichtiger denn je. Diesen Hinweis in einer Schule zu geben, ist ebenso wichtig, sind Schulen, aller Rhetorik vom „Haus des Lernens“ und der kleinen Polis zum Trotz, in der Praxis und unter der Knute eines auf Lernen-Prüfen-Bewerten-Zertifizieren stehenden Lehrbetriebs, v.a. Vergabe-Station von Zugangsberechtigungen zu den anschließenden berufsbiographischen Stationen. Anstatt das sich im pädagogischen Verhältnis die Utopie einer friedlichen Gemeinschaft, die allen Individuen die Entfaltung ihrer Fähigkeiten ermöglicht vorwegnimmt, wird Schule gemäß dieser Lesart zum Trainingscamp, in dem gemeinsam trainiert, wer sich später auf dem Spielfeld als Gegner begegnet.

Das auf diesem Wege kaum mündige Bürger entstehen, die in öffentlichem Gebrauch ihrer Vernunft die herrschenden Verhältnisse und die politisch-gesellschaftliche Praxis prüfen und erneuern, liegt auf der Hand.

Die ganze Rede Mündig sein in der Online-Ausgabe der Zeit

Bilder vom Festakt auf der Webseite der Paul Natorp Gymnasiums
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