
M.D.: 1998 haben Sie Ihren "Arme-Socken-Teppich" vor dem Bundeskanzleramt ausgerollt, um sich den Limousinen der Bündnis-für Arbeit-Teilnehmer in den Weg zu stellen. Ist Kunst für Sie Politik?
Kunst machen ist genauso Politik wie nicht Kunst zu machen. Ich mag keine Agitprop-Künstler, die von bestimmten politischen Parteien hofiert werden und in deren Schemata denken. Die großen Parteien haben alle ihre Hofkünstler, die zu ihrer Regierungsblütezeit aus Dankbarkeit angekauft werden und in den Regierungsbauten hängen. Im weiter gefassten Sinne - Beuys lässt mal wieder grüßen - ist Kunst wie Politik Teil der gesellschaftlichen Plastik. Wie jedes Mitglied der Gesellschaft ist auch der Künstler politisch tätig, bei dem einen ist es sehr sichtbar, bei dem anderen nicht. Wollte ich Politik machen, wäre ich Politiker geworden. Als Künstler kann ich aber mit den selben Mitteln, die unsere Politiker anwenden, um Öffentlichkeit herzustellen, um Beachtung zu finden und Menschen zu erreichen, denjenigen ein Forum bieten, die es sich nicht leisten können, ihre wichtigen Anliegen zu kommunizieren, sprich: Erwerbslosen, Obdachlosen usw. Ich spreche nicht für diese Menschen, sondern lasse sie selbst sprechen, versuche, ihnen eine Plattform zu schaffen, damit sie ihre eigene Politik machen.
M.D.: Während der diesjährigen Fachtagung des Bundesverbandes Alphabetisierung e.V. in Berlin haben Sie vor allen Teilnehmer/innen und Referent/innen den fast nackten Schauspieler Jonas Littauer beschriftet. Diese Aktion "Ich kleide dich in Worte" zeigte sehr eindrücklich, wie nackt ein Analphabet sich unter den Literarisierten fühlt. Warum engagieren Sie sich für Menschen ohne Schrift?
Menschen
mit Lese- und Schreibschwächen sind in unserer Gesellschaft auf sich
selbst gestellt. Sie haben keine Lobby, außer dem Bundesverband
Alphabetisierung interessiert sich kaum jemand für ihre Probleme. Durch
meine Partnerin, die als Dozentin einen Alphabetisierungskurs bei der
Volkshochschule durchführt, habe ich einen Einblick in die Welt der
Analphabeten bekommen. Wenn man mitbekommt, wie dankbar diese Menschen
sind, wenn sie lernen, sich durch Wort und Schrift zurecht zu finden
und wie einfach es sein könnte, den Betroffenen zu helfen, wenn sie
sich nicht in ihrer Scham verstecken würden, dann will man einfach was
tun. Es werden ja immer mehr Menschen, die nicht richtig lesen und
schreiben können, das sind ja mittelalterliche Zustände, auf die wir
zusteuern, wenn sich keiner einmischt. Wir schaffen noch mehr soziale
Unterschiede, Menschen, die nicht mehr lesen können, können nicht ihre
Rechte überprüfen, sind ausgeliefert und Opfer von Willkür und
Machtmissbrauch.
Wir alle sind hier gefordert, in unserer
unmittelbaren Nachbarschaft Menschen das Vertrauen zu geben, sich
helfen zu lassen, ohne dass wir auf sie herabsehen.
Jens Weißflog, Skispringer