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Deus Ex Machina

reticon-Report von Martin Ragg -- [06.04.2004]reticon-Report

Die Geschichte
Inspiriert durch einen Artikel auf Spiegel-Online von Tobias Moorstedt, indem in einem Interviews zur Neuauflage des Computerspiels Deus Ex II kurz auf die Verwendung des Deus-Ex-Machina-Prinzips eingegangen wurde, möchte ich Ihnen dieses doch sehr alte Prinzip näherbringen und seine Verwendung als Element in den Neuen Medien betrachten.

Ursprünglich stammt Deus Ex Machina aus dem griechischen Theater. Der Begriff selbst stammt aus dem frühen 18. Jhd. bezieht sich aber auf das griechische Theater. Hier schwebten an einem Kran Götter, die bei Bedarf hereingeschwenkt wurden und in die Handlung eingriffen.
Sie kamen meist dann zum Einsatz, wenn es galt verworrene Situationen aufzuklären oder so zu lösen, dass die Handlung fortgeführt werden konnte.

Man findet dies z.B. in Redewendungen wie er kam als rettender Deus ex machina. Im Laufe der Zeit etablierte sich Deus Ex Machina als Begriff für ein Prinzip, das eher negativ besetz war. Besonders in der Literatur sprach es aber oft nicht gerade für die Kreativität des Autors, wenn Kritiker von Deus-Ex-Machina sprachen. Dies stand sinnbildlich für eine nicht stringente Handlungsentwicklung.

Beispiele
Schaut man in die jüngere (Literatur-) geschichte so findet man einige Beispiele des Deus-Ex-Machina Prinzips.
Z.B. wird der reitende Bote in Brechts Dreigroschenopen otmals als Deus Ex Machina bezeichnet.
Man findet es als direkte Verwendung z.B. bei Rosa Luxemburg:

Wird mit der Erweiterung der Produktion im Lande mehr Geld erforderlich, so wird eben auch die Goldproduktion dementsprechend erweitert.(5) Wir landen also schließlich glücklich beim Goldproduzenten, der schon bei Marx die Rolle des Deus ex machina spielt. (Luxemburg, Akkumulation des Kapitals, Kap. 22)

In nachfolgender Buchrezension wird der oft enthaltene negative Aspekt deutlich:
Es gibt Bücher, die müssen nicht unbedingt sein - dies hier ist so eins. Gut, wer es mag, daß das Deus ex machina-Prinzip ausgiebig zum Einsatz kommt, wer sich nicht daran stört, daß die Motivationen einzelner Handlungen nicht unbedingt notwendig sind, wer sich damit zufrieden gibt, einer inkonseqenten und zusammengewürfelten Gesamthandlung zu folgen und sich an dumm-witzigen Wortspielen erfreuen kann, bitte.
(Quelle: http://www.luise-berlin.de/Lesezei/Blz98_11/text44.htm)

Was hat nun aber Deus-Ex-Machina mit den neuen Medien zu tun?
Die These ist, dass Deus-Ex-Machina hier eher spielerisch und vor allem bewusst verwendet wird. Es wird quasi zu einem Stilelement, das Eingang in die Programmierung von Computerspielen, Filmen und vielleicht sogar selbst ein modernes Programmierprinzip ist.
Doch davon mehr im nächsten Teil dieses Artikels.

Neue Medien und Deus Ex Machina
In dem bereits erwähnten Spiegelartikel lösten die Programmierer die verworrene Situation "Spieler verlässt die vorgegebene Computerwelt" durch einen netten Trick, mit dem sie die Welt überraschend neu erklärten und die Geschichte "hält".
Auf der Suche nach weiteren Verwendungen in heutigen Medienproduktionen bin ich schnell auf den zweiten Teil der Matrix-Trilogie gestoßen. Wie in den Matrix-Filmen üblich wird mit Bezügen und Anspielungen ausführlich gespielt (verwiesen sei alleine auf die Namensgebung: Die Stadt Zion, Der Auserwählte, Das Schiff Nebukadnezar etcpp.

Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass man auch eine ausführliche Anspielung auf  Deus Ex Machina findet. Es handelt sich um eine Szene am Ende des zweiten Teils, das Treffen zwischen Neo und dem Architekten.
Neo gelangt mit Hilfe des Schlüsselmachers in einen geheimen Raum und begegnet dort dem Architekten. Dieser stellt ihn vor eine eigentlich nicht zu treffende Entscheidung - die klassisch verworrene Situation:
Verlässt Neo den Raum durch die linke Tür, stirbt seine Liebe Trinity, aber die Menschheit und Zion werden gerettet. Nimmt er die rechte Tür, rettet er Trinity, Zion wird jedoch vernichtet.
Diese ausweglose Situation löst Neo auf, er rettet Trinity und es scheint zuerst, als ob Zion tatsächlich verloren ist. Aber im weiteren Verlauf zeigt sich, dass er auch in der "realen" Welt neue Möglichkeiten gegenüber den Maschinen hat. Er hat gewissermaßen den gordischen Knoten zerschlagen.
In Matrix bedienen sich die Wachowskybrüder des Deus Ex Machina-Prinzips als Mittel der Spannungssteigerung. Die Handlung kann fortgesetzt werden, der Zuschauer wartet gespannt auf den dritten Teil. Dass dies nur teilweise geklappt hat, konnte man an den unterschiedlichen Reaktionen auf die Fortsetzungsteile sehen.
Man kann die Matrix-Szene sogar noch weiter interpretieren. Neo begegnet mit dem Architekten quasi dem Gott der Maschinen als dem Deus In Machina - ob dies von den Drehbuchschreibern vorgesehen war sei dahingestellt.
Insgesamt ist das Deus Ex Machina Prinzip hier bewusst eingesetzt worden als eines von vielen Motiven, auf die man anspielend zurückgriff.

In der Recherche zu diesem Artikel bin ich noch auf eine andere Verwendung von Deus Ex Machina gestoßen. Aus diesem Grund zum Abschluss des Artikels ein Verweis auf ein Interview mit Roger Sennert zum Thema "Deus Ex Machina aus Sicht der Informatik".

Wir haben uns entschlossen das Interview als separaten Beitrag zu veröffentlichen, da es den Rahmen dieses Artikels gesprengt hätte.
Zum Interview mit Roger Sennert

Verwendete Quellen:

Nachfolgend die verwendeten Quellen zu diesem Artikel, z.T. habe ich die stichwortartigen Skizzen belassen, falls jemand sich tiefer mit diesem Thema beschäftigen möchte.


IDS Mannheim
http://www.ids-mannheim.de/lexik/fremdwort/artikel/Deusexmachina.pdf

Franziska Schröder: Wörter unter der Lupe
http://nextgalerie.de/deutsch/deus-ex-machina.htm

Deus ex Machina Goedart Palm   04.04.2001
SMS als virtueller Gottesbeweis oder: Zur Kommunion von Kirche und Medien
http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/7274/1.html

Das Internet selbst als Deus ex machina, das plötzlich alle Probleme löst

Semantic Web als DEM, siehe c't

Brecht, Dreigroschenoper, der reitende Bote

Rosa Luxemburg: Akkumulation des Kapitals (Kap. 22)
Wird mit der Erweiterung der Produktion im Lande mehr Geld erforderlich, so wird eben auch die Goldproduktion dementsprechend erweitert.(5) Wir landen also schließlich glücklich beim Goldproduzenten, der schon bei Marx die Rolle des Deus ex machina spielt.

Aus einer Buchrezension:
Es gibt Bücher, die müssen nicht unbedingt sein - dies hier ist so eins. Gut, wer es mag, daß das Deus ex machina-Prinzip ausgiebig zum Einsatz kommt, wer sich nicht daran stört, daß die Motivationen einzelner Handlungen nicht unbedingt notwendig sind, wer sich damit zufrieden gibt, einer inkonseqenten und zusammengewürfelten Gesamthandlung zu folgen und sich an dumm-witzigen Wortspielen erfreuen kann, bitte.
http://www.luise-berlin.de/Lesezei/Blz98_11/text44.htm


SPIEGEL ONLINE: "Deus Ex Machina" ist ein Stilmittel der griechischen Tragödie. Situationen, die aus der Handlung heraus nicht aufgelöst werden können, wurden durch das Eingreifen einer Gottesfigur gelöst. Damals schwebte die Gottesfigur in einer kranartigen Maschine über der Bühne. Wo steckt Gott bei Ihnen? In der Videospielkiste?
Smith: Der Spieler ist Gott. Die Kontrolle über Gen- und Nanotechnik bedeutet doch unbegrenzte Macht. Es gibt viele Auflösungen der Geschichte in dem Spiel. Aber in einem Ende, dem Happy End sozusagen, teilt sich die Menschheit friedlich die Technologie und erhält unbegrenzte Ressourcen. Verteilungskämpfe wären dann nicht mehr notwendig. Ein schöner Gedanke. Aber so muss es ja nicht kommen.
http://www.spiegel.de/netzwelt/netzkultur/0,1518,289094-2,00.html

Obervorsteher und Dirigenten der Schicksale (Golem, gleichgesetzt mit DEM), Stanislaw Lem
http://www.heise.de/tp/deutsch/kolumnen/lem/5706/1.html

Deus Ex Machina als Prinzip, das einen Unterschied zwischen Realität und Virtualität aufzeigt

Smith: Es gibt so genannte subversive Spieler, die eigene Interessen und Ziele entwickeln und nicht mehr die vorgeschlagene Storyline verfolgen. In "Deus Ex 1" gab es zum Beispiel Tretminen. Ein paar Spieler haben die aber nicht benutzt, um etwas in die Luft zu jagen, sondern haben sich mit den Bomben eine Trittleiter gebaut, um Wände hochzuklettern. Irgendwann krabbelten sie dann aus der Spiel-Landkarte heraus.
SPIEGEL ONLINE: Und erfuhren sie, was sich im Jenseits befindet?
"Possibility Rooms": Möglich ist, was die "Spiel-Physik" zulässt
Smith: Ja. Das sind Programmiererspäßchen. Man steht dann auf einem Würfel, der das Universum enthält, unter einem endlosen Sternenhimmel. Und dann stehen da noch eine Lampe und ein leeres Sofa. Wir hätten nicht gedacht, dass das mal jemand zu sehen bekommt. Aber die Leute lieben es. In einem Brief beschrieb das einer mal als spirituelles Erlebnis.
http://www.spiegel.de/netzwelt/netzkultur/0,1518,289094,00.html


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