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Glosse: Die Zukunft der Musikindustrie

reticon-Report von Martin Ragg -- [28.06.2004]reticon-Report

Blicken Sie mit uns in die Glaskugel - wir sind besorgt, was wird aus der Musik- und Filmindustrie? Was ist ihr größter Feind?
Sie lesen in der Eingangshalle eines Kinos, Sie bekommen es als Signal, dass der Werbeblock vor dem Film zu Ende ist: Der Feind ist der Raubkopierer.
Diese, d.h. die Menschen, die illegal Musik und Filme kopieren und weiterverteilen sind der erklärte Feind.
Was ist zu tun? Genau - man führt Kopierschutzsysteme ein, droht mit der Staatsmacht, stattet Kinopersonal mit Nachtsichtgeräten aus.
Aber warum das Ganze, wo steckt der Sinn, die versteckte Botschaft? Warum ist das Kopieren auf CD die Bedrohung, warum war es die Kopie früher auf Kassette nicht?
reticon-Report

Schwierige Frage, meist nicht beantwortet. Die Standardantwort lautet: die heutige digitale Kopie ist ja etwas ganz anderes. Kein Verlust, alles wunderbar, 1:1.
Aber hat der Qualitätsverlust jemals gestört? Hören Sie wirklich den Unterschied auf der Autofahrt zwischen CD, Kassette und Radio? Wurde wegen des Qualitätsverlustes weniger kopiert?
Aber Sie haben natürlich Recht, lieber Leser, wie haben da etwas übersehen: Auf Ihrer neuen CD ist ja ein Kopierschutz, der verhindert, dass Sie diese einfach an Ihrem PC kopieren- und nebenbei verhindert er auch, dass die CD im CD-Player des Autos, im mobilen Player zum Joggen ans Laufen kommt.
Dank Kopierschutz entspricht Sie nicht mit dem Red-Book Standard, ist eigentlich gar keine Audio CD, die Sie da haben.
Doch was nun - und weiterhin - warum und wieso?

Das Warum und Wieso ist das Schwierigste. Oft fragen wir uns, ob in den Konzernen noch jemand zu finden ist, der das beantworten kann. Wenn man sich dann die neuen Online-Musikshops anschaut, könnte man zum Ergebnis kommen, dass die Musikindustrie eigentlich gar keine Musik mehr verkaufen möchte.
Soll man Sie als Konsument hierbei unterstützen? Oder stützt man vielleicht durch Konsumverweigerung die Kopierschutzmechanismen? Fragen über Fragen.
Letzendlich geht es wie bei so vielem um Macht und Kontrolle. Die Musikindustrie möchte die Kontrolle über die Verbreitungswege "ihrer" Musik - und zwar bis zum letzten Player, egal ob im Auto, im Keller oder auf dem Dachboden.

Und das Argument ist nicht, dass früher das Kopieren nicht "so schlimm" war, weil die Qualität mit jeder Kopie sank und es Zeit in Anspruch nahm. Vielmehr ist es doch so, dass erst durch die Digitalisierung die Kontrolle überhaupt denkbar wurde und dass man jetzt versucht damit Marktanteile zu sichern und zurückzugewinnen.
Einer Argumentation, die die Einbußen der letzten Zeit in einen größeren Zusammenhang stellt, findet nicht statt. Dass Jugendliche ihr Geld jetzt auch in DVDs, Handy etc. "investieren" wird völlig ignoriert. Gejammert wird nur über die gesunkenen CD-Verkäufe und schuld sind die Raubkopierer.

Als Konsument soll man für jeden Titel einzeln zahlen, am besten mehrmals, am allerbesten für jedes Gerät. Komische neue Welt. Natürlich bedingt dies auch, dass wir ganz dringend neue "Musikindustrie-konforme" Abspielgeräte brauchen. Als Vertriebspartner empfiehlt sich nachdrücklich für Deutschland die GEZ. Da existiert schon eine Infrastruktur, Adresskarteien ... und ganz böse Menschen vermuten auch Inventarlisten ;-)
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Doch was kann man nun aktuell tun?
Wir haben es rezeptartig für Sie zusammengestellt:

  1. Betreiben Sie Konsumverweigerung, keine UN-CDs mehr ins Regal
    Bei der c't erfahren Sie, ob eine CD kopiergeschützt ist:
    http://www.heise.de/ct/cd-register/
  2. Öfter einmal Live-Musik
  3. Wenn schon eine kopiergeschützte CD gekauft wurde, dann sofort eine analoge Kopie für den privaten Gebrauch machen. Das ist legal und ganz einfach. Auch wenn Zeitaufwand und Nutzen in keinem Verhältnis steht, entschädigt das gute Gefühl danach
    Hier hilft das Programm uncdcopy von Rapid-Solutions unter
    http://www.rapidsolution.de/
  4. Nehmen Sie doch einmal Ihr Internet-Radio auf, das ist auch legal und auch einfach. Und Sie können sicher sein, lange gibt es das sicher auch nicht mehr, die Musikindustrie wird es schon ins Visier bekommen.
  5. Üben Sie mit Freunden und Nachbarn schon einmal Chorgesang für die "Zeit danach", wenn die Musikindustrie aus Trotz keine Musik mehr produziert.
Anbei - singen Sie nicht zu laut, vielleicht klingelt es und der nette Musikindustrie Mensch mit dem "MI-Kettchen" möchte Ihre Erinnerung an das Lied löschen. Sie wissen schon, Kopie zu nahe am Original. Noch schlimmer sind dann die nachfolgenden GEMA-Gebühren auf Gedanken
Nachdem Microsoft sich jetzt ein Verfahren patentiert hat, das die Haut zum Datentransfer nutzt, spanische Clubs jetzt Ihren Gästen Microchips zur bessern Abrechnung einplantiert ... ist das alles vielleicht ja kein Blick in die Glaskugel, vielleicht sitzen wir ja schon in der Kugel.

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