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Israel auf dem Weg wohin?

reticon-Report von Dorothee Ragg -- [06.08.2006]

Um den aktuellen Konflikt im Nahen Osten zu verstehen, ist es hilfreich die Entstehung des Staates Israel und die daraus resultierenden komplizierten Beziehungen zu den umliegenden arabischen Staaten zu kennen.

Mein persönliches Interesse an Israel wurde durch einen Besuch 1995 geweckt. Durch persönliche Beziehungen hatte ich mit meiner Familie die Chance, das Land zu besuchen und aus der Sicht eines älteren israelischen Ehepaares kennen zu lernen, die beide während des Dritten Reichs aus Deutschland ins damalige Palästina flüchten konnten.
Sie halfen aktiv beim Aufbau von Israel, lebten eine Zeit in einem Kibbuz und waren mehr oder weniger direkt in die zahlreichen Kriegen involviert.
Aus der abstrakten Kenntnis der Geschichte Israels wurde somit für uns die Lebensgeschichte zweier Menschen.

Nicht zuletzt durch diese persönliche Sicht auf Israel schmerzt der Blick in die Nachrichten. Die Eskalation des Konflikts zwischen Israel und seinen Nachbarn lässt Ratlosigkeit und Wut über die Unnachgiebigen auf beiden Seiten hochsteigen.

Ein Blick in die Geschichte Israels:
Die erste Einwanderungswelle „Alija“ (hebräisch: Aufstieg nach Zion) von 25.000-30.000 vorwiegend russischen Juden nach Palästina gibt es in den Jahren 1882 bis 1904. Theodor Herzl erörtert das Problem eines Staates für die Juden, die in aller Welt verstreut sind, in seinem Buch:“ Der Judenstaat, Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage“ (1896). Als Reaktion darauf wird 1897 die Zionistische Weltorganisation gegründet. 40.000 Einwanderer folgen in den Jahren 1904-1923, unter ihnen viele Intellektuelle aus Russland. Zwischen 1924 und 1931 wandern 80.000 Menschen, wiederum aus Russland und Polen, nach Palästina ein.

Mit der Machtergreifung Adolf Hitlers 1933 beginnt im Deutschen Reich eine systematische Verfolgung der Juden. Schon vor der offiziellen Entrechtung der Juden durch die Nürnberger Gesetze 1935 werden sie aus dem gesamten öffentlichen Leben gedrängt, es kommt zu willkürlichen Verhaftungen und schließlich zu Deportationen in Konzentrationslager. Von 1932 bis 1983 gelingt 200.000 Juden aus Deutschland und Mitteleuropa die Flucht bzw. die Ausreise und in den darauf folgenden Jahren bis 1945 noch einmal 80.000. Während des so genannten Dritten Reichs sind sechs Millionen europäische Juden ermordet worden.

Seit 1920 wird Palästina von Großbritannien verwaltet. Die dortige arabische Bevölkerung fühlt sich von den jüdischen Einwanderern bedroht, sie verübt Anschläge sowohl gegen die Juden als auch gegen die Mandatsmacht. Großbritannien hält dem Druck nicht stand und gibt das Mandat an die UNO zurück, deren Vollversammlung am 29. November 1947 die Teilung Palästinas in einen arabischen und einen jüdischen Staat beschließt.

Ben Gurion proklamiert am 14. Mai 1948 den Staat Israel. Am folgenden Tag greifen die Armeen Syriens, Ägyptens, Transjordaniens, Libanons, Saudi-Arabiens und des Iraks den neuen Staat an. Israel gewinnt diesen Unabhängigkeitskrieg, besetzt dabei Gebiete, die ihm nach dem UN-Teilungsplan nicht zustehen und schließt 1949 einen Waffenstillstand. Ein arabischer Staat wird jedoch nie in Palästina gegründet und Israel von den umliegenden Ländern auch nicht anerkannt, da somit indirekt die Teilung Palästinas akzeptiert worden wäre. Transjordanien annektiert das Westjordanland, es heißt nun Jordanien und Ägypten stellt den Gazastreifen unter ägyptische Verwaltung.

1967 gibt es den Sechs-Tage-Krieg: Israel kommt einem Angriff Ägyptens, Syriens und Jordaniens zuvor, erobert das Westjordanland, den Gazastreifen, Ostjerusalem, die Golanhöhen und die Sinai-Halbinsel. Nach dem Waffenstillstand am 11. Juni beschließt das israelische Kabinett die Gebiete in Verhandlungen zurückzugeben, doch die arabischen Staaten lehnen Verhandlungen ab. Einer UN-Resolution, die von Israel den Rückzug fordert wird nicht Folge geleistet, weiterhin wird Ost-Jerusalem annektiert und die israelische Siedlungspolitik nimmt ihren Anfang.

1973 kommt es zum Jom-Kippur-Krieg: Ägypten und Syrien greifen Israel an, das jedoch die arabischen Armeen schlagen kann. 1979 gibt es einen ägyptisch-israelischen Friedensvertrag, der u. a. dazu führt, dass die Sinai-Halbinsel bis 1982 wieder zurückgegeben wird. 1981 werden die Golan-Höhen jedoch wiederum von Israel annektiert.

Seit dem Ausbruch der 1. Intifada 1987 kommt es immer wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Israelis und Palästinensern. Friedensverhandlungen im Hinblick auf eine größere Souveränität der Palästinenser und Rückgabe besetzter Gebiete durch Israel scheitern. Schließlich kommt es 2000 zu einer zweiten Intifada: palästinensische Selbstmordattentate und die Besetzung arabischer Städte durch Israel fordern einige tausend Menschenleben. Erst mit dem Abkommen von Sharm-el-Sheikh 2005 unterzeichnet von Israel, Ägypten und Jordanien, endet die 2. Intifada.

2005 ändert Israel seine Siedlungspolitik: im Gaza-Streifen werden alle und im Westjordanland ein Teil der Siedlungen geräumt. Leider führt dies jedoch nicht zu einer weiteren Entschärfung des Konflikts.
Seit 2003 baut Israel an einer "Sperranlage", die Israel vom Westjordanland abtrennen soll - auf einer Länge von über 700 km.

Am 12. Juli 2006 greift die Hisbollah Ziele im Norden von Israel an und nimmt zwei israelische Soldaten fest. Israel antwortet mit der Einrichtung einer Seeblockade und der Bombardierung von Zielen in Libanon, was wiederum den Raketenbeschuss von Nordisrael einschließlich der Stadt Haifa durch die Hisbollah zur Folge hat.

Durch die perfide Taktik der Hisbollah Rakten aus Wohngebieten abzufeuern, kommt es bei israelischen Luftangriffen zu einer hohen Zahl an zivilen Opfern, was wiederum die Hisbollah zu Propagandazwecken nutzen kann.

 

Zum Abschluss eine persönliche Einschätzung
Wie sich die aktuelle Lage weiterentwickeln wird, lässt sich schwer voraussagen. Ich fürchte jedoch, dass es Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern wird, den Stand der Friedensverhandlungen wieder zu erreichen, der sich vor der letzten Eskalation anbahnte.

Es ist sicher sehr einfach, Israel Vorhaltungen zu machen: warum lässt es sich von der Hisbollah zu Luftangriffen provozieren, die so viele zivile Opfer fordern, warum handelt es so aggressiv?

Doch gerade als Deutsche, so finde ich zumindest, sollte man sich mit Urteilen zurückhalten. Es war für Juden ein großer Schritt nach den furchtbaren Erfahrungen des Dritten Reichs erstmals die Chance eines eigenen Staates zu erhalten. Doch eigentlich wurde diese Möglichkeit von Anfang an von den umliegenden arabischen Staaten in Frage gestellt, bzw. versucht, dies mit Waffengewalt zu verhindern. Seit ca. 60 Jahren versucht Israel sich zu behaupten, auch mit zweifelhaften Methoden z.B. der Siedlungspolitik. Doch wie groß muss die Sehnsucht nach einem friedlichen, ruhigen Leben sein, wenn man sich die Erfahrungen des Dritten Reichs vieler älterer Israelis und die jetzige Situation aller Israelis vor Augen führt. Wer etwa in einer Stadt wie Haifa lebt, muss momentan ständig mit Raketenbeschuss durch die Hisbollah rechnen. Bei meinem Besuch in Israel, der mich auch in den Norden von Israel führte, konnte ich das Gefühl der Bedrohung sehr gut nachempfinden. Wir waren in Kiryat Shmona, im äußersten Norden, zum Schutz von hohen Stacheldrahtzäunen umgeben und von militärischen Patrouillen umkreist. Aktuell findet sich die Stadt fast täglich auch in unseren Nachrichten, von den 25.000 Einwohnern sind 20.000 in den sichereren Süden geflohen.

Im ganzen Land waren auch damals Waffen und das Militär sehr präsent, was einem immer wieder die unsichere Lage vor Augen führte, obwohl die Situation damals im Vergleich zur aktuellen wohl eher entspannt war.
Und es fehlen Menschen, die bereit sind „über ihren Schatten zu springen“ und für einen gerechten Ausgleich zwischen allen Parteien zu sorgen. Unser Gastgeber war z.B. bereit den Golan abzugeben – auch heute in Israel immer noch heftig diskutiert.
Die Berichterstattung zeigt auch immer wieder, dass es nicht „die eine Wahrheit“ gibt, es gibt viele Varianten ein und derselben Geschichte und wir können nur selten wirklich deren Wahrheitsgehalt überprüfen.
Eine Lösung für den Konflikt ist aus meiner Sicht leider nicht zu sehen – vielleicht können nachfolgende Generationen einen dauerhaften Frieden etablieren. Die aktuell Beteiligten scheinen keinen Weg zu finden, der für alle zu einem friedlichen Zusammenleben führt.

Informationen zu den Bildern, alle Bilder von istockphoto.com:

Update am 07. August:
Der Konflikt wird auf Wikipedia dokumentiert unter: de.wikipedia.org/wiki/Israel-Libanon-Konflikt_2006

 

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