Nachdem die ungeheurlichen Vorgänge in einer Hildesheimer Berufsschule (siehe Reticon News) bekannt geworden sind, bei denen Mitschüler einen 18jährigen über Monate quälten und demütigten, stehen die Erwachsenen wieder einmal vor einem Fall ungeheuerlicher Gewalt Jugendlicher.
Die Täter hatten einen Mitschüler u.a. geschlagen, gezwungen Zigaretten zu essen und diese immer wiederholten Demütigungen auf Video aufgezeichnet und ihren Mitschülern vorgeführt.
Die BILD Zeitung stellt sich dabei mal wieder an die Spitze voyeuristischer Berichterstattung und präsentiert heute in Ihrer Online-Ausgabe das "Folter-Video aus der Schule der Angst" in einzelnen Bildern.
Welchen informativen Mehrwert haben die Bilder, außer, dass sie die Jahrmarktsneugier auf das Abseitige bedient? Das unter der klebrig bigotten Vorgabe der solidarisierenden Entrüstung, die scheinbar erst durch die hochrealistische Repräsentation im Bild und nicht allein durch das Wissen um den empörenden Vorgang an sich mobilisiert werden kann, die Würde des Opfers nochmals zu Schaden kommt, wird hier -wie häufig- außer Acht gelassen.
Unter der Vorgabe einer allgemeinen Ächtung präsentiert die BILD Zeitung heute "Szenen, die kaum zu ertragen sind - klicken Sie hier!".
Ist es Wahnsinn hat es doch Methode.
Im Kommentar distanziert sich die BILD (anstelle des auf der Seite des Anstands stehenden Lesers) von Widerlichem, Abartigem und sonstwie Abweichendem, um sogleich das, von dem sich der Konsenz der BILD Öffentlichkeit entrüstet distanziert, ausführlichst auszubreiten: so erklärt es sich z.B., dass BILD ein konservatives Beziehungs-und Ehekonzept fährt, wenn sie über Wochen über den "Ehekrieg" von Sabine Christiansen oder Uschi Glas berichtet, aber mit den Seite 1 Mädchen, den gesichtslosen (Boxen-, Party-, Strand-, etc.- )"Ludern" und im Grunde die Programmatik der umfassenden Pornographisierung aller (medialen) Verhältnisse vorantreibt.
Es ist das Konzept "Gaffer": indem man ganz nah rangeht, wird der voyeuristische Benefit, der "Thrill", das Prickeln des Poronographischen, Ekligen, Skurrilen usw. maximal möglich ausgeschlachtet,wobei man sogleich sich von eben diesen Inhalten, an denen man voyeuristisch teilnimmt hat, distanziert.So ist es möglich, den Genuss desAbgelehnten zu kommen und sich zugleich als nicht zu dem "Schmutz"beteiligt zu fühlen.In diesem Sinne ist es BILD möglich,ständig oben-ohne-Bilder zu präsentieren (Die Neue von Olli Kahn: N-A-C-K-T!) und zugleich Artikel über den moralischen Verfall der Stars zu verbreiten.
Die BILD berichtet am Ende des Artikels: "Gestern wurde ein weiterer Folter- Fall bekannt: An einer Hauptschule im Landkreis Erding (Bayern) misshandelten fünf Jugendliche (alle 15) einen Mitschüler (14). Das Opfer musste unter anderem seinen Kopf in ein Pissoir halten."
Wir sind schon jetzt gespannt auf die BILDer...
Lesen Sie auch den Kommentar von Cathin Kallweit "Schule der Gewalt"in der Süddeutschen Zeitung vom 12.02.2004.
Arthur Schopenhauer
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