
[Latest Update 03.10.2005 / 11:27] Das hat uns gerade noch gefehlt – eine publizistische PR-Kampagne quer durch alle Medien. Überall lacht es uns entgegen „Du bist Deutschland“. Eine Kampagne, die wohl Mut machen soll und gegen das Miesmachen des Standorts Deutschland angeht. Doch was soll das eigentlich – was für eine komische Kampagne ist das denn?
reticon hat sich nach den ersten Spots, die uns im Fernsehen entgegenstrahlten einmal die Webseite angeschaut, um vielleicht die Verwirrung zu lösen, aber den richtigen Durchblick, warum und wieso haben wir nicht bekommen. Das Ganze sieht zuerst stark danach aus, als sei es bei BILD abgekupfert – auf direktem Weg von „Wir sind Papst“ zu „Du bist Deutschland“. Nun denn, vielleicht hat ja die BILD-Schlagzeilenmannschaft den Kampagnentitel geboren.
Auf der Internetseite kann man sich auf der Intro-Seite in Flash die einzelnen Filme anschauen. Danach geht es dann weiter zur eigentlichen Kampagnenseite. Zuerst einmal schätzen wir keine Internetseiten, die den Nutzer konsequent duzen und ankumpeln. Das hat etwas von Anbiederung und suggeriert Augenhöhe und Tresenkomplizenschaft, die doch erst herzustellen die Kampagne sich bemüht. Im Sinne von: „Wir sind doch alle auf demselben Level“, „Jetzt komm schon“, „Stell dich nicht so an“. Dumm gelaufen ist es für alle, die kein Flash haben, die sind offensichtlich nicht die Zielgruppe – ohne Flash gibt’s keine Inhalte, Barrierefreiheit ist etwas anderes.
Aktiviert man dann aber Flash, kann man in einem Rundgang die Plakatmotive und Filme erleben, um vielleicht den Inhalten ein wenig näher zu kommen. Aber dann ist doch die zentrale Botschaft etwas fragwürdig, die dort vermittelt wird: Was Deutschland fehlt ist „Mut“ und so schreien gerade die Plakate nach mehr Mut für die Menschen und daher heißt es dann „Du bist Helmut Newton, Albert Einstein, Michael Schumacher, Ludwig van Beethoven, Günther Jauch“. Und im Begleittext wird man aufgefordert doch endlich „Mut“ zu haben und die Dinge anzugehen.
Das ist eine etwas naive Weltsicht, die vieles so vereinfacht, dass zum Schluss die vielleicht ursprünglich richtige Idee sehr verzerrt ist. Sicher fehlt vielfach Mut, aber man darf doch nicht verkennen, dass zu einem „Beethoven“ oder einem „Newton“ mehr gehört als „Mut“. Für alle, die wirklich professionell ihrem Job nachgehen und viel Zeit, Arbeit und Kraft investiert haben, ist das doch wirklich der letzte Spruch. Sagen sie doch mal einem Musiker, der versucht eine Stelle in einem Orchester zu ergattern, er solle sich nicht so anstellen und endlich mal „Mut“ haben. Er wird das - zu Recht – als bittere Ironie auffassen und weiter tapfer 8 Stunden am Tag üben und auf „Glück“ beim nächsten Probespiel mit 100 anderen Geigern um eine einjährige Aushilfsstelle hoffen.
Komischerweise werden Unternehmen in den Motiven so gar nicht direkt angesprochen. Die gute Stimmung soll der „kleine Mann“ bringen – warum eigentlich? Mit dieser Attitüde, es läge nur an der Sicht- und Herangehensweise der Einzelnen werden strukturelle Probleme individualisiert und psychologisiert. Als läge es allein an der individuellen Einstellung, dass Deutschland wieder nach vorn kommt. In direkter, suggestiver Gefühlspädagogik ergeht das Kommando, umgehend die richtige Einstellung einzunehmen. Wiglaf, hilf! Als wäre der Anfang der Lösung der Probleme, wenn die Arbeitslosen aufhören zu nölen und schlechte Stimmung zu verbreiten, indem sie ihr tristes Dasein in die Kameraobjekte jeder Sozialdokumentation weinen.
Keinen Mut haben sicher die Unternehmen, die stapelweise Jobs durch Praktikanten erledigen lassen (s. auch reticon-Report: Beruf: Praktikant. Zusatzqualifikation: Hochschulabsolvent). Keinen Mut haben auch die Firmen, die sich Mitarbeiter nur mit kurzen Jahresverträgen „ans Bein binden“ oder permanent damit drohen die Jobs sonstwohin zu verlagern.
Die Kampagne baut so Illusionen auf, denn Mut allein bringt es nicht. Und das ist ja dann eine schöne Botschaft an 5 Millionen Arbeitslose: Man nehme seinen Mut, habe einen Traum und los geht’s. Dass dann oftmals die Realität im Wege steht, dafür gibt es leider kein Plakatmotiv.
Da versucht also ein Konsortium aus Medienfirmen den Standort Deutschland wieder attraktiv zu machen. Doch wer hat denn den Standort schlecht geredet – wer hat denn die letzten Jahre immer wieder gesagt, dass Deutschland zu teuer ist? Kann man schmerzhafte Reformen, Sparzwang, Rentenlöcher etc. einfach schönreden?
Interessant sind auch die Kommentare von Besuchern der Webseite. So heißt es da unter dem Titel „Schön doof“:
„Du bist Michael Schumacher! (Anzeige in der Financial Times) als Imageanzeige für Deutschland. Ein "Deutscher", der seine Steuern lieber in der Schweiz zahlt und dessen einzige Leistung es ist, schnell im Kreis zu fahren.“ (Quelle: du-bist-deutschland.de )
Auch das Medienecho schreit noch nicht Hurra, hier haben die Macher bisher eher kritische Stimmen gesammelt. Die Taz (Offensive für Deutschland) spricht gar von „freiwilliger Fernsehgleichschaltung“. Interessant, dass jemand kritisch berichtet, sind doch fast alle großen Medienunternehmen in Deutschland an der Aktion beteiligt.
Stolz spricht man davon, dass es sich hier um die größte Sozialkampagne in den Medien handelt, mit einem „virtuellen Wert“ von 30 Millionen Euro. Ob sich die Lage in Deutschland wirklich durch eine Kampagne ändern wird?
Auf der anderen Seite haben ideelle Kampagnen derzeit eine enorm Konjunktur: Nach der „White Band“ Aktion vor einigen Monaten folgt nun die „Du bist Deutschland“ Variante. Die Protagonisten überschneiden sich.
Für den Zuschauer neu an diesen Formen ist, dass er nichts tun muss. Er soll kein Geld überweisen, an keiner Demo teilnehmen, muss sich nicht einmal ein weißes Bändchen umbinden (lesenswert zu diesem Konzept "Hupen für den Frieden, saufen gegen den Krieg" auch der böse Artikel von Henryk M. Broder: Das weiße Band der Idiotie). Bleibt zu hoffen, dass bei allen Gefühlsveränderungen und virtuellem Redesign auch etwas real passiert. Aber vielleicht hätte man dazu schlicht die virtuellen 30 Millionen in die Hand nehmen sollen, um die Alfa-Spots des Bundesverbandes Alphabetisierung auszustrahlen. Da kann man zusätzlich auch noch die Effektivität der Kampagne messen.
PS: Ganz böse Stimmen im Forum bei Telepolis (30 Millionen Euro gute Laune) sagen, dass das Logo der Kampagne eine deutliche Verwandtschaft mit einem Kothaufen habe – aber das sind ja sicher nur die alten Pessimisten, die überall etwas rumzumäkeln haben.
[Update 11:51] Lesen Sie zu dem Thema auch den Artikel "Wir sind wirklich toll" in der Online-Ausgabe der Frankfurter Rundschau. Klicken Sie hier...
Lesen Sie auch den Artikel "Offensive für Deutschland" in der Online-Ausgabe der TAZ.. Klicken Sie hier...
[Update 16:10] Das Thema wird dankbar überall aufgenommen, inzwischen gibt es eine Menge an Parodien auf die Kampagne: http://www.flickr.com/groups/dubistdeutschland/pool/
[Update 03.10.2005 / 11:24] Lesen Sie auch den Artikel "DU" in der Online-Ausgabe der Frankfurter Rundschau. Klicken Sie hier...
Lesen Sie auch den Artikel "Mach hinne, Deutschland" in der Online-Ausgabe der Berliner Zeitung. Klicken Sie hier...
Sehr schön auch Stefan Raabs Version der Kampagne "Du bist Deutschland". Klicken Sie hier...
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