Kontakt  Presse  reticon-Redakteure   Impressum   Datenschutz  
reticon Bildung und Neue Medien
reticon - Bildung und Neue Medien

Mann beißt Hund

reticon-Report von Ralf Kellershohn -- [07.06.2008]

Die Internet-Versionen der Tageszeitungen bieten einen Service, der eine Top 5 oder Top 10 der meistgelesenen Artikel präsentiert. Das ist ebenso interessant (weil sich die milieu- und zielgruppenspezifischen Eigenarten abbilden) wie aufschlussreich (weil deutlich wird, dass quer durch alle Milieus online das Boulevardeske, Skurrile und Erschröckliche am Meisten goutiert wird. Gesucht ist der schnelle Konsum, die kurzfristige Erregung.

Panem et Circensis. Bild, Bams und Glotze

Die wenigsten Menschen lesen eine 12-Seiten-Analyse über Barack Obamas Wahlkampfstrategie online. Manche solche Artikel werden auch online gestellt (Man hat sie schließlich und sie gehören zum Profil und Kernangebot des Printmutterschiffs), aber online gelten andere Regeln - und es herrscht ein anderer Ton.

Der ist zumeist flapsiger, wie auch die Themenauswahl einem anderen Gesetz zu folgen scheint. So gibt es wesentlich mehr Bildergalerien in den Online-Ausgaben der Tageszeitungen als in der Printausgabe. Man klickt sich eben lieber durch die 324732846238468. Bildergalerie "So schön ist Angelina Jolie", als sich die 47593857984579. Hintegrundanalyse über einen gescheiterten Kompromiss zur Geundheitsreform durchzulesen. Panem et Circensis. Bild, Bams und Glotze.

Ebenso hat YouTube seine Spuren hinterlassen: Die Online-Ausgabe der Süddeutschen beschäftigt sich in ganzen Artikeln, die in Form und Inhalt schon knietief im Blog stehen, mit "dem Internetvideo der Woche" und privatisiert den bis dato klassisch publizistisch-öffentlichen Raum vollends, indem sie sich dem Genre des viralen Sekretärinnenmarketings per Mundpropaganda herumgereichter lustiger Videos, Bildchens oder Powerpointpräsentation ("..hihihi guck mal im Anhang... das MUSST Du sehen...") öffnet.

Noch ein Schritt weiter wird dann um ein verfügbares YouTube, das den Schau(er)wert des Skurrilen, Ekligen oder Erschröcklichen bedient, ein Artikel gestrickt um die Legitimation für das Zeigen zu generieren, ob schon die Dürftigkeit des um das ausgestellte Bildmaterial gelegten Textes deutlich signalisiert, dass das Zeigen und Ausstellen, das Abzielen auf die emotionale Erregung des Betrachters hier allein der Existenzgrund ist.

So auch bei einem Bericht über einen Mann, der in den USA von einem Auto überfahren und von Passanten und vorbeifahrenden Autofahrern liegengelassen wurde. Dem Artikel beigestellt sind Fotos und v.a. das bei YouTube verfügbare Video einer Überwachungskamera.
Dabei eignen sich, die das absonderliche Material zur Schau stellenden, Medien den Ton der moralischen Entrüstung oder des gestellten Entsetzens an, um sich - und den Betrachter - auf der richtigen Seite zu wissen und unterschlagen dabei den pornographischen Akt, der allein auf publizistische Ausbeutung des Elends des gezeigten abzielt.

Die Bild-Zeitung praktiziert dies täglich, wenn sie z.B. Opfer von sexueller Gewalt in Bild oder Sprache ausstellt und detailliert beschreibt, welche Art der Gewalt geschehen ist und damit auf die Bedürfnisse der Leserschaft. Aber es ist eben nicht nur die Bild.

Wenn es um Klickzahlen geht, scheint die Barriere niedriger zu liegen:
Spiegel, Süddeutsche, Welt

Weiterlesen

  •    1

Informationen zum Artikel

Aus den Terminen

RSS & Social Media

rss-Bild
rss-Bild
rss-Bild
rss-Bild

myreticon

E-Mail
Passwort Login

Infos & Hilfe | Registrieren

Kostenlose Newsletter

Wöchentliches Newsletter
Tägliche Medientipps

E-Mail:  

reticon-Quiz

Wieso steht STRG-V eigentlich für einfügen?

Es muss einvügen heißen
STRG-P war schon belegt (print)
CTRL+Z/X/C/V - ergonomische Kriterien

» Alle reticon Quiz-Fragen

Sprüche & Zitate

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.

Erich Kästner