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Die Macht der Bilder

reticon-Report von Ralf Kellershohn -- [02.01.2007]

Schon bei der Veröffentlichung der Bilder, die Iraks Diktator Saddam Hussein kurz vor seiner Hinrichtung zeigten, kam die Frage auf: Warum wird das gezeigt? Welche Informationswert haben diese Bilder? Wird mit den Bildern nicht die atavistische Lust am (visuellen) Grusel und Ekel bedient?

Dass ein Bild mehr als tausend Worte sage, ist eine Plattitüde, die sich überbezahlte "Trainer" in Weiterbildungsseminaren zu Pressearbeit noch heute zu formulieren trauen. Eine große Boulevardzeitung wirbt mit dem Spruch "Bild Dir Deine Meinung!".

Und tatsächlich: Was im Kopf haften bleibt, sind Bilder. Es sind die "Bilder eines Jahres", in denen die Jahresrückblicke erzählt werden. Die amerikanischen G.I.s, die während einer Schlacht auf Iwo Jima auf dem Gipfel des Mount Suribachi die amerikanische Flagge hissen, Richard Nixons Victory-Zeichen als er den Helikopter besteigt, der ihn aus seinem Amt trägt, Willy Brandts Kniefall von Warschau, Hanns-Martin Schleyer in den Händen der RAF, usw.

Seeing is believing

Weil Bilder so bedeutsam sind und Geschichten erzählen, Wahrheiten erzeugen, ist es allen Mächtigen immer wichtig gewesen, sie zu kontrollieren. Mao und Stalin ließen aus Fotos die Zigaretten in ihren Händen wegretuschieren. Der nationalsozialistische Staat setzte vor allem auf die Eindruck der Bilder: Lichterdome und symmetrische Massenaufmärsche waren auf den visuellen Effekt hin konzipiert.

Die politische Botschaft transportierte sich nicht so sehr über Programme, Wörter und Konzepte, sondern massenpsychologische Effekte, die - nicht nur, aber v.a. - über das Medium "Bild", das eine intensive, intensive Erfahrung ermöglicht, erzeugt wurden und werden.
Das durch und durch komponierte und kontrollierte Bild arbeitete der visuellen Apotheose einer behaupteten "Bewegung" und Ideologie zu und machte sie sichtbar: Seeing is believing.

Unabhängig davon wie wenig umfangreich die faschistische Bewegung in ihren Anfängen war - nicht zuletzt die Bilder der symmetrisch geordneten Aufzüge, die aus (Menschen-)Haufen Massen machen, erzeugten den Eindruck einer Bewegung. Daher ist es wenn naiv bis zynisch, bei Leni Riefenstahls  Wirken die "schönen Bilder" von der inhaltlichen Konnotierung und Intention zu trennen.

Tief ins kollektive Gedächtnis eingegraben

Die Unterstützung der heimischen Bevölkerung für den Vietnamkrieg brach in den USA nicht zuletzt in dem Moment ein, als die Kontrolle über die Berichterstattung und die Bilder verloren ging: Die Erschießung eines Vietcong auf offener Straße durch den Polizeichef von Saigon, das bei einem Napalmangriff schwer verletzte Mädchen - diese Bilder haben sich tief in das kollektive Gedächtnis eingegraben und sind mit diesem Krieg verbunden.

Wie mächtig Bilder sind, hat Joseph Ackermann erfahren können. Während des Prozesses wegen des Verdachts auf Untreue ließ der Chef der Deutschen Bank sich mit jovial siegesgewissen Grinsen und den zum Victory-Zeichen gespreizten Fingern fotografieren. In dem Foto gerann das trotzig-offensive Selbstbewusstsein eines Mannes, der sich, angesichts der von ihm als solche empfundenen Leistungen, nicht angemessen gewürdigt (und bezahlt) sieht aber für die Öffentlichkeit v.a. mit seinen Entscheidungen nicht zuletzt für massenhafte Arbeitslosigkeit verantwortlich zeichnet, zum Symbol einer kaltschnäuzigen Geringschätzung des Schicksal tausender Mitarbeiter. Der Imageverlust war und ist enorm. Noch in 20 Jahren wird man unter dem Namen Ackermann dieses Bild finden, wie man bei dem Namen "Clinton" das Bild von Monika Lewinsky finden wird und nicht die unzähligen Gesetze und Reformen.

[Anmerkung, 22.07. 2008: So hat diese Prägung sogar das Symbol Gehörloser für Bill Clinton geprägt.]

So wird auch die Geschichte von Saddam Hussein wesentlich in Bildern erzählt: "Drei Bilder stehen für seine Herrschaft über den Irak" schreibt die Süddeutsche Zeitung über Iraks Diktator Saddam Hussein. Zur Erzählung einer Geschichte gehören Bilder. Die Gewaltherrschaft Saddam Husseins ist untrennbar mit den Bildern des umjubelten Potentaten verbunden und den toten Zivilisten die dem von ihm befehligten Giftgasangriff. Zur der Erzählung dieser Geschichte gehören auch die Bilder vom Ende.

Opfer von Saddams Zwangsherrschaft brauchen das Bild, um wirklich glauben zu können, dass der Bann gebrochen ist, dass es vorbei ist. Die Henker wollen den Beweis liefern, dass es vorbei ist.

Woher aber das "allgemeine Interesse"? Wieder zeigt sich: Wenn es Bilder gibt, will man sie auch sehen. Dabei sind die Betrachter von unterschiedlichen Motiven angetrieben: Unbeteiligte treibt eine Lust am Grusel und Ekel.

Man denke nur  an die grausame Enthauptung des Amerikaners Nick Berg durch Terroristen, die das Video von dem Mord ins Internet stellten, was einen makabren Ansturm im Internet auslöste. In den 48 Stunden nach Bekanntwerden der Enthauptung hatten Anfragen nach dem Video mit Suchbegriffen wie "Nick Berg Video", "Nick Berg Enthauptung" und "Nick Berg Exekution" Popstars und Porno-Seiten als Spitzenreiter bei der Hitliste der Suchbegriffe abgelöst.

Die Versehrtheit anderer zu sehen bedient nicht nur einen gewissen Sensationsbedarf im Wortsinne verstanden als Bedarf der Anregung der Sinne, was als Bestätigung für die eigene Lebendigkeit erfahren wird, der berühmte Kick, die zum Ereignis verdichtete Wirklichkeitserfahrung. Das Bild stellt auch eine unmittelbare Nähe zum Dargestellten dar. Es ermöglicht so ein Miterleben und Nachvollziehen des Gezeigten unter Wahrung und zur Selbstversicherung der eigenen Unversehrtheit.

In der strategischen Kommunikation (a.k.a. Propaganda) werden Bilder um dieses Effektes Willen gezielt verwendet: Die sinnlich unmittelbare Beeinflussung und Erregung der Betrachter soll diese zu bestimmten Handlungen und Einstellungen bewegen.
So versuchte der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping während des Jugoslawienkriegs seine blumige Sprache durch das Zeigen effektvoller Bilder, die die behauptete Barbarei belegen sollten, im Bundestag zu unterstreichen. Zudem bedient sich strategische Kommunikation v.a. auch deshalb bei Bildern, weil diese scheinbar objektiv sind: Schließlich bilden sie lediglich vorhandene Wirklichkeit ab. Dabei verbirgt das Bild das Entscheidende: Bilder sind gemacht. Der die Perspektive, den Ausschnitt wählende Erzeuger ist im Bild nicht sichtbar. Auch wenn sie Wirklichkeit abbilden, ist es die Auswahl eines bestimmten Ausschnitts, die aus der scheinbaren Objektivität des Faktischen eine Interpretation und Bewertung machen. 

Das Prinzip "Gaffer"
Der Mensch will, muss nah ran, um glauben zu können. Der ungläubige Thomas muss seinen Finger in die Wunde legen, um wirklich glauben zu können, den leibhaftigen Jesus vor sich zu haben. Im Wort, der Vernunft, dem Verstand (im Griechischen durch LOGOS synonym bezeichnet) verliert sich die Wahrhaftigkeit im semiotischen Dreieck des bezeichnenden Zeichens, des Bezeichneten und des Gemeinten.

So bleiben wir auch in Zeiten zunehmender Rationalität dem Irrationalen verhaftet. Es scheint als hielten Kultur und Natur nicht Schritt, als würden die Ge- und Verbote, der Anstand, die guten Sitten auf einem Blatt, die Sensationslust aber auf einem anderen Blatt stehen.

Die virtuelle Gosse am heimischen PC
Die Lust am Grauen wird nicht zuletzt durch die schier unbegrenzten Möglichkeiten der Allverfügbarkeit von Bildern über das Internet und aufgrund der - jedenfalls meistens so empfundenen - gewahrten Anonymität des Nutzers, befördert: Menschen, die sich in den Zeiten vor dem Internet nie "verbotene Bilder" besorgt hätten - aus Angst vor den sozialen Sanktionen, dem Milieu, in dem die Ware angeboten und umgesetzt wird, aufgrund der aufwendigen Beschaffungswege und der notwendigen intensiven Verschleierungsbemühungen (schließlich will man nicht beim Verlassen einschlägiger Lokale gesehen werden) - werden in der vertrauten, anonymen Atmosphäre vor dem heimischen PC scheinbar eher zum Kunden der schnellen, kostenlosen (oder günstigen) Erregung.

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