"Trip to Asia - Die Suche nach dem Einklang" begleitet die Berliner Philharmoniker auf einer Konzertreise durch Asien. Der Regisseur Thomas Grube (bekannt u.a. durch Rhythm is it) fängt Stimmungen und Meinungen von langjährigen Orchestermitgliedern ein, interviewt sie auf ihren Hotelzimmern und begleitet das Orchester während Proben, Konzerten und auf Reisen. Neben dieser Darstellung des alltäglichen Orchesterbetriebs liegt ein weiterer Schwerpunkt des Films in der Begleitung von vier Musikern, die sich in ihrer einjährigen Probezeit befinden.
Für Nicht-Musiker sei an dieser Stelle eine Besonderheit von Orchestern erklärt:
Um eine feste Stelle in einem Orchester zu bekommen, müssen Musiker in einem Probespiel vor dem Orchester ihr Können unter Beweis stellen. Dies geschieht in mehreren Runden, die aus einem KO-System bestehen, wobei die Orchestermitglieder jeweils über das Weiterkommen abstimmen. Anschließend müssen die Kandidaten in einer Probezeit beweisen, dass sie zurecht das Probespiel gewannen und sowohl musikalisch als auch menschlich ins Orchester passen, auch hierüber entscheidet wieder das Orchester. Bemerkenswert im Vergleich zum "normalen" Berufsalltag und der Prozedur eines Bewerbungsgesprächs mit anschließender Probezeit ist, dass es nicht einige wenige für Personalfragen zuständige Personen gibt, die darüber entscheiden, sondern dass es eine Mehrheitsentscheidung der, im positiven Fall, späteren Kollegen ist. Dies gilt im Übrigen für alle Orchester und ist nicht eine spezielle Idee der Berliner Philharmoniker, wie ich es in einem Beitrag im Internet las.
Zurück zum Film:
Die Berliner Philharmoniker gewähren mit "Trip to Asia - Die Suche nach dem Einklang" einen packenden und teilweise sehr intimen Einblick in das Innenleben eines Orchesters. Für Nicht-Musiker, die die Welt der klassischen Musik allein aus Konzertbesuchen kennen, gibt es mit Sicherheit die eine oder andere Szene, die einem verklärten Blick auf die schöne Künstlerwelt die Illussionen raubt. Das Orchesterleben findet eben nicht nur beim abendlichen Konzert mit toller Musik in schönen Sälen im langen Kleid oder Frack statt. In der Realität sieht man die Mitglieder der Berliner Philharmoniker mit Jetlag nach langem Flug in einer Probe sitzen, sie reisen zwischen China, Taiwan, Japan usw., schlafen erschöpft im Flugzeug und es folgt gnadenlos die nächste Probe.
Neben den Interviews mit einzelnen Mitgliedern des Orchesters und dem Chefdirigenten Sir Simon Rattle, sind Ausschnitte von Proben und Konzerten zu sehen, gespielt und geprobt werden von Thomas Adès „Asyla“, Beethovens 3. Sinfonie „Eroica“ und von Richard Strauss „Heldenleben“. Für mich ein kleiner Kritikpunkt: als Musiker hätte ich mir längere Passagen gewünscht, in denen man in Ruhe der Musik zuhören kann, im Film wird meist nach kurzer Zeit ein Abschnitt eines Interviews eingeblendet, der die Musik überlagert. Die Interviews sowohl mit dem Chefdirigenten, den langjährigen Mitgliedern (Solobläser, Schlagzeuger, Tutti-Streicher etc.) als auch mit den Probejahr-Kandidaten bieten spannende, intime Einblicke in das Seelenleben der Musiker, in ihre Kindheit (wie bin ich zur Musik gekommen...), ihre Selbstdefinition als Musiker, ihre Eingliederung und ihr Selbstverständnis als Mitglieder eines so großen Apparates etc. Für Musiker spannend zu sehen, wie definieren sich andere als Musiker, wie empfinden sie das Agieren, Musizieren, das Funktionieren-Müssen in dem Zusammenspiel mit anderen und für Nicht-Musiker wahrscheinlich ein allererster Einblick in das Innenleben eines Orchesters.
Besonders in den Interviews mit Musikern, die in absehbarer Zeit in Rente gehen, kommt zum Ausdruck, wie emotional man mit dem Beruf des Musikers verbunden sein kann, indem es eben nicht nur ein Job ist, sondern wie ein Interviewter meint, ein Teil von ihm sterben würde, wenn er in Rente ginge.
Ein überaus empfehlenswerter Film, der dankenswert schlicht erst im Abspann verrät, wer das Probejahr geschafft hat und wer leider weiter nach einer Stelle wird suchen müssen.
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Bildnachweis: Alle verwendeten Bilder sind dem Pressematerial zum Film entnommen.
Vergil