Gestern machte eine Nachricht die Runde: Rund 180.000 Beschäftigten im Öffentlichen Dienst reicht ihr Gehalt nicht aus, sie sind zusätzlich auf eine Aufstockung durch Hartz IV angewiesen.
Die Medien greifen die Meldung begeistert auf, recherchieren aber selbst wohl nicht und wie das beim "Stille-Post-Spiel" so ist, wird schlussendlich fast eine Falschmeldung produziert.
Grundlage des Artikels ist die Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Abgeordneten Zimmermann (Links-Fraktion). Als Aufhänger nutzen viele die Angaben zum Bildungssektor, in der Süddeutschen heißt das noch: "Darunter sind fast 33.000 Lehrer und Erzieher, die trotz eines regulären Jobs auf Hartz IV angewiesen sind." (Quelle: SZ)
Andere Medien greifen die Meldung auf, recherchieren aber wohl selbst nicht - meist findet sich irgendwo der Verweis auf die SZ. Schön ist jedoch zu sehen, wie sich die Originalmeldung verändert. So heißt es dann bei der Welt: "Fast 130.000 Arbeitnehmer verdienen im öffentlichen Dienst so wenig, dass sie auf Hartz IV angewiesen sind. Darunter sind auch Zehntausende Lehrer." (Quelle: Welt)
Waren es am Anfang noch "Lehrer und Erzieher" sind es jetzt plötzlich "zehntausende Lehrer" - das ist mehr Klamauk als Recherche und die Zahl sollte doch grundsätzlich stutzig machen - tausende Lehrer können von ihrem Gehalt nicht leben und brauchen zusätzlich Hartz IV?
Spiegel-Online macht z.B. mit dem Klassiker-Symbolbild "Lehrer an Tafel" auf und untertitelt: "Lehrer im Unterricht: Für viele reicht das Einkommen nicht zum Leben" - klingt dramatisch (entpuppt sich aber nachher schlicht als vorsichtig gesagt "Fehlinterpretation" oder härter formuliert "Sensationsgier").
Wir wollten uns ein genaueres Bild machen und gingen auf die Suche - aber weit und breit maximal ein Verweis auf den SZ-Artikel, zwischenzeitlich notierte Google-News mehr als 100 Artikel, die das Thema aufgriffen, aber keiner hat genauere Informationen, dabei ist das gar nicht so schwer. Der Bundestag veröffentlicht alle Anfragen und Antworten - im vorliegenden Fall gibt es allerdings (noch) kein Material. Also zum Telefonhörer gegriffen und im Büro von Frau Zimmermann angerufen, nach 30 Sekunden den persönlichen Referenten Herrn Klenke gehabt, ein sehr nettes und freundliches Gespräch geführt und 10 Minuten später machte es Pling-Plong in der Inbox und Frage incl. Antwort und einem kurzen Statement von Frau Zimmermann lagen vor.
Schaut man in die Antwort des Bundesinnenministeriums ergeben sich direkt die Antworten auf die "Ungereimtheiten":
Aus meiner Sicht geht hieraus recht klar hervor, dass Lehrer ziemlich sicher nicht gemeint sind - es handelt sich um Beschäftigte, die im Bereich "Unterricht und Erziehung" tätig sind und die nicht direkt im Öffentlichen Dienst beschäftigt sind sondern Verträge mit "Externen" haben.
Damit werden die Zahlen zumindest erklärbar, denn schaut man z.B. in den Bereich der Ganztagsschulen, so gibt es dort vermehrt z.B. Vereine, die das Nachmittagsangebot der Schulen organisieren. Das ist kein "Öffentlicher Dienst", Tätigkeitsbereich ist "Unterricht und Erziehung" und hier werden magere Löhne bezahlt, stundenweise Beschäftigung ist an der Tagesordnung und von dieser Tätigkeit alleine werden viele nicht leben können.
Was bleibt: Es ist traurig, dass in den meisten Medien nur selten einer (wenn auch kleinen Meldung) "hinterherrecherchiert" wird. Die Verzerrung in diesem Falls ist jetzt nicht gravierend schlimm, aus meiner Sicht aber doch sehr ärgerlich: Es bleibt ja die Tatsache, dass tausende Menschen von ihrem Job nicht leben können - aber es sind eben nicht Lehrer, die halbtags arbeiten und deshalb auch noch Hartz IV bekommen, der betroffene Personenkreis wird kaum aufgegriffen und bekommt gar nicht die Aufmerksamkeit und Unterstützung, die ihm zusteht. (Das soll nicht heißen, dass Referendare zu viel verdienen und dass Lehrer die Top-Verdiener sind, nur in der jetzt losgetretenen Debatte sind sie die falschen Beispiele).
Zudem ist der Öffentliche Dienst weniger betroffen, einzig im Bereich "Öffentliche Verwaltung, Verteidigung, Sozialversicherung" sind es über 16.000 und diese sind mehrheitlich im Öffentlichen Dienst beschäftigt und diese Zahl ist im Vergleich zu 2005 (da waren es knapp 5.000) deutlich gestiegen. Wir reden hier aber bezogen auf den Tarifvertrag von Entgeltgruppe 1 - da ist es schlicht unfair sich jetzt um Lehrer Sorgen zu machen. Wer über Mindestlohn diskutieren möchte, sollte sich nach diesen Zahlen besser um andere Gruppen kümmern - das hätte auch mancher Journalist merken können.
Und es bewahrheitet sich einfach immer wieder, dass gerade Online-Journalismus wohl zu einem (viel zu großen) Teil aus der unkritischen Übernahme von Pressemitteilungen bzw. Nachrichtenagenturtexten besteht oder wie in diesem Fall der "Ausschmückung" fremder Artikel - und diese werden durch Umschreiben selten besser.
Niccolo Machiavelli