
[Link Update 18.05. 2005]
In der Süddeutschen Zeitung betrachtet Diedrich
Diederichsen den Exhibitionismus der Akteure des Unterschichtenfernsehens der
Nachmittags-Talkshows und Big Brother und den Abscheu der Mittelschicht vor
dieser Zurschaustellung unter dem Affekt der stellvertretend empfundenen
Peinlichkeit noch etwas anderes. Diederichsen erkennt in den Arschgeweihen,
Piercings und Glatzköpfen die Proletarisierung ehemals von der bürgerlichen
Subkultur im Rahmen ihrer Sinnsuche kompilierter Symbolwelten.
"Das findet man nicht nur peinlich, weil man den ganzen Tiefsinn trübe
findet, auf den Tätowierungen und Piercings verweisen. Vor allem finden die
Beobachter der Unterschicht es überhaupt unangemessen, dass diese sich
ausdrückt. Das nämlich ist nicht nur prinzipiell ein Privileg der
selbstverwirklichenden Schichten.
Insbesondere ist es das, weil das stilistische Arsenal, mit dem sich die
Auffälligen aus dem Privatfernsehen artikulieren, vor noch gar nicht so langer
Zeit den Subkulturen der Mittelschicht gehört hat."
Dieses Bürgertum reagiert wie der Lauscher an der
Wand auf die eigene Schand dieser Distinktionsmerkmale, die im "grellen
Fokus der Dekontextualisierung" peinlich wirken.
Oder ist es die grundsätzlich arrogante Haltung, eine vermeintliche Dignität
und Authentizität des als Eigentum betrachteten Kanons der Symbole gegen die
Vereinnahmung für "nicht würdig" befundener
Gruppierungen verteidigen meinen zu müssen?
Ähnlich wie ein eifersüchtiger Fan einer Band andere Fans ablehnt, die seiner
Meinung nach den Geist der Musik, die Botschaft des Künstlers nicht verstehen,
mißinterpretieren, zu dumm sind (da man sich selbst im Einvernehmen mit dem
Künstler, im Zwiegespräch der Eingeweihten phantasiert) deshalb in ein falsches
Licht rücken und "der Sache" schaden.
Es ärgert den sich als "echten Fan" fühlenden Anhänger, das Hinz und
Kunz sich die Insignien und Accessoires des verehrten Künstlers ebenso zulegen
können, wie dies er, der echte Fan, kann und sie solchermaßen an der Oberfläche
gleich aussehen. Der „echte Fan“ fühlt sich auf einmal in eine Reihe mit
Leuten gestellt, von denen er sich gerade durch seine Zugehörigkeit zu einer
Gruppe besonderer Kennerschaft zu unterscheiden suchte.
Der sich durch eine frühe Entdeckerschaft ("..ich kannte Marylin
Manson/Nine Inch Nails/Dresden Dolls/... schon als sie noch KEINE
kannte...") als mit besonderer Interpretationshoheit ausgestattet
empfindende "echte Fan" ärgert sich über die Entwertung der magischen
Symbole durch inflationäre Verbreitung (des Looks, der im Umfeld einer neuen
Musikrichtung aufkommt..) und unberechtigte Aneignung nicht eingeweihter
Mitläufer.
Der sich durch seine besondere Kennerschaft dem Künstler (der Band..) näher als
all die Ignoranten fühlende Fan, versucht sich (und den Künstler/die Band..)
und das als Eigentum reklamierte Thema (die Band, der/die Künstler und der
damit verbundenen Botschaften, Attitüden etc.) und die magische Kraft der
Symbole und Accessoires durch die Reklamation einer primären Entdeckerschaft
und das hieraus abgeleitete Vorrecht zur einer Verwendungs- und Interpretationshoheit
gegen die Trivialisierung zu schützen.
Aus dieser Haltung speist sich dann eine Verachtung und Geringschätzung all
derer, die den Prüfkriterien nicht entsprechen. Das ist die Verachtung des Fans
der ersten Stunde, wenn der favorisierte Künstler/die Band ... auf einmal auf
MTV zu sehen sind, in den Nachrichten auftauchen, die Konzerte in zunehmend
großen Hallen und Stadien stattfinden ("..ich habe den noch gesehen,
als der in gaaaaanz kleinen Clubs vor praktisch keinem Publikum gespielt hat...")
Diese Authentizität und Interpretations- und
Verwendungshoheit reklamierende Eifersucht und Ablehnung der Mittelschicht
gegen die Aneignung, inflationäre Verbreitung und Trivialisierung der mit
Projektions- und Transformationswünschen aufgeladenen Symbole von Piercings und
Tattoos durch die Unterschicht meint Diederichsen beobachten zu können:
"Wer sich heute den Bildband „Modern Primitives“ ansieht, der um 1990
in Kalifornien erschien, entdeckt ein vollständiges Verzeichnis aller
Körpergestaltungselemente, die die sogenannte Unterschicht im sogenannten
Unterschichtsfernsehen heute spazieren führt.
Doch gehörten all die Piercings und Tattoos damals noch sinnsuchenden
bürgerlichen Subkulturen mit Begeisterung fürs Extreme, Exotische oder
Esoterische.
Wenn sie die eigenen abgelegten Spielsachen eine gesellschaftliche Etage tiefer
wiederentdecken, reagieren die Bürgerkinder beschämt.
Beschämender aber als die Tatsache, dass
sie die einst mit weitreichenden Projektionen verbundenen Zeichen nun ungedeckt
bei ungebildeten Unterschichtlern wiederfinden, ist das Verhalten der
Bürgerlichen selbst.
Denn in all den Labor-Formaten des Reality-Fernsehens wird Jargon,
Körpersprache und Gender-Performance der Versuchspersonen in den grellen Fokus
der Dekontextualisierung gestellt.“
Die Selbstdarstellungs-Shows erscheinen Diederichsen als Foren zur Inszenierung und
Zurschaustellung peinlichen Verhaltens, die dem fingiert sich entsetzenden
Kleinbürger zur moralischen Erbauung, nicht so zu sein, dienen. So „rochieren“
(Danke Diedrich!) diese medialen Genres
zwischen „Selbstdarstellung (Stolz) und Beobachtetwerden (Beschämung)“
Ebenso wie die Prolet-Gladiatoren in den Medien-Arenen auf die Kleinbürger mit
der Mischung aus Abscheu und Anziehung wirken, beeindrucken die vor dem
Fernseher sitzende „echte Unterschicht“ Wie Hauptdarstellern
aus der Bodybuildiung-Disko-Welt dem Kleinbürger zur Distinktionsfolie
gereichen, stellen Sie für die „echte Unterschicht“ vor dem Fernseher Idole
dar:
„die neue kulturelle Präsenz von
Ausgeschiedenen und Ausgegrenzten geht weit über die Opfer in den Labors des
Fernsehens hinaus. Die andere Hälfte der sichtbaren Unterschichtler ist alles
andere als beschämt. Und niemand lacht über sie. Einige haben Angst vor ihnen,
andere bewundern sie und wollen so sein wie sie, wieder andere entdecken
gefährliche Entwicklungen in ihrem raumgreifenden Habitus.
Die Rede ist von vulgären Rappern und trivialen Techno-Protzen, aber auch von
stolzen Sportlern, die mit demselben Style, den gleichen Gesten und ähnlichen
Accessoires nun alles andere als belämmert in die Kameras blicken.
Körperflächendeckende Tattoos zieren schon seit Jahren unsere
110-Meter-Hürdenläufer-Elite, Stabhochspringerinnen schlüpfen gepierct über
fünf Meter hohe Latten, tretende Tribalisten wie Effenberg sind die Vorbilder
unserer irregeleiteten Jugend. Rap ist in seinem heutigen nahezu komplett
depolitisierten Stadium die global erfolgreichste Unterschichtenkultur.“
Lesen Sie den Artikel "Du gehst mir am Arschgeweih" von Diedrich Diederichsen in der Süddeutschen Zeitung. Klicken Sie hier...
Lesen Sie zum Thema Identifikation durch Projektion eigener Bedürfnisse auch die famose Kritik "Spirale Abwärts" zur neuen Platte von Trent Reznors NINE INCH NAILS. Klicken Sie hier...
Wolfgang Mocker