Achtung Ironie - da dachten wir, jetzt wären schon alle Aktionismus-Forderungen durchs Dorf getrieben (härtere Strafen, Bootcamps, straffällige Ausländer ausweisen) - aber weit gefehlt, Friedbert Pflüger fordert nun im TV alle Morde vor 20 Uhr zu verbieten.
Und um dem Ganzen auch Kraft und Gewicht zu verleihen, fordert er einen "Ehrenkodex" der Sender. Auf die Öffentlich-Rechtlichen möchte er politisch einwirken, bei den Privaten appelliert er an die Werbekunden, auf die Einhaltung des Kodex zu achten.
Dabei ist Pflüger nicht irgendwer - er sitzt im Rundfunkrat des RBB.
Schön zu sehen, wie sich jetzt wieder jede Menge Politiker gerade in pädagogischen Fragen in die höchsten Sphären emporschwingen. Pflüger unterstellt schlicht, dass der Konsum von TV-Gewalt sich in realer Gewalt niederschlägt - dass das selbst unter Experten umstritten ist, lässt er einfach einmal außen vor. Schon in der unseligen Computerspieldebatte landet man häufig genau an diesem Punkt, Studien bieten hier Ansatzpunkte in beide Richtungen, aber der "Beweis", dass Konsum von Gewalt reale Gewalt erzeugt, den bleibt auch die Wissenschaft bisher schuldig. In einigen Studien wird nachgewiesen, dass gewalthaltige Szenen durchaus das Aggressionspotential steigern können, aber von den Vorstellungen eines Herrn Pflüger ist man auch hier noch weit entfernt.
Und betrachtet man den Vorschlag einmal in voller Konsequenz wird die Unsinnigkeit seiner Forderung deutlich. Gewalt ist Teil unserer Gesellschaft - statt zu hoffen, dass wir friedliche Menschen "erziehen", in dem wir sie von Gewaltdarstellungen fernhalten, sollten wir sinnvoll das Thema Gewalt thematisieren. Ein Ignorieren von Gewalt ist hier sicher nicht der richtige Ansatz.
Und soll dann die Tagesschau vor 20 Uhr auf Meldungen verzichten, die Gewalt beinhalten - besser noch: Wir verbieten Morde und Kriege vor 20 Uhr!
Und warum eigentlich nur Gewalt im TV - Herr Pflüger sollte sich dringend dem völlig unterschätzten Bereich der Gewalterzeugung durch Konsum von Büchern widmen. Harry Potter, Tintenblut, Tintentod (alleine schon die Titel der Bücher) - hier ist dringenden Handlungsbedarf.
Und wir empfehlen auch einen kritischen Blick in die Märchenwelt und wünschen der Politik dann weiterhin viel Spaß bei dem Entwurf immer neuer absurder Lösungsvorschläge, bei denen wir uns nur noch fragen ob man die Inhalte wirklich noch berücksichtigt oder einfach versucht, das Thema dann auch in der BILD platzieren zu können.
Zur Lektüre empfehlen wir
J.J. Rousseau