(zuerst erschienen in: alfa-Forum. Zeitschrift für Alphabetisierung und Grundbildung. Heft 66/2007, S.8f., www.alphabetisierung.de)
Es gibt nicht nur eine Identität. Eine Vielzahl von
Identitäten entsteht in zahlreichen Begegnungssituationen mit anderen. So kann
Frau X eine Identität haben als Ehefrau, als Kollegin, als Nachbarin, als
Chefin, als Tochter, als Mitglied einer Gruppe (Wir-Identität) u.v.m. Es ist
ihre bestimmte Art und Weise, den Rollenerwartungen ihrer sozialen Partner zu
begegnen. Dieses Bündel von Interaktionserfahrungen und den damit verbundenen
Identitäten ist aber noch nicht alles. Vielmehr kann Frau X wie aus einer Meta-Perspektive
heraus ihre verschiedenen Identitäten betrachten, bewerten, vergessen oder sie
auf der Kette ihrer Biografie aufreihen. Der Mensch hat also - wenn es gut
läuft - ein Identitäts-Bewusstsein, ein Selbst-Bewusstsein. Darin erlebt er
sich in einer betrachtenden Gesamtschau seiner verschiedenen Identitäten als
einzigartig anders als die anderen. Es ist - so möchte ich es nennen - sein
„Freiheits-Ich".
Identitäten entstehen im Wechselspiel von Abgrenzung und
Zugehörigkeit. Die Erfahrung der individuellen Besonderheit, der Einzigartigkeit
erfordert die Unterscheidung, die
Abgrenzung von anderen. Zugleich bedarf es aber der sozialen Interaktionen, der
sozialen Zugehörigkeit also, um die individuell einzigartige Beschaffenheit
seiner selbst erleben zu können. Abgrenzung und Zugehörigkeit bilden so eine
Einheit und wechseln nach Zeit und nach Umständen. „Ich bin einzig, aber nur im
Spiegel der anderen" - so könnte man Identitäten beschreiben.
Stellen Sie sich einmal folgende Situation vor: Sie sitzen in
einem Bistro in Paris. Plötzlich bemerken Sie, dass ein Mann zu Ihnen
herüberschaut (der männliche Leser stelle sich bitte im Folgenden eine Frau vor).
Schnell guckt er weg, als er Ihren Blick bemerkt. Jetzt schaut er schon wieder.
Sie spüren es genau. Sie gucken und - zack! - vermeidet der eine so schnell wie
der andere, dass die Blicke sich treffen. In der Zwischenzeit des Vermeidens
und Hinguckens spielen sich ganze Filme ab, besser gesagt Filmmonologe:
„Warum guckt er immer wieder? Was fällt ihm an mir auf? Gefalle
ich ihm gar? Er ist um die vierzig und sehr attraktiv. Bestimmt ein Franzose. Raucht
nicht, trinkt Wein. Er liest Emile Zola. Ich kenne das Buch. Der Mann hat
Geschmack. Ist sportlich. Bestimmt Jogger. Oder Schwimmer? Schickes Jackett. Ob
er erkennt, dass ich Deutsche bin? Wenn ich jetzt lächle, dann wird er mit mir
sprechen. Will ich das oder will ich das nicht?"
In jedem Fall sind Sie beide mitten im Deutungsspiel alltäglicher
Interaktionen, denn auch bei ihm läuft der Film über Sie und ihn hin und her.
Ihre sekundenschnellen Reflexionen in dieser Situation
erfolgen sprachlich:
Sie stellen sich Fragen, beantworten diese, spekulieren,
behaupten, unterstellen, bewerten. Sie konstruieren eine Identität Ihres
Gegenübers. Sie setzen sich dazu wiederum in Beziehung und bilden so eine
eigene neue Identität aus - als Folge Ihrer gedanklich-sprachlichen
Konstruktionen. All dies wird zur Basis Ihres weiteren Verhaltens.
Sie befinden sich bereits in einem Prozess der sozialen
Interaktion, ohne bisher ein einziges Wort mit dem Mann gesprochen zu haben.
Soziale Interaktion ist also auch ohne Sprache, nur mit Zeichen wie Gestik und
Mimik möglich. Doch bei einer Annäherung würde die Interaktion unweigerlich
sprachlich fortgeführt, wodurch ein hochkomplexes System von Botschaften,
Rezeption, Interpretation, Deutung des anderen und seiner Selbst entsteht. Aus
dem Monolog wird der Dialog, der dennoch weiterhin von inneren Monologen auf
beiden Seiten begleitet wird.
Ab dem Zeitpunkt, an dem nun ein echter Dialog beginnt, wird
aus dem inneren Monolog, den Sie in der Ihnen vertrauten Muttersprache führen
konnten, ein stockender, missverständlicher, restringierter Kommunikationsprozess,
denn Sie beherrschen die französische Sprache nur auf Niveaustufe A1 nach dem
Europäischen Referenzrahmen. Damit können Sie ganz einfache Sätze verstehen und
für ganz einfache konkrete Bedürfnisse verwenden. Sie können sich auf einfache
Art verständigen, wenn Ihr Gesprächspartner langsam und deutlich spricht, was
so gut wie kein Franzose tut, vor allem dann nicht, wenn er hört, dass Sie sich
auf Französisch vorstellen und Ihren Beruf bezeichnen können. Dadurch
unterstellt er Ihnen, dass Sie Französisch sprechen und verstehen können. Ihr
Gegenüber hat sich inzwischen tatsächlich als Franzose entpuppt, der keine
andere Sprache als Französisch beherrscht. Ihre inneren Monologe auf beiden
Seiten „sprechen" nun in rasender Abfolge:
„Was heißt denn nur
´Sabbatjahr` auf Französisch? Ich bleibe ja länger, bin nicht nur Touristin.
Muss ich irgendwie umschreiben."
„Aha, sie ist ‚frei
von Arbeit', aber Rentnerin kann sie doch noch nicht sein. Vielleicht
arbeitslos. Was macht sie dann hier in Paris?"
„Er hat mich nicht verstanden, denn jetzt guckt er so
komisch."
„Sie nickt, aber beantwortet meine Frage nicht. Ist sie
vielleicht arrogant diese Dame?"
„Ich rede wie ein Kind. Der denkt doch, ich bin blöd."
Sie werden nervös, finden die Worte nicht, die sie jetzt bräuchten, um Ihre wahre Identität mitteilen zu können, die doch viel mehr ist als nur Level 1. Je länger das Gespräch dauert, desto unzulänglicher fühlen Sie sich. Sie können nicht mehr einschätzen, worum es genau geht. Sie sind unsicher und spüren, dass er es spürt. Als Ihr Gegenüber dann noch irgendetwas sagt von „ein Plaisir machen", steht für sie fest, dass er ein Lüstling ist. Sie verabschieden sich abrupt und lassen ihn verblüfft und enttäuscht zurück. Er aber wollte Sie nur zu einem Getränk einladen und das drückt man im Französischen eher umschreibend aus. „Sind eben arrogant, diese deutschen Frauen", seufzt er und liest weiter.
Diesen gesamten Prozess können Sie auch unabhängig von der
Situation im Bistro später rekonstruieren, weiterspinnen, träumen, rückblickend
verurteilen, in Ihre biografische Kette einreihen oder auch nicht. Auch diese
Meta-Reflexion geschieht in Ihrem Inneren erneut über Sprache[i].
Denken als innerer Monolog bedient sich des Mediums Sprache,
und Identität wird über Sprache vermittelt. Umfassender gesagt über
Kommunikation. Ohne Kommunikation gibt es kein „Ich" im „Wir" und kein „Ich" in
der Abgrenzung vom „Wir". Gestik und Mimik sind zwar auch Kommunikationsträger,
sie erlauben jedoch nur rudimentären Austausch mit hohem Spekulations- und
Risikoanteil. Der Blickwechsel im Pariser Café bliebe ohne sprachliche
Annäherung nur ein Flirt, mehr nicht. Ein Spiel wechselseitiger Vermutungen
ohne jede Gewissheit um die aufeinander sich beziehenden und sich entwickelnden
Identitäten.
Selbst die sprachgeregelte Beziehung ist äußerst störanfällig
und nie wirklich gewiss. Besonders aber dann nicht, wenn - wie im Pariser Café -
nur ein reduziertes Sprach- bzw. Verständigungsrepertoire zur Verfügung steht. Mit
Level A1 können Sie nur eine reduzierte Identität Ihrer selbst dem Gegenüber
abbilden. Entsprechend wird sein Verhalten Ihnen gegenüber beeinflusst, und Sie
erleben diese reduzierte Identität tatsächlich. Sie sind nervös und hilflos,
kompensieren vielleicht noch mit Gestik und Mimik, aber eigentlich sind Sie das
nicht, die da stottert und rot anläuft. In der fremden Sprache sind Sie eine andere
(was durchaus auch bereichernd sein kann, wenn Sie es freiwillig anstreben).
Festgefügte Hierarchien mit festgelegten Rollen, Initiationen
und Ritualen sind in modernen Gesellschaften in den Hintergrund getreten.
Identitäten werden nicht mehr obrigkeitsstaatlich festgelegt. Oft sind sie
unklar wie z.B. die Identität als Jugendlicher in Abgrenzung zu frühreifen
Kindern einerseits und ewig jungen Erwachsenen andererseits. Identität muss
errungen werden, und dazu bedarf es der Sprache.
Sprache ermöglicht die Konstruktion von Welt und der eigenen
Identität in dieser Welt. Damit ist Sprache Voraussetzung für Bewältigung und
Sinnstiftung des eigenen Lebens.
Die Schriftsprache nun ist ein Medium, das Identitätsbildung
ermöglicht auch ohne die direkte Anwesenheit in einer Beziehung. Dieses „Als-Ob"
einer sozialen Teilhabe, wie es beim Lesen gegeben ist, erweitert das Spektrum
an Identitätsbildung ganz erheblich über den Alltag hinaus. Obendrein ist es das
von außen beobachtende Ich, das die Abläufe überschaut und daran spielerisch
partizipiert, ohne Zeitdruck, ohne Handlungsdruck, ohne Angst vor dem
Gegenüber, denn das lebt ja nur im Buch. Auch das Schreiben ermöglicht die
Supervision, die Gesamtschau von außen und damit das Erleben des Ich. Lesen und
Schreiben ermöglichen Identitätsbildungen im Wechselspiel von Dazugehörigkeit
und Abgrenzung. Lesen und Schreiben sind deshalb Daseinserweiterungen.
Funktionalen Analphabeten ist dieses Repertoire der
Identitätsbildung vorenthalten. Und zwar in ihrer Gegenwart genauso wie schon früher
in der Kindheit.
War es nicht der Struwwelpeter, der uns Gut und Böse
unterscheiden ließ? Wir wollten gut sein und nicht in das Tintenfass. Wie bei
jedem anderen Kinderbuch hatten wir Modelle und ordneten uns zu: „So wie der
will ich mal werden, so wie Winnetou." Durch Bücher erhielten wir Modelle von
Identitäten, die es zu Hause so nicht wirklich gab. Das Repertoire an
Lebensmöglichkeiten wurde durch Bücher tausendfach vermehrt, und beim Lesen
konnte man selber entscheiden. Kinder, die lesen, erleben und konstruieren - die
Welten und sich.
Wenn man im inneren Monolog seine Identitäten betrachten und
auf der Kette seiner Biografie aufreihen oder runterfallen lassen kann - wie
viel besser noch gelingt das beim Schreiben: reflektieren, erinnern, ordnen,
neu konstruieren, spielerisch ändern, Visionen entwickeln, Identitäten für die
Zukunft planen und sich selbst dabei stets als Regisseur erleben. Diese Chance
zur Daseinserweiterung, dieser Zugewinn an Ich-Erleben ist
schriftsprachunkundigen Menschen verwehrt.
Schlimmer noch: In den Biografien funktionaler Analphabeten
sind Sprach- und Schriftspracherfahrungen mit tausendfacher Angst verbunden:
Sprache schreit, maßregelt, wertet ab, bestraft, erzwingt das eigene Schweigen.
So die Erfahrung in der Familie, in der die sozialen Interaktionsbeziehungen
oft belastet waren durch Probleme des Geldes, der Elternkrisen, der
Arbeitslosigkeit, des Suffs oder der Angst vor dem sozialen Abgrund. In solchen
Bezügen lernt man auch Kognitionen: „Ich störe." „Ich bin schlecht". „Ich bin
schuld." „Es ist besser, die Klappe zu halten."
Mit Bruchstücken im Tornister wird Schriftsprache in der
Schule zur Qual: Diese Sprache ist fremd. Zu Hause wird eine andere Sprache
gesprochen, geschrieben sowieso nicht. Die Sprache in der Schule ist die
Sprache der anderen. Der Lehrer bewertet, der Lehrer wählt aus. Und wieder
entstehen innere Sätze: „Ich kann nichts." „Ich gehöre nicht dazu." „Ich werde
mit keinem darüber reden." Auch später
als Erwachsener nicht.
Die Wackelböden Ihrer Identität haben Sie, liebe Leserin,
lieber Leser, im Bistro in Paris erfahren. Für einen kleinen Augenblick nur. Das
kann man vergessen. War ja nur wegen der fremden Sprache.
Was aber, wenn die eigene Muttersprache fremd und bedrohlich
ist, ein Leben lang?
Das Recht auf Sprechen, Lesen und Schreiben ist auch das
Recht auf Identität.
Das Erleben des Freiheits-Ich darf keinem Menschen
vorenthalten werden.
[i] Sprache steht hier für ein komplexes Kommunikationsinstrument, das über reine Gestik und Mimik hinausgeht. Es kann sich dabei neben der gesprochenen, gedachten oder geschriebenen Sprache auch z.B. um das Instrument der Taubstummensprache oder andere Verständigungssysteme handeln.
Antje Vollmer