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"Ihr geht mir am Arschgeweih"

reticon-Report von Ralf Kellershohn -- [27.03.2005]reticon-Report

[Link Update 18.05. 2005]
In der Süddeutschen Zeitung betrachtet Diedrich Diederichsen den Exhibitionismus der Akteure des Unterschichtenfernsehens der Nachmittags-Talkshows und Big Brother und den Abscheu der Mittelschicht vor dieser Zurschaustellung unter dem Affekt der stellvertretend empfundenen Peinlichkeit noch etwas anderes. Diederichsen erkennt in den Arschgeweihen, Piercings und Glatzköpfen die Proletarisierung ehemals von der bürgerlichen Subkultur im Rahmen ihrer Sinnsuche kompilierter Symbolwelten.


"Das findet man nicht nur peinlich, weil man den ganzen Tiefsinn trübe findet, auf den Tätowierungen und Piercings verweisen. Vor allem finden die Beobachter der Unterschicht es überhaupt unangemessen, dass diese sich ausdrückt. Das nämlich ist nicht nur prinzipiell ein Privileg der selbstverwirklichenden Schichten.

Insbesondere ist es das, weil das stilistische Arsenal, mit dem sich die Auffälligen aus dem Privatfernsehen artikulieren, vor noch gar nicht so langer Zeit den Subkulturen der Mittelschicht gehört hat."
Dieses Bürgertum reagiert wie der Lauscher an der Wand auf die eigene Schand dieser Distinktionsmerkmale, die im "grellen Fokus der Dekontextualisierung" peinlich wirken.

Oder ist es die grundsätzlich arrogante Haltung, eine vermeintliche Dignität und Authentizität des als Eigentum betrachteten Kanons der Symbole gegen die Vereinnahmung für "nicht würdig" befundener Gruppierungen verteidigen meinen zu müssen?

Ähnlich wie ein eifersüchtiger Fan einer Band andere Fans ablehnt, die seiner Meinung nach den Geist der Musik, die Botschaft des Künstlers nicht verstehen, mißinterpretieren, zu dumm sind (da man sich selbst im Einvernehmen mit dem Künstler, im Zwiegespräch der Eingeweihten phantasiert) deshalb in ein falsches Licht rücken und "der Sache" schaden.

Es ärgert den sich als "echten Fan" fühlenden Anhänger, das Hinz und Kunz sich die Insignien und Accessoires des verehrten Künstlers ebenso zulegen können, wie dies er, der echte Fan, kann und sie solchermaßen an der Oberfläche gleich aussehen. Der „echte Fan“ fühlt sich auf einmal in eine Reihe mit Leuten gestellt, von denen er sich gerade durch seine Zugehörigkeit zu einer Gruppe besonderer Kennerschaft zu unterscheiden suchte.

Der sich durch eine frühe Entdeckerschaft ("..ich kannte Marylin Manson/Nine Inch Nails/Dresden Dolls/... schon als sie noch KEINE kannte...") als mit besonderer Interpretationshoheit ausgestattet empfindende "echte Fan" ärgert sich über die Entwertung der magischen Symbole durch inflationäre Verbreitung (des Looks, der im Umfeld einer neuen Musikrichtung aufkommt..) und unberechtigte Aneignung nicht eingeweihter Mitläufer.

Der sich durch seine besondere Kennerschaft dem Künstler (der Band..) näher als all die Ignoranten fühlende Fan, versucht sich (und den Künstler/die Band..) und das als Eigentum reklamierte Thema (die Band, der/die Künstler und der damit verbundenen Botschaften, Attitüden etc.) und die magische Kraft der Symbole und Accessoires durch die Reklamation einer primären Entdeckerschaft und das hieraus abgeleitete Vorrecht zur einer Verwendungs- und Interpretationshoheit gegen die Trivialisierung zu schützen.

Aus dieser Haltung speist sich dann eine Verachtung und Geringschätzung all derer, die den Prüfkriterien nicht entsprechen. Das ist die Verachtung des Fans der ersten Stunde, wenn der favorisierte Künstler/die Band ... auf einmal auf MTV zu sehen sind, in den Nachrichten auftauchen, die Konzerte in zunehmend großen Hallen und Stadien stattfinden ("..ich habe den noch gesehen, als der in gaaaaanz kleinen Clubs vor praktisch keinem Publikum gespielt hat...")


Diese Authentizität und Interpretations- und Verwendungshoheit reklamierende Eifersucht und  Ablehnung der Mittelschicht gegen die Aneignung, inflationäre Verbreitung und Trivialisierung der mit Projektions- und Transformationswünschen aufgeladenen Symbole von Piercings und Tattoos durch die Unterschicht meint Diederichsen beobachten zu können:

"Wer sich heute den Bildband „Modern Primitives“ ansieht, der um 1990 in Kalifornien erschien, entdeckt ein vollständiges Verzeichnis aller Körpergestaltungselemente, die die sogenannte Unterschicht im sogenannten Unterschichtsfernsehen heute spazieren führt.
Doch gehörten all die Piercings und Tattoos damals noch sinnsuchenden bürgerlichen Subkulturen mit Begeisterung fürs Extreme, Exotische oder Esoterische.
Wenn sie die eigenen abgelegten Spielsachen eine gesellschaftliche Etage tiefer wiederentdecken, reagieren die Bürgerkinder beschämt
.

Beschämender aber als die Tatsache, dass sie die einst mit weitreichenden Projektionen verbundenen Zeichen nun ungedeckt bei ungebildeten Unterschichtlern wiederfinden, ist das Verhalten der Bürgerlichen selbst.
Denn in all den Labor-Formaten des Reality-Fernsehens wird Jargon, Körpersprache und Gender-Performance der Versuchspersonen in den grellen Fokus der Dekontextualisierung gestellt.“

Die Selbstdarstellungs-Shows erscheinen Diederichsen als Foren zur Inszenierung und Zurschaustellung peinlichen Verhaltens, die dem fingiert sich entsetzenden Kleinbürger zur moralischen Erbauung, nicht so zu sein, dienen. So rochieren(Danke Diedrich!) diese medialen Genres zwischen „Selbstdarstellung (Stolz) und Beobachtetwerden (Beschämung)

Ebenso wie die Prolet-Gladiatoren in den Medien-Arenen auf die Kleinbürger mit der Mischung aus Abscheu und Anziehung wirken, beeindrucken die vor dem Fernseher sitzende „
echte Unterschicht“ Wie Hauptdarstellern aus der Bodybuildiung-Disko-Welt dem Kleinbürger zur Distinktionsfolie gereichen, stellen Sie für die „echte Unterschicht“ vor dem Fernseher Idole dar:

die neue kulturelle Präsenz von Ausgeschiedenen und Ausgegrenzten geht weit über die Opfer in den Labors des Fernsehens hinaus. Die andere Hälfte der sichtbaren Unterschichtler ist alles andere als beschämt. Und niemand lacht über sie. Einige haben Angst vor ihnen, andere bewundern sie und wollen so sein wie sie, wieder andere entdecken gefährliche Entwicklungen in ihrem raumgreifenden Habitus.

Die Rede ist von vulgären Rappern und trivialen Techno-Protzen, aber auch von stolzen Sportlern, die mit demselben Style, den gleichen Gesten und ähnlichen Accessoires nun alles andere als belämmert in die Kameras blicken. Körperflächendeckende Tattoos zieren schon seit Jahren unsere 110-Meter-Hürdenläufer-Elite, Stabhochspringerinnen schlüpfen gepierct über fünf Meter hohe Latten, tretende Tribalisten wie Effenberg sind die Vorbilder unserer irregeleiteten Jugend. Rap ist in seinem heutigen nahezu komplett depolitisierten Stadium die global erfolgreichste Unterschichtenkultur.

Lesen Sie den Artikel "Du gehst mir am Arschgeweih" von Diedrich Diederichsen in der Süddeutschen Zeitung. Klicken Sie hier...

Lesen Sie zum Thema Identifikation durch Projektion eigener Bedürfnisse auch die famose Kritik "Spirale Abwärts" zur neuen Platte von Trent Reznors NINE INCH NAILS. Klicken Sie hier...

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