Interview von Marion Döbert mit dem Künstler Hermann Josef Hack
M.D.:
Herr Hack, "reticon.de" ist eine Bildungswebsite. Im Wort "Bildung"
steckt das Wort "Bild". Ist das für Sie als Aktionskünstler nur
Wortspielerei oder gehört da wirklich was zusammen?
Zunächst
möchte ich meine künstlerische Arbeit nicht auf den Begriff
"Aktionskünstler" reduzieren lassen. Das ist etwa so, als ob man einen
Schriftsteller danach einordnen würde, ob er mit der Schreibmaschine
oder dem PC schreibt. Es ist richtig, dass ich viele Aktionen gemacht
habe und mache, aber genauso auch Internetprojekte oder das erste
interaktive Fernsehprojekt Van Gogh TV auf der documenta IX 1992.
Außerdem male ich fast täglich Bilder auf Zeltplanen... insofern ist
für mich die Ableitung des Wortes Bildung von Bild (im weitesten Sinne)
durchaus richtig. Unsere Gesellschaft ist lange Zeit von Leit-Bildern
(!) geprägt worden, die nur aus rationalen, wirtschaftlichen, besser
gesagt: materialistischen Impulsen entstanden sind. Mehr als tausend
Worte sagen Bilder, die unmittelbar ins Unterbewusstsein dringen. Wer
die Macht über die Bilder hat - ich meine nicht die Kunstwerke in den
Museen, sondern diejenigen, die uns täglich über die Medien erreichen -
bildet unser Denken und beeinflusst unser Handeln. Deshalb versuche
ich, in meinen Aktionen Bilder zu erzeugen, die über die Massenmedien
verbreitet werden und den üblichen Bildbotschaften der Medien etwas
anderes gegenüber stellen.
M.D.: Herr Hack, Sie sind Schüler von Beuys. Wurde Ihre Kunst dadurch besonders geprägt? Das wohl Wichtigste aus der Beuysschen Lehre, was ich versuche, mit meiner Arbeit in die Gegenwart, in unser globales Cyberspace-Zeitalter zu überführen, ist der Gedanke der Sozialen Plastik. Jeder von uns formt mit an dieser Gesellschafts-Skulptur, d.h. jeder verändert durch sein Handeln oder Nichthandeln unsere Gemeinschaft. Ich habe versucht, z.B. mit meinem Virtuellen Dach, einer Internetplattform, auf der man den Himmel über bestimmten Städten "kaufen" und mit Obdachlosen dieser Städte kommunizieren konnte - www.hack-roof.de - oder mit dem virtuellen Hochhaus über dem Reichstag, wo sich jeder kostenlos ein Zimmer über dem Bundestag einrichten und den Politikern aufs Dach steigen konnte, die Menschen an wichtigen gesellschaftlichen Fragen teilhaben zu lassen und ihnen Alternativen zu bieten, über unsere Gesellschaft mit einander neu in Kontakt treten zu können.
M.D. Wie muss ich mir das vorstellen?
Im
ersten Projekt konnten z.B. Schüler an bestimmten Schulen oder in einem
Jugendzentrum kostenlos mit Obdachlosen ihrer Stadt in Kontakt treten
und so deren wirkliche Bedürfnisse kennen lernen, ohne dass man sich
outen musste. Es gab einen besonderen chat room, das cyber camp, wo man
sich mit den Wohnungslosen austauschte, welche für dieses Projekt
ebenfalls freie Internetzugänge erhielten. Auf Grund der ersten
virtuellen Kontakte haben dann junge Menschen ihre Hemmschwelle
überwunden und sich mit den Obdachlosen vor Ort getroffen. Im
virtuellen Hochhaus über dem Deutschen Parlament haben sich die Nutzer
mit den Bundestagsabgeordneten per Email ausgetauscht, außerdem ihre
Erwartungen an die Politik im Cyberspace-Zeitalter formuliert.
Aufmerksam gemacht habe ich auf diese Projekte wiederum mit Aktionen,
z.B. indem ich mit Obdachlosen über die Cebit-Computermesse gezogen bin
und Internet für Obdachlose gefordert habe.
M.D.:
Mit Aktionen haben es Künstler in Deutschland nicht unbedingt leicht.
Menschen sind ja im ersten Moment eher misstrauisch, wenn sie da einen
z.B. auf der Erde kriechen und mit Farben hantieren sehen. Wegen des
Misstrauens ist es nicht einfach, seine Botschaft rüberzubringen. Warum
machen Sie es sich so schwer? Lieben Sie Umwege?
Ich denke nicht darüber nach, ob ich es mir schwer mache oder
nicht, mir bleibt nur als Einzelner, der nicht über z.B. ein eigenes
Medienimperium verfügt wie einige politische Parteien oder über teure
Medienagenturen wie die großen Konzerne, die Wahl, meine Botschaften
über ungewohnte Aktionen zu verbreiten oder zu schweigen. Das setzt
natürlich voraus, dass ich davon überzeugt bin, dass meine - ich nenne
es einfach mal Botschaft - auch für andere von Bedeutung ist. Bei
meinen bisherigen Aktionen hatte ich das Bedürfnis, Menschen in den
Mittelpunkt zu stellen, die keine Lobby haben und es verdienen, dass
man sie beachtet und ihnen hilft.
M.D.: Ihre Biografie ist ja eigentlich ganz solide. Nach dem Abitur haben Sie Zivildienst gemacht, studiert und Dipl.-Verwaltungs-Betriebswirt bei der Deutschen Bundesbahn gelernt. Jetzt verkaufen Sie Himmelsstücke für Obdachlose und bauen Ideenkollektoren. Was ist da passiert in Ihrem Leben?
Was auf den ersten Blick verwundern mag, wenn man eine klassische Künstlerbiografie vermutet, ist eigentlich sehr schlüssig, was meinen Weg angeht: Bei meinem Studium bei Beuys wurde mir klar, dass ich meinen Wunsch, Kunst an vielen Orten gleichzeitig mit anderen Menschen durchzuführen, an der Akademie und im klassischen Kunstbetrieb nicht würde umsetzen können. Dafür war in den siebziger Jahren die Denke noch nicht verbreitet, alles richtete sich noch zu stark nach dem gängigen Kunstmarktmodell, das ja Beuys im übrigen auch bestens bediente.
Ich sehnte mich nach einer Form, mit vielen anderen Menschen in Verbindung zu stehen und Kunst an völlig untypischen Orten durchzuführen, wohl gemerkt: keine exotischen Ausstellungsorte für Bilder zu finden, sondern aktiv mit mehreren anderen gemeinsam Kunst zu praktizieren. Heute würde man sagen: vernetzt zu arbeiten.
Für die damalige Zeit war die Bundesbahn ein solch international vernetztes Unternehmen mit mannigfachen Strukturen, die Kommunikation erfordern. Es interessierte mich zu erfahren, wie so ein Unternehmen "von innen" aussieht und so war es folgerichtig, hier eine Ausbildung zu machen, was mir sehr viele Einblicke in die Praxis und neue Ideen vermittelt hat. Internet und die neuen Medien mussten erst noch erfunden werden, in mir war eine Sehnsucht nach derlei Anwendungsmöglichkeiten und erst mit meiner Teilnahme am documenta-Projekt "Van Gogh TV - piazza virtuale" konnte ich erfahren und mitprägen, was es heißt, das bisherige Kommunikationsschema umzudrehen und den bis dato passiven Empfänger zum Sender zu machen. Ohne anmaßend sein zu wollen, kann man behaupten, dass durch dieses weltweit erste interaktive Fernsehprojekt, das 100 Tage lang während der documenta 1992 gesendet wurde, die Möglichkeiten multimedialer Kommunikation erstmals erprobt wurden.
M.D.: Mehrfach haben Sie Kunstaktionen gemacht, bei denen Sie bestimmten Menschen Malbücher mit auf den Weg gegeben haben. So gab es ein Malbuch für Astronauten, für Polar- und Meeresforscher. Alle sollten während ihrer langen Expeditionen von Ihnen vorgegebene Zeichnungen vervollständigen. Wissenschaftler können aber oft besser schreiben als zeichnen. Und trotzdem, Sie wollten Bilder. Warum?
Bilder funktionieren anders als Worte. In den Malbüchern, die Sie ansprechen, habe ich einige Zeichnungen als Anregung vorgegeben, habe sie mit Zeichnungen meines damals siebenjährigen Sohnes gemischt und teilweise andere Künstler Gastbeiträge zeichnen lassen (Stefan Demary, Christoph Inderwiesen). Diese einfache Zeichensprache sollte andere Menschen, hier speziell unsere Stellvertreter an exklusiven, sehr einsamen Orten (Polarforscher am Nord- und Südpol, Astronauten der D2-Mission, Meeresforscher auf monatelangen Weltreisen) inspirieren und ermutigen, ihre Empfindungen aufzukritzeln. Wie die empfindliche Nadel eines Seismographen, die jeden Ausschlag auf Papier festhält, ist die Zeichnung der verlängerte Finger der Seele, des tiefsten Unterbewusstseins. Hier manifestieren sich Dinge, die man nicht mit Worten beschreiben will oder kann. Dabei war es nicht in erster Linie wichtig, was als Zeichnung heraus kam, sondern dass diese Menschen, die geschult waren, alles mit dem Medium der Sprache und rationalen wissenschaftlichen Formeln in eine auswertbare Form zu bringen, auf einmal sich eines für sie völlig unvertrauten Mediums bedienten.
M.D.: Her Hack, Anfang bis Ende der 90er Jahre waren Sie Kunstbeauftragter des Bundesforschungsministeriums und Mitglied des Kuratoriums der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland. In der Zeit haben Sie Depositionsfallen gebaut zum Einfangen noch nicht realisierter Ideen. Dann kamen die Malbuchaktionen, und mit der Aktion "Polarnacht", bei der Sie mit dem ersten Bildtelefon Menschen zwischen Nord- und Südpol und dem Museum in Siegburg verbanden, landeten Sie im Guinness-Buch der Rekorde. Was mögen Ihre Kolleginnen und Kollegen nur von Ihnen gedacht haben? Hatten Sie Probleme am Arbeitsplatz?
Als Künstler kann man nicht seinen Arbeitsplatz auf einen Schreibtisch oder ein Atelier beschränken. Für mich war immer wichtig, das, was ich tue, mit voller Überzeugung und Hingabe zu tun. Ich glaube, das haben die Menschen in meinem Arbeitsumfeld gespürt und sie haben mich respektiert. Ich bin sicher nicht der klassische Künstlertyp, wie man ihn sich gerne vorstellen mag, der am Ende ein harmloser Spinner ist und sich von der Gesellschaft kaufen lässt, der Hofnarr, der die anderen amüsiert und dafür im Dunstkreis der Macht ein gutes Leben führt. Von denen gibt es genug. Viele öffentliche Gebäude sind von diesen möbliert.
Natürlich gibt es überall kleingeistige Neider und solche, die Angst bekommen, dass jemand den Finger in die Wunde legt. Solche, die etwas zu verbergen haben und mit sich selbst nicht klarkommen, wo gibt es sie nicht? Aber ich nehme alle Menschen ernst und ich habe die Erfahrung gemacht, dass andere es respektieren, wenn man mit voller Überzeugung bei der Sache ist. Gute Kunst schafft immer etwas Neues. Will man neue Wege gehen, darf man sich nicht von den eingefahrenen Gleisen gefangen nehmen lassen. Übrigens täte es vielen Institutionen gut, sich Künstler ins Haus zu holen, die aktiv mitarbeiten und nicht nur die Dekoration zur Behübschung des Ambiente liefern.
In den Siebzigern gab es in GB eine vom documenta-Künstler John Latham mit gegründete artist placement group, die sehr erfolgreich bei britischen Regierungsbehörden mitgewirkt hat. Ich habe John und einige seiner Projekte in London persönlich kennen gelernt und er freute sich darüber, in meiner Arbeit sein Konzept wieder zu erkennen. Im Übrigen haben sehr namhafte Künstler in Behörden gearbeitet, ein gewisser Johann Wolfgang von Goethe war Regierungsbeamter, Franz Kafka fest angestellter Sachbearbeiter einer Versicherung, was deren Werk nicht geschadet hat.
M.D.: Sie machen Internetkunstwerke, nutzen Lichtquellen, Computeranimationen, Großbildwände, verbinden Pole und bauen virtuelle Dächer über Großstädten. Und plötzlich sammeln Sie Strümpfe von Menschen in Armut und Not, weben einen Teppich daraus und lassen den Kanzler zur Wahl darauf schreiten. Gibt es bei all der Vielfalt Ihrer Aktionen einen gemeinsamen Nenner?
Ich habe mich von Anfang an gefragt, wenn ich die Aufmerksamkeit meiner Mitmenschen in Anspruch nehmen will, was es wert ist, dass sie mir ihre Aufmerksamkeit schenken. Etwas, das uns alle betrifft und für uns alle von Bedeutung ist. Da gibt es genug Themen, von denen ich nur einige herauspicke: Anfang der neunziger Jahre waren das die globalen Umweltveränderungen, für die inzwischen ein Bewusstsein gewachsen ist. Es entstand mein Global Brainstorming Project, das sich bis heute noch mit diversen Beiträgen zu Wort meldet. Aktuell befasse ich mich mit der Aufgabe, den Begriff der Nachhaltigkeit mit Leben zu füllen, in dem ich eine Skulptur aus über tausend Wasserwaagen aufschichte. Jede Wasserwaage ist von einem Menschen mit einem Begriffspaar beschriftet, das ins Gleichgewicht gehört. Die Wasserwaagen symbolisieren das Gleichgewicht, das es herzustellen gilt, um nachfolgenden Generationen unseren Lebensraum so zu hinterlassen, dass auch diese noch überleben können. Eine weitere große Herausforderung ist die durch die Globalisierung verstärkte Frage nach der Verteilung von Arbeit. Ich bin von meiner christlichen Grundhaltung geprägt und setze mich für die Schwachen und Ausgegrenzten ein, weil sie keine Lobby haben. Und ein altes Problem, das in Zukunft unser Leben entscheidend bestimmen wird, ist der Kampf der großen Weltreligionen, die sich nicht scheuen, einander im Namen ein und des selben Gottes zu liquidieren. Ich habe unter dem Titel "God bless Allah" seit Jahren hierzu Aktionen in verschiedenen Städten und am Rande der UN-Afghanistan-Konferenz gemacht und diesem Thema eine Serie von Bildern gewidmet.
M.D.: 1998 haben Sie Ihren "Arme-Socken-Teppich" vor dem Bundeskanzleramt ausgerollt, um sich den Limousinen der Bündnis-für Arbeit-Teilnehmer in den Weg zu stellen. Ist Kunst für Sie Politik?
Kunst machen ist genauso Politik wie nicht Kunst zu machen. Ich mag keine Agitprop-Künstler, die von bestimmten politischen Parteien hofiert werden und in deren Schemata denken. Die großen Parteien haben alle ihre Hofkünstler, die zu ihrer Regierungsblütezeit aus Dankbarkeit angekauft werden und in den Regierungsbauten hängen. Im weiter gefassten Sinne - Beuys lässt mal wieder grüßen - ist Kunst wie Politik Teil der gesellschaftlichen Plastik. Wie jedes Mitglied der Gesellschaft ist auch der Künstler politisch tätig, bei dem einen ist es sehr sichtbar, bei dem anderen nicht. Wollte ich Politik machen, wäre ich Politiker geworden. Als Künstler kann ich aber mit den selben Mitteln, die unsere Politiker anwenden, um Öffentlichkeit herzustellen, um Beachtung zu finden und Menschen zu erreichen, denjenigen ein Forum bieten, die es sich nicht leisten können, ihre wichtigen Anliegen zu kommunizieren, sprich: Erwerbslosen, Obdachlosen usw. Ich spreche nicht für diese Menschen, sondern lasse sie selbst sprechen, versuche, ihnen eine Plattform zu schaffen, damit sie ihre eigene Politik machen.
M.D.: Während der diesjährigen Fachtagung des Bundesverbandes Alphabetisierung e.V. in Berlin haben Sie vor allen Teilnehmer/innen und Referent/innen den fast nackten Schauspieler Jonas Littauer beschriftet. Diese Aktion "Ich kleide dich in Worte" zeigte sehr eindrücklich, wie nackt ein Analphabet sich unter den Literarisierten fühlt. Warum engagieren Sie sich für Menschen ohne Schrift?
Menschen
mit Lese- und Schreibschwächen sind in unserer Gesellschaft auf sich
selbst gestellt. Sie haben keine Lobby, außer dem Bundesverband
Alphabetisierung interessiert sich kaum jemand für ihre Probleme. Durch
meine Partnerin, die als Dozentin einen Alphabetisierungskurs bei der
Volkshochschule durchführt, habe ich einen Einblick in die Welt der
Analphabeten bekommen. Wenn man mitbekommt, wie dankbar diese Menschen
sind, wenn sie lernen, sich durch Wort und Schrift zurecht zu finden
und wie einfach es sein könnte, den Betroffenen zu helfen, wenn sie
sich nicht in ihrer Scham verstecken würden, dann will man einfach was
tun. Es werden ja immer mehr Menschen, die nicht richtig lesen und
schreiben können, das sind ja mittelalterliche Zustände, auf die wir
zusteuern, wenn sich keiner einmischt. Wir schaffen noch mehr soziale
Unterschiede, Menschen, die nicht mehr lesen können, können nicht ihre
Rechte überprüfen, sind ausgeliefert und Opfer von Willkür und
Machtmissbrauch.
Wir alle sind hier gefordert, in unserer
unmittelbaren Nachbarschaft Menschen das Vertrauen zu geben, sich
helfen zu lassen, ohne dass wir auf sie herabsehen.
C.F. Meyer