
[Geändert am 13.12.04]]
Ich muss ein Geständnis machen: Ich fand Benjamin von Stuckrad Barre scheiße.
Ich fand ihn scheiße ohne auch nur eine Zeile von ihm gelesen zu haben
oder ihn in irgendeinem medialen Kontext LIVE und DIREKT je
gesehen/gehört zu haben.
Ich war genervt von der Allgegenwart seines Lars-Ricken-Kopfes (eine Allgegenwart, mit der mir auch die zur Kenntnisnahme der Qualitäten von Daniel Brühl erschwert wird), den Anzügen, der Tatsache, dass er für die FAZ schrobte (und anderen Printauswurf wie ALLEGRA, Die Woche, Stern, und WamS), dass WachsjackenträgerInnen ihn gut fanden, er also ohne Reibungswiderstand konsumierbar zu sein schien, als "der Gag-Schreiber für Harald Schmidt" bekannt war.
Ich hatte aber nie etwas von ihm gelesen. Einen Artikel in der FAZ hatte ich einmal halbherzig angefangen (im Rahmen der in Studenten WGs üblichen rotierenden 3-Wochen-Probe-Abos, waren wir nach TAZ, FR nun bei der FAZ angelangt, die sich aber bloß im Hausflur stapelte), war aber ein derart vergifteter Gollum, dass ich das Schriftstück nicht zu Ende brachte.
Mein Vorurteil bekam einen ersten Riss, als ich BvSB in Christoph Schlingensiefs Extrem Show "U3000"
sah. BvSB war zu Gast. Das war ein erster Wink. Bei Schlingensief waren
zumeist ausgewiesene Pfeifen, Gimpel und Einfaltspinsel vom Schlage
eines Roberto Blanco, M&M Hellwig usw. geladen - aber auch
Qualitätsköpfe. So wollte ich BvSB nicht so ohne weiteres in die
Gimpelkiste packen.
BvSB verhöhnte Bernhard Brink wegen dessen Allerweltsgewäsch von wegen Staatsbürger, Steuerpflicht usw. worauf Brink, extremst beleidigt, BvSB in Kneipenschlägermanier anranzte und anduzte. Tonnerwetter. Der kann SO verkehrt nicht sein, dachte ich mir. Kaufte mir aber erst Jahre später REMIX in einem "Neuen Antiquariat", las es und fand's gut! Auch ein Freund von anerkannt sicherem Urteil hatte BvSB live gesehen und bestätigte: Der Mann ist gut.
Wieder
eine Weile nichts mitbekommen zappte ich bei MTV in sein Gesicht. Da
hatte er eine Show, Hans Leyendecker war zu Gast und ein Schwung
Journalismusstudenten gab das Publikum. Eine Strebsau durfte brave
Fragen stellen. Weitergezappt. Dann stieß ich beim täglichen BILD Online
Checking, nach dem automatischen Klick vom Titel (übrigens gestern, als
die PISA Ergebnisse veröffentlicht wurden, war der BILD Titel: "Hitler
ließ heimlich UFOs bauen" Daneben ein schräges Bild und der Text "War
DAS die sagenhafte Wunderwaffe?" Ergänzt wird dieser Aufmacher durch
Jimmy Hartwig "Mein Hoden muss amputiert werden" -Vielleicht kann ihn
Desirée Nick verspeisen?- Danke BILD!), zu den "Nachrichten" (auch
schön: Bei BILD gehören Berichte über die Ehefrauen von Joschka Fischer
zu NACHRICHTEN, Unterbereich POLITIK und Olli Kahns Liebesleben wird
hartnäckig in dem Ressort SPORT verhandelt) zur "Post von Wagner" bei
der Sichtung des Bereichs SHOW UND PROMINENTE eine Weile immer wieder
auf das Larsrickengesicht.
Dieses verkündete hier mit Anke Engelke zusammen zu sein, dabei "total glücklich" und ich meine mich zu erinnern sogar ein Wort wie "Seelenmensch" oder "Seelenverwandter" gefunden zu haben. Verrückt!
BvSB
war zwischenzeitlich in das scheinbar angesagte Schreiberexil Zürich
übergesiedelt und nun war in BILD alle Nase lang zu lesen, wie die
Fernbeziehung läuft, dass er sich mit der Tochter auch super versteht
und überhaupt "Anke und ihre jungen, wilden Männer". Erst Niels Ruf und
jetzt "der Gagschreiber von Harald Schmidt"..
Der Mensch schien erledigt. Wer bei BILD Online in der Spalte Show und
Promi verarbeitet wird, so lautet das Gesetz, ist durch, bzw. war nie
was: Dagmar Koller ("Ich schlafe seit 11 Jahren nicht mehr mit meinem
Mann"), Harald Juhnke (Schon wieder Rückfall), Boris Becker (Die Neue),
Dieter Bohlen, Naddel (Ich gehe ins Camp weil ich meine Grenzen
kennenlernen möchte), Sonja Zietlow (Pilotin, ein IQ von 160 - und
deswegen moderiere ich auf Sat1 Talk und
Kängeruhuhodenverspeisungsshows).
Einige Zeit später wiederum gab es Kurzmeldungen eines Zusammenbruchs. Die Beziehung mit Engelke war aus, BvSB von der Bildfläche verschwunden. Heute weiß auch der letzte Gymnasiast, dass es eine Phase mit Kokain und Magersucht, psychischem Zusammenbruch und Klinikaufenthalt gab. BvSB war Robbie Williams nach Take That und Udo Lindenberg wurde sein Elton John und zog ihn aus dem Sumpf.
Der Dokumentarfilmerin Herlinde Koeberl öffnete er in der Phase seines emotionalen Kassensturzes die Tür zu seiner vermüllten Wohnung und plauderte und analysierte in die Kamera hinein. ( "Rausch und Ruhm" Klicken Sie hier...) Warum macht das einer? Sich öffentlich so selbst zerlegen? Man weiß es nicht. Aber: Jetzt ist er wieder da. Wiederhergestellt, vernarbt und von unverkrampfter Aufgeräumtheit. Trägt seine Krise nicht wie eine Monstranz vor sich her (Schlagerstar Michelle: Ich wollte sterben), aber geht auch sehr offen damit um.
So handelt der erste Text des Abends im vollbesetzen Münsteraner Jovel von seiner Beziehung zu "einer deutschen Fernsehkomikerin", genauer, vom Ende, vom Nichtertragenkönnen der öffentlichen Beziehung. Das studentische Publikum, dass lach- und schmunzelbereit zum kurzweiligen Lauschen gekommen ist, kann mit dem Text nicht viel anfangen, weil es den Text nicht als ehrliche Beschreibung des Endes einer Beziehung und Anfang eines Zusammenbruchs begreift. "Ich denke, der ist so…wie Max Goldt..so halt Alltagsstories..witzig beobachtet..wie Dieter Nuhr.." fragt sich der blonde Pferdeschwanz mit Samthaarband, stellt auf Durchzug und wartet auf einen Text, der als humoristisch erkennbar wird.
Bei einer Lesung von BvSB geht es anders zu als bei Lesungen von, sagen wir mal Max Goldt. Bei dessen Lesungen herrscht eine Mischung aus Klassenstreberatmosphäre und LeckmichamArsch-Attitüde. Die Klassenstreber bemühen sich angestrengt genau nicht der Teil des Publikums zu sein, den Max Goldt hin und wieder niederschreibt, wenn er nervtötendes, zwischenrufendes ("GENAU SO isses!") Volk skizziert. Die Klassenstreber entsprechen jenem Publikum, das Goldt in einem Text beschreibt: das Phänomen des bei Beginn eines Liedes in Klatschen verfallenden Publikum-. Das Klatschen zeigt an: Ich kenne das Lied, ich bin ein Connaisseur des Chansons, nicht ein bloß wegen des letzten Hits, des erst durch den Filmsoundtrack bekannt gewordenen Schaffens des Künstlers (Aimee Mann: "Magnolia") neuhinzugekommener Fan. I am spezial.
Sie fühlen sich angestrengt und
ausdrücklich nicht angesprochen, wenn von dem offensichtlich nervenden
Publikum die Rede ist und sind ganz besonders leise und aufmerksam um
den Dichterfürsten nicht zu erzürnen und haben extra ihre Bücher zu
Hause gelassen, fühlen sich aber etwas ertappt und gerechtfertigt
abgewatscht, wenn Goldt studentisches Publikum abkanzelt, weil es immer
mit billigen Taschenbüchern zum Signieren käme. "Bin ich ein
schlechterer Fan, weil ich mir die Hardcover nicht leisten kann? Aber
mein Fan-Sein ist durch und durch ehrlich. Ich weiß nicht, wie das bei
dem jungen Gemüse hier ist, aber ich habe ihn schon gaaaanz früh in der
Titanic entdeckt!" Die andere Hälfte wurde von dem Partner/der
Partnerin der WG mitgeschleppt und ist angenervt von der
beleidigten-Tante-Art, mit der man da Benimmregeln unter die Nase
gerieben bekommt. Soll er sich doch beim Vorlesen auf Video aufnehmen
und das Band auf Tour schicken!
Bei BvSB hat man das Gefühl Teil einer 300köpfigen WG zu sein: Man ist
mal eben in Benjamins Zimmer geschlendert, um zu sehen, was der gerade
so an seinem PC macht, es läuft Musik, er macht sie aus, spricht einen
an und erzählt einem den ein oder anderen Schwank aus seinem Leben,
auch Intimes und liest eine Geschichte vor, die er geschrieben hat, die
im Grunde niedergeschriebene Berichte von Erlebtem, Reflexionen und
Urteile über Erlebtes sind also das, was in WGs so geplaudert wird.
BvSB liest auch vom Publikum Gewünschtes ("Saisonarbeiter"), was nach
einem älteren Text klingt, doch sehr nah an der Beschreibung
studentischer Lebenswirklichkeit (Sommerjobs vom Adressaufkleben,
Klingel zählen, Entrümpeln).
BvSB trägt Gespräche über nicht zu Stande kommende Termine mit Hellmuth Karasek (untermal von einem phantastischen Foto von Karasek mit kaum von der Hose zu haltendem Hemd neben einem Fernseher, in dem gerade WerwirdMillionär läuft), eine fassungslose Beziehungsglücksanalyse am Beispiel von Paola und Kurt Felix, einen Selbstversuch mit Progammen des MDR vor.
Die Collage („Ich war hier!". Siehe hierzu auch BvSBs Artikel in der ZEIT. Klicken Sie hier...)
aus gesammelten Schrifthinterlassenschaften von Menschen an Wänden von
Bushäuschen ("Alle in der 7c sind schwul!"), einer Toilette in Bochum,
der Tiefgarage von Viva ("O Town ist süß"), im Treppenhaus des Kölner
Doms, dem Traktormuseum in Paderborn ("Wir haben auch einen
Traktorveteranen Verein. Gez. der Traktor Veteranen-Verein") und
-völlig ironiefrei- Zellenwänden eines ehemaligen Nazi-Gefängnisses in
Dortmund ("Ich bin durch Denunziation in den Bau gekommen" 1943) und
aus dem Gästebuch der Wehrmachtsausstellung ("Ich bin schockiert,
meiner Frau ist kotzschlecht. Gelungene Ausstellung").
Solche doofkomischen Sprüche (im Gästebuch der Wehrmachtsausstellung: "Suche auf diesem Weg roothaarige Frau") ,
durchbrachen ungewollt das Ernste und machten es dem auf kalorienarme
Heiterkeit eignestellten Publikum leichter. BvSB kommentierte diese
unerwartete Ernsthaftigkeit anhand des umso lauteren Lachens bei den
nächsten, wieder unhistorischen, unauschwitzverarbeitenden
Real-Spruch-Zitaten als ein "jaaaa...das entspannt, das Lachen, nachdem man so abrupt in sich zusammengesackt ist..." und kommentiert diesen Stilbruch ergänzend "das muss man auch ertragen, wenn man in diesem Land lebt" Die absurde Gleichzeitigkeit des Ungleichen.
Das
Ganze geschieht so entspannt und beiläufig, wie eben Gespräche im
Türrahmen einer WG sind. Man hat nie den Eindruck, Zeuge einer Show zu
sein, sondern einem Typen beim Erzählen zuzuhören. Er sucht auf seinem
Laptop (APPLE) nach Musik und Fotos, erzählt dabei dies und das,
plaudert über den Warteraum im Jovel, den Weihnachtsmarkt, dass er
Osnabrück und Oldenburg in TotenHosenManier verwechselt habe usw. Am
Ende liest er nach dem letzten Text noch einen „ich könnte jetzt von der Bühne gehen, ihr klatscht, ich komme wieder, setze mich und lese noch einen, aber das ist ja albern…"
Der Text ist zu Ende, er klappt das Buch zu wirft es auf den Tisch, verbeugt sich verlegen und ich muss bekennen: I've been wrong about Benjamin von Stuckrad Barre. Ein sehr guter Mann. Buch kaufen! Alle Bücher kaufen! Gut finden! Zur Lesung gehen! Unterhalten sein!
Benjamin von Stuckrad-Barre: Datenspeicher der Kontrollgesellschaft. Remix 2.
Weitere Infos, Tourdate auf der Webseite von Benjamin von Stuckrad-Barre. Klicken Sie hier...
Portrait von BvSB in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Klicken Sie hier...
Benjamin von Stuckrad-Barre bei Beckmann. Klicken Sie hier...
Veröffentlichungen von Benjamin von Stuckrad-Barre in Auswahl:
Remix.
Texte 1996-1999.
KiWi Taschenbücher Nr. 836 (2004)
ISBN: 3-462-03399-9, Preis: 9,90 Euro
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Deutsches Theater.
Goldmann Taschenbücher Bd .54191 (2003)
ISBN: 3-442-54191-3, Preis: 9 Euro
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Black Box.
Unerwartete Systemfehler.
Goldmann Taschenbücher Bd. 45166 (2002)
ISBN: 3-442-45166-3, Preis: 9 Euro
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Soloalbum.
Goldmann Taschenbücher Bd. 45203 (2002)
ISBN: 3-442-45203-1, Preis: 7,90 Euro
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Livealbum.
Goldmann Taschenbücher Bd. 45204 (2002)
ISBN: 3-442-45204-X, Preis: 7,90 Euro
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Voicerecorder
(Audio-CD)
Ausgewählte Erzählungen der Blackbox-Tournee. Gelesen vom Autor. Mit Gastbeiträgen von Charlotte Roche und Rainald Goetz
Der Hörverlag 2001
ISBN: 3-89584-880-8
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Lukrez