Die Internet-Versionen der Tageszeitungen bieten einen Service, der eine Top 5 oder Top 10 der meistgelesenen Artikel präsentiert. Das ist ebenso interessant (weil sich die milieu- und zielgruppenspezifischen Eigenarten abbilden) wie aufschlussreich (weil deutlich wird, dass quer durch alle Milieus online das Boulevardeske, Skurrile und Erschröckliche am Meisten goutiert wird. Gesucht ist der schnelle Konsum, die kurzfristige Erregung.
Panem et Circensis. Bild, Bams und Glotze
Die
wenigsten Menschen lesen eine 12-Seiten-Analyse über Barack Obamas
Wahlkampfstrategie online. Manche solche Artikel werden auch online
gestellt (Man hat sie schließlich und sie gehören zum Profil und
Kernangebot des Printmutterschiffs), aber online gelten andere Regeln -
und es herrscht ein anderer Ton.
Der ist zumeist flapsiger,
wie auch die Themenauswahl einem anderen Gesetz zu folgen scheint.
So gibt es wesentlich mehr Bildergalerien in den
Online-Ausgaben der Tageszeitungen als in der Printausgabe. Man klickt sich eben lieber durch die 324732846238468. Bildergalerie "So schön ist Angelina Jolie", als sich die 47593857984579. Hintegrundanalyse über einen gescheiterten Kompromiss zur Geundheitsreform durchzulesen. Panem et Circensis. Bild, Bams und Glotze.
Ebenso hat
YouTube seine Spuren hinterlassen: Die Online-Ausgabe der Süddeutschen
beschäftigt sich in ganzen Artikeln, die in Form und Inhalt schon knietief im Blog stehen, mit "dem Internetvideo der Woche" und
privatisiert den bis dato klassisch publizistisch-öffentlichen Raum
vollends, indem sie sich dem Genre des viralen Sekretärinnenmarketings per Mundpropaganda
herumgereichter lustiger Videos, Bildchens oder Powerpointpräsentation
("..hihihi guck mal im Anhang... das MUSST Du sehen...") öffnet.
Noch
ein Schritt weiter wird dann um ein verfügbares YouTube, das den
Schau(er)wert des Skurrilen, Ekligen oder Erschröcklichen bedient, ein
Artikel gestrickt um die Legitimation für das Zeigen zu generieren,
ob schon die Dürftigkeit
des um das ausgestellte Bildmaterial gelegten Textes deutlich signalisiert, dass das
Zeigen und Ausstellen, das Abzielen auf die emotionale Erregung des
Betrachters hier allein der Existenzgrund ist.
So auch bei einem
Bericht über einen Mann, der in den USA von einem Auto überfahren und
von Passanten und vorbeifahrenden Autofahrern liegengelassen wurde. Dem
Artikel beigestellt sind Fotos und v.a. das bei YouTube verfügbare
Video einer Überwachungskamera.
Dabei
eignen sich, die das absonderliche Material zur Schau stellenden, Medien
den Ton der moralischen Entrüstung oder des gestellten Entsetzens an,
um sich - und den Betrachter - auf der richtigen Seite zu wissen und
unterschlagen dabei den pornographischen Akt, der allein auf
publizistische Ausbeutung des Elends des gezeigten abzielt.
Die
Bild-Zeitung praktiziert dies täglich, wenn sie z.B. Opfer von
sexueller Gewalt in Bild oder Sprache ausstellt und detailliert
beschreibt, welche Art der Gewalt geschehen ist und damit auf die Bedürfnisse der Leserschaft. Aber es
ist eben nicht nur die Bild.
Wenn es um Klickzahlen geht, scheint die Barriere niedriger zu liegen:
Spiegel, Süddeutsche, Welt
Erich Kästner